Ich gehöre zu der Fraktion Menschen, die „Shades of Grey“ nichts abgewinnen kann. Da mir der Schreibstil zuwider war, habe ich es auch nicht bis zu Ende gelesen, aber weit genug, um den Kopf schütteln zu können. Was soll daran Liebe sein?

Den Impuls für diesen Beitrag habe ich von Nina Hasses Artikel bekommen, in dem sie sich darüber wundert, warum Romane, in denen Gewalt, Besitzanspruchsdenken, Ungleichgewicht in Beziehungen und groteske Vorstellungen von Liebe verharmlost werden, so unheimlich beliebt sind. Ich möchte an dieser Stelle einmal versuchen, den Reiz solcher Bücher aus Lesersicht zu erforschen und mein Bedenken klarzumachen.

 

Worum geht es?

Spätestens seit dem Erfolg von „Shades of Grey“ sind Romane (wieder?) „in“, in denen die Rollen klar verteilt sind: Die Frau (meistens die Protagonistin, aus deren Sicht erzählt wird), ist eher schüchtern, wirkt schwach, fällt nicht weiter auf und ist meistens ein ziemlich unerfahrenes, armes Ding, das vom Leben keine Ahnung hat. Häufig ist sie intelligent, studiert vielleicht, aber gerade im Liebesleben sieht es bei ihr düster aus: kaum Erfahrungen, und wenn, dann keineswegs gute.

Der Mann hingegen ist in den meisten Fällen das Gegenteil: Natürlich gutaussehend (meistens sogar so unvorstellbar gutaussehend, dass es einem schon den Atem verschlägt, wenn er nur den Raum betritt), möglichst auch reich bis sehr reich, erfolgreich im Leben, er hat eine „Ich nehme mir, was ich will“-Mentalität und seine Umwelt behandelt ihn mit einem Heidenrespekt.

Was ist daran schlecht?

Im Grunde erst einmal nichts. Wir Menschen sind immer fasziniert von Dingen (und Personen), die erfolgreicher sind als wir selbst und viele von uns träumen selbst davon, einmal reich und beliebt zu sein. Wenn eine der Romanfiguren diesen Traum dann verkörpert, fasziniert die Figur uns. Gehen wir hier doch mal in die Tiefe:

 

Warum sind so viele Frauen von Machos fasziniert?

 

Im wahren Leben wollen die meisten Frauen keinen Macho zu Hause haben, das hat sich auch mit dem Trend der Machobücher nicht geändert. Dennoch sind viele Frauen oberflächlich von Machos fasziniert: sie nehmen sich einfach, was sie wollen, und niemand nimmt es ihnen krumm.

Ohne zu soziologisch werden zu wollen: Das ist eine Sache, die „Frauen nicht machen“ (so jedenfalls noch immer das Kollektivdenken!).

Frauen stecken auch in unserer heutigen Gesellschaft meiner Meinung nach noch immer etwas mehr in Zwängen als Männer (Ausnahmen gibt es hier natürlich dennoch). Auch heute sind es oft noch die Frauen, die ihren Beruf für ihre Kinder dauerhaft zurückfahren, während die meisten Väter zwar mittlerweile Elternzeit nehmen, aber in der Regel gibt es hier kein Gleichgewicht (die meisten Mütter sind 12 von 14 möglichen Monaten zu Hause und der Vater 2 Monate; Quelle).

Ganz ehrlich: Wenn man als Frau seinen eigenen Weg gehen will, sich vielleicht sogar gegen Kinder und für Karriere entscheidet, sich bewusst nur auf schnelle Nummern einlässt und sich nimmt, was frau will, dann wirft es kein gutes Licht auf sie. Bestenfalls stempelt man sie als „schwierig“ oder zickig ab, schlimmstenfalls wird sie gemieden. Bei Männern heißt es bei gleichem Verhalten, er „stoße sich die Hörner ab“.

Alles Hormone und Sehnsucht nach Anerkennung?

Natürlich wollte ich wissen, warum Frauen denn aus wissenschaftlicher Sicht eher auf Machos stehen als auf die fürsorglichen Vätertypen. Eine mögliche Antwort: Evolutionär gesehen ist der lauteste Gorilla der beste Paarungspartner, und die meisten emotionalen, fürsorglichen Männer sind nicht diejenigen, die auf einer Party mit den meisten Frauen flirten.

Man könnte es also auf die Hormone schieben, aber das wäre sicherlich etwas einfach gedacht.

Ein weiterer Punkt, der genannt wird, ist die Sehnsucht nach Anerkennung. Hier kommen wir zu einem interessanten Punkt, der uns auch als Schriftsteller neugierig machen sollte, weil man dieses Hintergrundwissen gut in die Figurenentwicklung einfließen lassen kann.

Häufig stehen solche Frauen auf Machos, die sich in ihrem Leben nach Anerkennung und Wertschätzung sehnen.

Ein Paradoxon, denn gerade von den Machos gibt es in der Regel keine echte Anerkennung, aber: Sie spielen den Frauen zumindest am Anfang vor, dass sie etwas ganz Besonderes für ihn sind.

In vielen Romanen dieser Art ist es so, dass die Protagonistin die erste Frau ist, die wahre Gefühle in ihm auslöst. Bei ihr kann er sich zum ersten Mal „verlieben“ (viel von echter Liebe ist das aber nicht) oder verarbeitet irgendeine Verletzung aus der Vergangenheit durch ihre Zuneigung zu ihm. Das gibt der Frau das Gefühl, besonders zu sein, wichtig zu sein und etwas wert zu sein.

Leider ist das noch lange keine echte Liebe, weil, wie Nina es erwähnt, grundsätzliche Voraussetzungen für eine Beziehung auf Augenhöhe nicht erfüllt werden (echte Anerkennung, Respekt gegenüber der Grenzen des anderen, Rücksichtnahme, Treue/Loyalität, …).

Durch das tief verwurzelte Denken, „Ich habe keine Liebe verdient“ wird der unwürdige und respektlose Umgang mit der Protagonistin verziehen. (So meine These).

 

Wenn Liebe mit Anerkennung verwechselt wird

 

Was ist der Unterschied zwischen „Oh, ich brauche dich so sehr!“ und „Oh, ich liebe dich so sehr!“?

Jemanden zu brauchen, kann egoistisch sein. Wenn jemand mir sagt, dass er mich braucht, beklemmt mich das, weil ich nicht die Verantwortung für ihn übernehmen will (wir sprechen hier von zwei Erwachsenen, bei Eltern-Kind-Beziehungen ist das natürlich anders, weil es eine echte Abhängigkeit gibt).

Ein Mann, der einer Frau sagt, er brauche sie, fragt nicht danach, was für sie das Beste ist, sondern konzentriert sich auf sich selbst (gilt natürlich auch andersherum). Wenn man ehrlich wäre, müsste man sagen: „Ich brauche dich, weil du mir das Gefühl gibst, wichtig zu sein“ oder „… weil ich mich nur wertvoll finde, wenn du mich anhimmelst“.

Ich weiß aus meiner Arbeit, dass unheimlich vielen Frauen Selbstvertrauen fehlt. Ich hoffe sehr, dass sich das in der kommenden Generation ändern wird, habe aber meine Zweifel. Frauen, die sich selbst wenig zutrauen und nicht voller Liebe zu sich selbst sagen können: „Ich bin ein wirklich wertvoller, toller Mensch!“, sind sehr empfänglich für Macho-Gehabe und verlieren sich nur zu gern in dem Gedanken, dass ein Ritter auf dem weißen Pferd angeritten kommt, sie aus ihrem armen Leben befreit und von nun an dafür sorgt, dass es ihr gut geht.

Das hat allerdings wiederum nichts mit Liebe zu tun. Mein Mann (meine Frau) ist nicht dafür verantwortlich, dass ich ein schönes Leben habe, sondern ich selbst! (Natürlich in Absprache mit allen Beteiligten, denn die Grenzen des Gegenübers sollten immer gewahrt und respektiert werden.)

 

Abgabe der Verantwortung

Mir kam noch eine Idee, warum wir Frauen zu einem großen Teil gerne Romane lesen, in denen der Mann aktiv ist, Entscheidungen trifft und die Frau sich einfach nur zu fügen hat:

Die Emanzipation ist ja nicht spurlos an uns vorübergegangen. Es ist keine neue Information, dass sehr viele Frauen versuchen, alle Bälle in der Luft zu halten: Sie wollen Karriere machen und trotzdem „gut erzogene“ Kinder haben, den Haushalt schmeißen, top aussehen, sich gesund ernähren, vielleicht etwas Sport machen und natürlich in ihrer Freizeit ihren eigenen Interessen nachgehen (schreiben?), aber auch genug Qualitätszeit mit der Familie verbringen.

Es gibt genug Männer, die auf ähnlich vielen Hochzeiten tanzen, aber mir erscheint es subjektiv so, dass Frauen sich dabei sehr viel mehr unter Druck setzen, alles unbedingt erfolgreich machen zu müssen. Fehltritte und Rückschläge darf es nicht geben. Wenn der Haushalt unter der Berufstätigkeit leidet, macht sich frau oft Vorwürfe (ich bin da wohl eine Ausnahme :D)

Deshalb genießen es Frauen oft, einfach mal alle Verantwortung abgeben zu können. Sei es im Urlaub, wenn man jemand anderes auf die Kinder aufpasst, bei der Wahl des Restaurants oder eben auch beim Lesen. Sie identifizieren sich dann mit der Protagonistin, die sich um nichts kümmern muss und sehnen sich ein kleines bisschen danach, auch mal wieder in der Position sein zu können, einfach andere das Ruder übernehmen zu lassen.

 

Oder liegt es an der Zielgruppe?

Hier noch eine Idee, auf die mich mein Mann gebracht hat: Ich fragte ihn, warum wohl Romane mit starken Frauen als Protagonistinnen weniger erfolgreich seien als Romane mit schwachen Frauen und starken Männern.

Unsere Überlegung: Falls es so ist, dass die Leserinnen von „Pseudo-Liebesromanen“ eher zu den von Selbstzweifeln gepackten Frauen gehören und selbstbewusste Frauen diese Bücher meiden, könnte man die These aufstellen, dass selbstbewusste Frauen weniger Trivialliteratur lesen als Frauen mit weniger Selbstbewusstsein.

Möglicherweise ist das ein Wespennest, in das ich mich nun hineinbegebe, aber mich interessiert brennend, wie du darüber denkst!

Meine eigene Entwicklung als Beispiel

Ich komme auf die Idee, weil ich Rückschlüsse aus meiner eigenen Entwicklung ziehe. Vielleicht liege ich völlig daneben, aber vielleicht auch nicht: Als ich Anfang 20 war, glich mein Selbstbewusstsein einem Wackelpudding. Es brach zwar nicht völlig zusammen, wenn man mal dagegenschlug, aber es wackelte doch erheblich.

Das war auch die Zeit, in der ich gerne „Frauenromane“ gelesen habe, also Chicklit/seichte Unterhaltung. Mit und ohne Machos, wobei die Machos in den romantischen Komödien meistens eher eine Abreibung erhalten als dass sie glorifiziert werden. Aber ich war total verliebt in Edward, den Glitzervampir. Für mich waren die beiden der Inbegriff von Liebe (da war ich 17) und ich konnte überhaupt nicht nachvollziehen, warum Bella ihn nicht sofort an ihrem 18. Geburtstag heiraten wollte.
Wenn du Ninas Artikel liest, wirst du sehen, dass auch Edward seltsame Stalker-Mentalitäten hat, und ständig Bellas Grenzen überschreitet.
Ich habe das als junge Frau nicht so aufgenommen, sondern fand es „süß“, dass er sie nachts beobachtet hat. Diese Ansicht änderte sich erst mit den Jahren.

Je älter ich wurde und je mehr ich mich mit Psychologie, Selbstreflektion und Eigenliebe beschäftigte, desto stärker wurde mein Selbstbewusstsein. Zwar habe ich natürlich noch immer Phasen, in denen ich mich schwach fühle, aber ich behaupte mal, dass mich nichts so schnell aus der Bahn wirft.

Je mehr mein Selbstbewusstsein wächst, desto abscheulicher finde ich diese Romane, in denen Frauen nicht auf Augenhöhe behandelt werden.

Das heißt natürlich nicht, dass alle Frauen, die gerne „Frauenromane“ und Pseudo-Liebesromane lesen, kein Selbstbewusstsein haben. Es ist lediglich der Versuch einer Herleitung, warum wir Frauen einerseits seit Jahren für Gleichberechtigung streiten und andererseits auf einer Ebene, auf der völlig natürlich wäre, Gleichbereichtigung zu haben, uns selbst ins Aus schießen.

Warum ist das überhaupt wichtig?!

 

Okay, nun kann natürlich einer daherkommen und fragen: Was soll diese Diskussion? Trends hat es schon immer gegeben und wird es immer geben, und es waren auch viele Romane in den letzten Jahren erfolgreich, die starke Frauenfiguren hatten (Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“ zum Beispiel). Warum regt man sich jetzt also über eine Sparte der Liebesromane auf, die nicht repräsentativ für alle Leserinnen stehen kann?

Weil Literatur immer ein Spiegel der Gesellschaft ist. Ich beobachte die Branche noch nicht lange genug, dass ich beurteilen kann, ob es hier eine Trendwende in den letzten 25 oder 50 Jahren gegeben hat, also ob es ein neues Phänomen ist, dass eine eigentlich aufgeklärte Gesellschaft sich in Teilen weiterhin an eine altmodische, ungerechte Idee klammert.

Meine Befürchtungen: Falls meine These stimmt, dass Frauen, die sich geradezu verzehren nach Macho-Figuren und unterdrückten Protagonistinnen, nicht selbstbewusst sind, dann gibt es für uns sehr viel Arbeit, um die kommende Generation zu selbstbewussten und selbstbestimmten Menschen zu erziehen. Wenn die Ursache unter anderem darin liegt, dass viele Frauen Entspannung darin finden, sich virtuell (über das Lesen) unterdrücken zu lassen, dann muss etwas in unseren Köpfen geschehen!

 

Wie siehst du das?

Liest du selbst gerne solche Romane? Wenn ja, interessiert es mich sehr, warum! Liest du querbeet oder explizit in diese Richtung?

Was hältst du von meiner Selbstbewusstseinsthese? Alles Quatsch?

Diskutieren wir in den Kommentaren!

 

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