Jeder hat so seine eigenen Ideen, wenn es um die Vermarktung von Büchern geht: Leserunden, Gewinnspiele, Release-Party, Textschnipsel, Zitate, Figurenvorstellung, Facebook-Werbung, und so weiter und so fort. Warum legen wir unseren Fokus so wenig darauf, zu zeigen, wie wir schreiben?

Ausschlaggebend für diesen Beitrag war eine Frage einer angehenden Autorin, die mich darum bat, Tipps zu geben, wie man eigentlich passende Zitate fürs Marketing heraussucht. Wie viel von der Handlung darf erzählt werden? Welche Konflikte sollte man zeigen? Lieber einen ganzen Absatz posten statt nur weniger Worte?

Ich werde darauf noch in einem späteren Artikel eingehen, aber zunächst möchte ich ein paar Schritte zurückgehen: Warum ist es überhaupt sinnvoll, Textschnipsel zu veröffentlichen?

 

Wonach kaufen Leser?

Warum kaufst du eigentlich bestimmte Romane? Ich kann es nur für mich beantworten: Entweder wurden sie mir von Leuten empfohlen, denen ich vertraue, oder aber sie machen einen guten Eindruck, sind positiv rezensiert und die Leseprobe überzeugt mich.

Ich arbeite ja immer wieder mit den verschiedensten Autoren zusammen und stoße dabei auf so unterschiedliche Texte, dass es wirklich niemals langweilig wird. Manche Autoren haben die Gabe, mit Worten zu zaubern, während andere mit drei, vier Sätzen urkomische Situationen erzeugen können. Die einen haben einen wunderbaren Sprachstil, der Emotionen freisetzt, andere fesseln mich mit jedem Satz und wieder andere schreiben so originell, dass ich keine vergleichbaren Autoren kenne.

Wie du schreibst, kann entscheidend für einen Kauf sein.

Ich möchte den Stil eines Buches ungefähr abschätzen können, wenn ich ein Buch kaufe. Dazu reicht mir die erste Seite des Buches oft aus. Spricht mich die erste Seite nicht an, kaufe ich es meistens auch nicht, außer es wird mir ausdrücklich empfohlen.

Wenn du deine (potenziellen) Leser an deinem individuellen Schreibstil teilhaben lassen kannst, kannst du von vornherein sicherstellen, dass deinem Leser dein Stil zusagen wird.

 

Beispiele aus der Praxis

 

Ich wähle jetzt mal unvoreingenommen fünf beliebige Bücher aus, die mir zuerst angezeigt werden, und zitiere die ersten paar Sätze, um dir zu zeigen, wie unterschiedliche die Schreibstile sind. Du wirst dich sicherlich zu einem Buch mehr hingezogen fühlen als zu einem anderen.

 

Es ist viel schwieriger, eine gute Fischsuppe zuzbereiten, als an eine neue Identität zu kommen.
Meine ist perfekt. Ich heiße neuerdings Bernhard Sommerfeldt.
Dr. Bernhard Sommerfeldt.
Und ich übe endlich meinen Lieblingsberuf aus: Ich bin praktischer Arzt.

(Aus: „Totenstille im Watt“, Klaus-Peter Wolf, Fischer Taschenbuch Verlag)

 

 

Der Tod trennt die beiden Babys bereits wenige Stunden nach der Geburt.
Die Säuglinge liegen mit blau angelaufenen Gesichtern in dünne Flauschdecken gehüllt auf den vereisten Stufen vor dem Hintereingang des Krankenhauses und geben keinen Laut mehr von sich. Eines der Babys hat sich aus der Decke gestrampelt, der kleine Zeh seines nackten Fußes ist tief blau angelaufen und erfroren. Bei dem anderen Baby hat ein kalter Windstoß die Decke zur Seite geweht, sodass es fast nackt auf der mit einer dünnen Eisschicht überzogenen Treppe liegt.

(Aus: „Targa: Der Moment, bevor du stirbst“, B. C. Schiller, Penguin-Verlag)

 

 

»Hör auf damit«, warnte Polly. »Das ist nicht witzig.«
Neil ignorierte sie jedoch und hämmerte weiter mit dem Schnabel gegen die Scheibe, damit sie ihm was zu futtern brachte.
Und zwar klopfte er dabei von außen gegen das kleine Fenster des Leuchtturms, in dem sie seit einiger Zeit lebten. Sie waren hier zu dritt: Polly, Papageientaucher Neil und Huckle, Pollys amerikanischer Freund, der sein Motorrad mit dem Beiwagen unten am Fuß des Turms geparkt hatte. Es war ihr einziges Transportmittel.

(Aus: „Sommer in der kleinen Bäckerei“, Jenny Colgan, Piper-Verlag)

 

 

Nachdem Kel und ich die letzten beiden Kartons in den Möbelwagen gewuchtet haben, ziehe ich mit einem Ruck die Klappe zu, lege den Riegel um und sperre damit achtzehn Jahre Erinnerungen weg, die alle auf die eine oder andere Weise mit meinem Vater verknüpft sind.

(Aus: „Will & Layken: Eine große Liebe“, Colleen Hoover, dtv)

 

 

Männer waren wirklich das Letzte!
Skyler Wright stand splitterfasernackt vor dem Hotelaufzug und hoffte, dass sie zum krönenden Abschluss des Tages nicht auch noch wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet wurde. Zwar hatte sie keine Ahnung, was die Gesetze in Florida betraf, aber komplette Nacktheit in einem Fünf-Sterne-Hotel ging vermutlich über die Grenze des guten Tons hinaus. Studenten mochten sich in Miami betrinken, halb nackt durch die Straßen tanzen und am Strand in den Sand kotzen, aber das hier war Orlando.

(Aus: „Wer will schon einen Footballspieler?“, Poppy J. Anderson)

 

Deine Stimme macht den Unterschied

Du merkst bereits beim Lesen, dass jeder dieser Autoren eine eigene Sprache hat. Natürlich gibt es gewisse Übereinstimmungen: Die meisten Thriller haben kurze Sätze und viele Absätze, die meisten Liebesromane leben durch emotionale Sprache, die meisten romantischen Komödien werfen mit lockeren Sätzen um sich. Und dennoch gibt es Unterschiede.

Dieser Unterschied ist dein Aushängeschild, deine Visitenkarte.

Indem du deinen Lesern zeigst, wie du schreibst, kannst du sie nicht nur an deinen Stil „gewöhnen“, sondern vor allem potenzielle Interessenten auf dich aufmerksam machen!

 

Wie finde ich meine eigene Stimme?

Die unzufriedenstellende Antwort: Indem du sehr viel schreibst und das Geschriebene lektorieren lässt. Wer viel schreibt, der verbessert seinen Stil, vorausgesetzt, du bist selbstkritisch und jemand zeigt dir, wo du Verbesserungspotenziale hast.

Die ausführlichere Antwort:

Eine „eigene Stimme“ formt sich über viel Übung und Ausdauer. Wenn du noch überhaupt keine Ahnung hast, in welche Richtung deine Stimme strebt, dann hier ein unkonventioneller Tipp:

Nimm dir ein Buch, dessen Schreibstil du bewunderst, und schreibe es ab.

Ja, richtig gelesen: Schreibe es ab! Natürlich darfst du es nirgends veröffentlichen, es ist einzig und allein für dich gedacht.

Was bringt diese Vorgehensweise?

Wenn du einen bereits bestehenden Text abschreibst, lernst du Satzkonstruktionen, die dir selber so nicht eingefallen wären. Natürlich könntest du sie auch einfach nur lesen, aber durch das Abschreiben beschäftigst du dich tatsächlich damit und kannst auch die Satzkonstruktion analysieren. Finde heraus, was genau dich an dem Stil eigentlich reizt und was du daran toll findest.

Wenn du das weißt, dann versuche, das Gelernte umzusetzen: Beispielsweise könnte es sein, dass du begeistert bist von Metaphern und wie Autoren wie Anne Freytag oder Nina George sie einsetzen. Nimm dir also einen deiner eigenen Texte vor (oder schreibe einen neuen) und versuche, Metaphern unterzubringen, die nicht gekünstelt wirken.

Beispiel:

VORHER: Mias Haare klebten an ihrem eingecremten Gesicht.

NACHHER: Mias Haare klebten an ihrem eingecremten Gesicht wie zu lange gekochte Spaghetti am Boden eines Topfes.

 

VORHER: Erwin war ein ganz besonderer Mann.

NACHHER: In einem Haufen Kohlestücke war Erwin ein ungeschliffener Diamant.

 

VORHER: Laura hielt das glänzende Schmuckstück in die Sonne.

NACHHER: Laura ließ die grellen Sonnenstrahlen durch das blaue Glas des Anhängers blitzen und zauberte Regenbögen auf die grauen Steinfliesen.

 

In drei Schritten zu einem besseren Text

Bevor du jetzt wie eine Wilde Leseproben in die Welt setzt, lass uns doch mal überprüfen, ob deine Texte noch verbesserungsfähig sind. Falls du auf ein zukünftiges Werk aufmerksam machen willst, lohnt es sich, einzelne (Ab)Sätze wieder und wieder durchzugehen.

Diese drei Schritte helfen mir, um zu entscheiden, ob ein Satz okay ist:

 

1: Suche dir in einem Absatz wichtige Sätze

Nicht jeder einzelne Satz muss ein Feuerwerk sein und nicht jeder Satz braucht einen Vergleich oder eine Metapher. Es ist von deinem Stil abhängig, wie du welches Stilmittel einsetzt, aber ziehe in Erwägung, es generell zu tun. Nimm dir einen Absatz vor und überlege, ob er durch eine Ergänzung oder Umschreibung gewinnen würde.

 

2. Wähle ein Stilmittel zur Verbesserung

Wie kannst du den Absatz verbessern?

Kannst du eine Metapher oder einen Vergleich einfügen? Ist der Dialog im Subtext geschrieben? Sprichst du alle Sinne an? Sind genug Details vorhanden, sodass eine Stimmung, Atmosphäre, Gefühl entsteht?

Passt der Ton zum Erzähler? Achte auch darauf, dass der Erzähler oft eine eigene Erzählstimme hat (dazu können auch abgebrochene Sätze oder Wortdoppelungen gehören, wenn klar ist, dass du das an dieser Stelle als Stilmittel einsetzt. Beispiel: „Und sie weinte so, als ob sie sich wünschte, dass sie niemand, niemand hören sollte.“; Nina George in „Das Lavendelzimmer“).

 

3. Prüfe den Effekt

Überarbeite ein bisschen und lass es dann zwei, drei Tage lang ruhen. Lies den neu geschriebenen Absatz laut vor. Klingt er besser? Fühlt es sich gut an oder gestelzt? Passt alles?

Es kann durchaus etwas Übung nötig sein, bis du herausfindest, wie du deinen Text gut überarbeitest. Lass dich nicht entmutigen, wenn du teilweise das Gefühl hast, nicht zu wissen, was du besser machen kannst – das geht uns allen am Anfang so!

Zur Beruhigung zeige ich dir im Folgenden mal den Beginn meines Debüts und dann, wie ich es heute überarbeiten würde:

 

Beispiel am eigenen Buch

Glaub nicht, dass mir das nicht peinlich ist 😀

 

Mein Debüt erschien 2013, als ich noch nicht so große Ahnung vom Schreiben hatte. Dennoch habe ich mein Bestes gegeben und mit meiner Lektorin zusammen eine komplette Geschichte erarbeitet, die zumindest meinen Leserinnen gefällt. Ich persönlich würde sie am liebsten vollkommen neu schreiben.

Ich nehme jetzt eine Stelle aus der Mitte des Buches, weil ich anfangs einen völlig anderen Beginn hatte. Der folgende Text ist von 2012.

So sah mein Rohtext aus:

Das „Baldinis“ lag gleich am Anfang der Fußgängerzone und leuchtete angenehm in den beginnenden Abend hinein. Menschen strömten daran vorbei, um in der Innenstadt Erledigungen zu machen, andere schlenderten gemütlich von einem Schaufenster zum nächsten und ließen das Schauspiel auf sich wirken.

(…)

Vielsagend schaute ich jede meiner Zuhörerinnen an, bevor ich weitersprach. Ich wollte ein wenig Spannung aufbauen.
„Der Schuldirektor, Dr. Müller, hat mich zu einer Theateraufführung eingeladen morgen Abend, nur er und ich. Ich glaube, es ist eines dieser Wenn-du-da-zusagst-dann-weißt-du-ja-worauf-das-hinaufläuft-Treffen, versteht ihr?“
Karin stöhnte zwar auf, aber ich sprach weiter. Am liebsten hätte ich Karin ans Schienbein getreten.
„Ein bisschen mehr Verständnis und Mitgefühl bitte! Ich habe schon seit Monaten keinen Matratzensport mehr betrieben und Dr. Müller ist sehr nett und zuvorkommend.“
„Das ist natürlich ein Argument“, höhnte Karin, die ihre Meinung unverhohlen kundtat. „Er ist doch dein Chef, oder verstehe ich das falsch? Du kannst doch nicht mit deinem Chef schlafen!“

Ich war etwas verunsichert. Eigentlich hatte ich gedacht, dass sich die Mädels für mich freuen würden, dass ich mein Leben wieder selbst in die Hand nahm und das Kapitel Ken endlich abschloss. Maria schien noch zu überlegen, was sie sagen sollte, also räusperte sich Hannah und mischte sich ein. „Ist er denn verheiratet oder in festen Händen?“
Ich schüttelte den Kopf. Seine Frau war vor ein paar Jahren bei einem Autounfall gestorben.
„Und du hast auch niemanden und mit Ken ist Schluss?“
„Genau so ist es.“
„Nun, wo ist dann das Problem?“

 

Der geänderte Text (den ich heute noch weiter verändern würde 😉 ): Ausführlicher und noch passender für das Genre Chicklit/Romantic Comedy:

Die Lichter des italienischen Bistros Baldinis leuchteten angenehm in den beginnenden Abend hinein. Menschen strömten daran vorbei, um in der Oldenburger Innenstadt Erledigungen zu machen. Ein älteres Ehepaar blieb vor einem Juwelier stehen und begutachtete den ausgestellten Schmuck. Vor dem McDondald’s drängten sich Jugendli­che.

(…)

Vielsagend schaute ich jede meiner Zuhörerinnen an, be­vor ich weitersprach.
„Dr. Wantisek hat mich ins Theater eingeladen. Mor­gen Abend, nur er und ich. Ich glaube, es ist eines dieser Wenn-du-da-zusagst-dann-weißt-du-ja-worauf-das-hinaus­läuft-Treffen, versteht ihr?“
„Ich denke, er ist am Wochenende immer unterwegs. Hattest du das nicht mal erwähnt?“, fragte Maria.
„Ja, das hat er zu mir mal gesagt. Scheint dieses Mal eine Ausnahme zu sein.“
„Aber du kannst dich doch nicht mit deinem Chef tref­fen!“ Karin stöhnte auf.
„Na, hör mal! Weißt du, wie lange ich keinen Sex mehr hatte?“
„Er ist dein Chef!“
„Lass sie doch“, schaltete sich Hannah ein. Sie hatte nicht nur in Bezug auf Zigaretten eine sehr liberale Einstellung.
„Klar, dass du mal wieder zu ihr stehst“, giftete Karin. „Habt ihr überhaupt keine Selbstachtung?“
Es war sinnlos, sich mit ihr über Sex zu unterhalten, wenn man nicht verheiratet war oder, wie in meinem Fall, in Trennung lebte. Für sie gehörte unehelicher Sex verbo­ten.
„Selbstachtung hin oder her. Er sieht verdammt gut aus und er steht auf mich.“
„Nur, weil er dir ab und zu ein Kompliment macht?“, fragte Maria.
„Er macht mir nicht einfach Komplimente. Er zieht mich mit seinen Blicken aus, wenn ich nur den Raum be­trete. Wenn niemand im Raum ist, flirtet er richtig mit mir. Nur wenn Ramona oder einer der Lehrer da ist, benimmt er sich wie ein normaler Chef. Ich weiß nicht, ob ich ihm zusagen sollte.“
„Klar!“, rief Hannah.
„Er ist ja nicht verheiratet oder in festen Händen, oder?“, fragte Maria.
Ich schüttelte den Kopf. Seine Frau war vor ein paar Jahren bei einem Autounfall gestorben, hatte er mir er­zählt.
„Und du hast auch niemanden, und mit Ken ist Schluss?“
„Genau so ist es.“
„Nun, wo ist dann das Problem?“

 

Keine Angst vor deinem Können!

Hab keine Angst, zu zeigen, wie du jetzt gerade schreibst. Wenn du sehr unsicher bist, kann es eine hilfreiche Idee sein, sich zunächst in einer kleinen Gruppe auszutauschen, ehe du Leseproben veröffentlichst (zum Beispiel mit Testlesern oder anderen Autoren). Natürlich kannst du auch im September den Schreibkurs „Mach dein Buch zu einem WOW!“ ins Auge fassen, wenn du in Erwägung ziehst, mit mir zusammenzuarbeiten. Lies Schreibratgeber und tausche dich mit anderen aus!

Lass dir von einem/r Lektor/in unterstützen, wenn du ganz unsicher bist.

Lies viel und schreib viel.

Und gib niemals auf :-*

 

Jeder von uns leistet das, was er jetzt gerade zu leisten im Stande ist. Ich schreiben heute anders als vor fünf Jahren. Aber hätte ich deshalb bis heute warten sollen, ehe ich etwas veröffentliche? Wer weiß, wie ich in weiteren fünf Jahre schreibe!

Schreiben ist ein Handwerk und das will geübt werden.

Setz dich hin und arbeite an deinem Text. Und dann trink ein Schlückchen des Getränks deiner Wahl auf dich und feiere, dass du hart an deinen Träumen arbeitest.

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