Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber mir wurde in letzter Zeit so häufig die Frage gestellt, wie man am besten Testleser/innen findet, dass sie jetzt ihren eigenen Beitrag verdient haben.

Ich hatte in diesem Artikel schon einmal erzählt, wie ich an meine Testleser komme, aber das ist schon zweieinhalb Jahre her. Wie ist der Stand heute?

 

Wozu überhaupt Testleser?!

Zunächst die „Warum?“-Frage: Warum sollte man – oder sollte man nicht? – Testleser bitten, das eigene Manuskript zu lesen?

Von neutralen Testlesern bekommt man in der Regel eine fundierte Meinung über das Buch. Wenn du darauf achtest, nicht nur Familienmitglieder zu beauftragen, sondern auch ehrliche, eher objektive Betrachter, dann kannst du schon einer Veröffentlichung die groben Schnitzer ausmerzen.

Der Vorteil ist, dass du schon früh erkennst, wo es deinem Manuskript noch an Spannung mangelt, ob die Figuren authentisch sind und ob du den Geschmack deiner Leser treffen wirst. Außerdem sind Testleser in der Regel kostenlos und es lohnt sich, gerade wenn man erst mit dem Schreiben beginnt und noch „keine Ahnung“ hat, ein paar Testleser zu fragen, ehe man sich ans Lektorat wendet (und dort dann Geld bezahlt).

Andererseits bekommen deine Testleser in diesem Fall eine nicht-lektorierte Fassung zu sehen, die definitiv schlechter ist als die lektorierte (wenn man denn einen vernünftigen Lektor hat). Wie also vorgehen?

 

Wann bekommen die Testleser das Buch?

Es ist dir natürlich freigestellt, wann du Testleser in deinen Schaffungsprozess miteinbeziehst. Wenn du noch neu in der Branche bist und bisher keine großartige Erfahrung im Schreiben von Romanen hast, würde ich zwei Testleserrunden einplanen, um auf der sicheren Seite zu sein:

Variante „vor dem Lektorat“

Ich für meinen Teil arbeite oft schon während der ersten Seiten mit Testlesern zusammen, damit ich nicht erst ein Buch schreibe und dann die Rückmeldung erhalte, dass es nicht so toll ist, wie ich gedacht habe. Erst kürzlich ist mir genau das passiert: Meine Testleserin hat die ersten 30 Seiten meines aktuellen Projektes gelesen und schickte als Rückmeldung, dass es langweilig sei und sie es sich nicht kaufen würde.

Mich hat das nicht getroffen, sondern ich habe mich über ihre Ehrlichkeit gefreut. Ohne eine so ehrliche und knallharte Rückmeldung kann ich nicht arbeiten 😉 Ich strebe immer danach, meine Testleser in Begeisterung zu versetzen, und wenn das nicht klappt, muss ich härter arbeiten. Durch das Feedback dieser Testleserin wusste ich, dass ich etwas ändern musste. Ich dachte nochmal drüber nach, stellte Figuren um (der Protagonist wurde zu einer Frau, das Objekt der Begierde zu einem Mann, etc.) und schrieb einen neuen Anfang. Fazit: Meine Testleserin kann jetzt kaum erwarten, den Rest zu bekommen.
Gut, dass mir das aufgefallen ist, bevor ich das ganze Buch geschrieben habe.

Es kann also durchaus seine Vorteile haben, schon beim Schreiben oder nach dem Überarbeiten durch Testleser begleitet zu werden. Andere Autoren hingegen können sich überhaupt nicht vorstellen, zu diesem Zeitpunkt ihren Text mit irgendjemandem zu teilen – und das ist genau so okay. Jeder muss für sich entscheiden, wie er verfahren möchte!

 

Variante „nach dem Lektorat“

Die meisten Testleser werden beauftragt, bevor das Buch veröffentlicht wird. Sie sind sozusagen die letzte „Hürde“, die sich Autoren setzen, um relativ gut abzuschätzen, wie das Buch ankommen wird. Der Vorteil dieser Version ist, dass die Testleser einen „fertigen“ Text bekommen, der bereits von groben Schnitzern bereinigt ist und durch Profihand korrigiert wurde.

Nachteil: Wenn jetzt vier von fünf Testlesern eine negative Rückmeldung geben, kann es unter Umständen passieren, dass du den bereits fertigen Text noch einmal anfasst, neue Kapitel einfügst, bestehende änderst und so riskierst, neue Fehler hineinzuschreiben (nicht nur Rechtschreib- oder Grammatikfehler, sondern auch Logik-, Perspektiv- und andere Fehler).

Hier musst du selbst abschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass du im Nachhinein Fehler einbaust. Du kennst dein Lektorat: Wurde extrem viel bemängelt? Dann frag deine Lektorin, ob sie dieses oder jene Kapitel noch einmal lektorieren kann.

 

Testleser finden

Gut, wir halten also fest: Testleser können dir helfen, schon vor einer Veröffentlichung abzuschätzen, ob dein Buch noch Potenzial nach oben hat. Wie findest du aber nun passende Helferchen, die die Rolle der „Betaleser“ auch ernst nehmen?

Je mehr Bücher du veröffentlicht hast, desto leichter wirst du Testleser finden. Am Anfang hat man ja kaum eine Auswahl, also wendet man sich oft an Freunde und Familienangehörige. Ich denke, man kann Testleser in diese Gruppen unterteilen:

 

Freunde oder Familie

Es ist naheliegend, sich zuerst in der Familie umzusehen. Der Vorteil: Man kennt diese Menschen bereits und in der Regel sind sie mit ihrer Kritik behutsam. „Ich fand es langweilig“ hört man aus Familienmündern eher selten.

Der Nachteil: Sie sind oft nicht objektiv und leider nicht immer ehrlich. Bücher, die sie normalerweise weglegen oder verschenken würden, halten sie tapfer durch, weil es ja die Tochter/der Neffe/die Cousine/der Bruder geschrieben hat. Wenn es ganz blöd läuft, dann lesen sie normalerweise gar nicht oder zumindest nicht das Genre, das du ihnen vorgelegt hast.

Wenn sie ehrlich sind (und ja, es gibt solche Testleser, obwohl sie Familie sind), dann kann es trotzdem sein, dass sie nicht so richtig wissen, warum ihnen ein Buch nicht gefallen hat. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Familienmitglied dir dein Buch zurückgibt mit den Worten „Hat mir gut gefallen, nur so richtig umgehauen hat es mich nicht.“ Dann bist du fast so schlau wie vorher.

 

Profis und/oder Vielleser mit Testlese-Erfahrung

Auf der anderen Seite stehen die Profi-Testleser, die dein Buch auf Lektoratsniveau auseinandernehmen und dir sehr viel helfen können. Das sind oft Menschen, die selbst schreiben oder in der Buchbranche tätig sind (Buchhändler und Blogger beispielsweise) und du erhältst dein Manuskript oft mit Dutzenden Bemerkungen zurück: Wo die Spannung nachlässt, wann eine Figur unlogisch oder unauthentisch handelt, wo ein Satz holprig ist, und so weiter.

Diese Testleser sind jedoch selten und häufig sind sie auch vielbeschäftigt (klar, denn jeder wünscht sich solche Testleser, die einem fast das Lektorat ersparen 😉 ).

Vorsicht vor Menschen, die Germanistik studiert haben oder Deutschlehrer sind: Ja, sie haben Ahnung von Literatur, mit Sicherheit. Und ja, sie können dir deine Rechtschreibfehler verbessern. Dennoch sind viele von ihnen keine Lektoren und wissen nicht, wie man handwerklich gesehen Spannung aufbaut oder ob deine Szene ideal konstruiert ist (natürlich gibt es Ausnahmen!).

 

Die Mischung macht’s!

Suche dir am besten Testleser aus dem ganzen Spektrum, das dir zur Verfügung steht. Du wirst mit der Zeit selbst merken, mit wem du erneut zusammenarbeiten willst und wer nicht so gelesen hat, wie du es dir erhofft hast. Ich für meinen Teil versuche immer, mir mehrere Tester zu suchen, die der Zielgruppe entsprechen.

Vorschlag:

  • nimm einen „erfahrenen“ Leser oder Autor, der was vom Schreiben versteht
  • nimm einen oder zwei, die der Zielgruppe des Buches entsprechen (dazu musst du natürlich wissen, für wen du dein Buch geschrieben hast – je genauer, desto besser) – ich suche mir dann welche, die bisher noch keine Bücher von mir gelesen haben, damit sie unvoreingenommen sind
  • und dann nehme ich einen „Fan“ oder eine Person, die sich sehr mit den bisherigen Werken identifiziert und alle meine Bücher gelesen hat – bei einem Debüt würde ich hier tatsächlich ein Familienmitglied oder eine/n Bekannte/n nehmen, von dem du weißt, dass er/sie ehrliches Feedback gibt.

 

Wie viele Testleser sollte ich nehmen?

Das ist dir überlassen. Für mein Debüt habe ich mir 6 Leute aus meinem Bekanntenkreis gesucht (ich würde heute eine ungerade Zahl nehmen, damit es keine 50/50-Ergebnisse gibt), die gerne (romantische/witzige) Bücher lesen, aber nicht sehr eng mit mir befreundet sind, damit sie möglichst objektiv sind. Heute würde ich sagen, dass 3 völlig ausreichen.

Heutzutage variiere ich immer so, wie es gerade passt. Drei Leute finde ich praktisch, weil man dann eine kleine, aktive Gruppe sein kann, die sich auch untereinander austauscht. Andererseits fühle ich mich auch gut, wenn ich die Meinung von 9 oder 12 Leuten kenne, ehe das Buch veröffentlicht wird.

Plus: Die meisten schreiben von sich aus auch eine Rezension.

Vielleicht kannst du ja mal unten in die Kommentare schreiben, wie viele Testleser du immer so hast? Dann können wir sehen, was der Schnitt ist.

 

Hilf deinen Testlesern mit einem Fragebogen

Auch ich finde es einfacher, etwas zu beurteilen, wenn ich weiß, was man von mir will. Soll ich einfach lesen und meinen Gesamteindruck widergeben oder soll ich auf etwas Spezielles achten?

Ich kopiere mal den Fragebogen (bzw. einen Teil dessen) aus dem besagten Artikel heraus, den ich vor zwei Jahren geschrieben habe. Folgende Fragen haben meine Testleser für mein Debüt bekommen:

 

  • Welche Romane liest du normalerweise? (Damit wollte ich herausfinden, ob die Personen überhaupt zur Zielgruppe gehören und inwieweit sie sich mit dem Genre auskennen)
  • Was erwartest du von der Geschichte? (Nach Lesen des Klappentextes)
    • Nach dem Lesen des Romans: Wurden deine Erwartungen (a) erfüllt, (b) enttäuscht, (c) übertroffen? (ggf. präzisieren)
  • Wie beurteilst du den Sprachstil? (entweder als Schulnote oder mit Auswahlmöglichkeiten; man kann auch direkt fragen: Wie flüssig ist der Sprachstil?)
  • Welche Schulnote würdest du der Idee der Geschichte geben?
  • Welche Schulnote würdest du der Umsetzung dieser Idee geben? (man liest ja häufig, dass die Idee gut war, nur die Umsetzung mangelhaft … so wollte ich mir das direkte Feedback zu meinem schriftstellerischen Handwerk geben lassen)
    • ggf. was an der Idee/Umsetzung besonders gut oder schlecht war
  • Kann man dem Geschichtsverlauf gut folgen?
  • „Ich hatte das Gefühl, die Hauptfigur gut kennenzulernen“ – trifft zu, trifft teilweise zu, trifft nicht zu << zeigt, ob die Figuren gut ausgearbeitet wurden
  • „Ich fand die Hauptfigur(en) authentisch“ –  trifft zu, trifft teilweise zu, trifft nicht zu
  • Auf einer Skala von 1 (grottig) bis 10 (genial!): Wie fandest du das Buch?
  • Optional: Mögliche Titel nennen, die zur Auswahl stehen oder fragen, ob der Titel zur Geschichte passt
  • Meinungen zum Cover einholen, falls man schon an einem gebastelt hat
  • Wie viel Geld würdest du für das [Taschenbuch]/[e-Book] ausgeben?
    • sehr interessante Frage 😉 Bei mir kam raus, dass die meisten es als Taschenbuch für 10 bis 20 Euro kaufen würden!

 

Ich habe außerdem die Aufgabe gestellt „Schreibe eine Rezension!“. Das war vielleicht interessant! Würde ich dir auf jeden Fall empfehlen, mit aufzunehmen, mir hat das eine sehr gute Rückmeldung über meinen Roman gegeben. Beispiele dafür findest du im verlinkten Artikel ganz unten.

 

Wo findest du deine Testleser nun?

  • in der Familie / deinem Bekanntenkreis
  • bei Facebook: entweder in deiner Freundesliste oder in dedizierten Gruppen
  • in Blogs: Gibt es Blogger, die in deine Zielgruppe passen und zu denen du ein gutes Verhältnis aufbauen kannst?
  • bei Lovelybooks oder anderen Buchportalen
  • wo noch? Schreib in die Kommentare, wo du deine Testleser gefunden hast!

 

Merke: Wenn du im Laufe der Zeit Kontakt zu Lesern deiner bisherigen Bücher hast, wirst du fast von selbst auf potenzielle Testleser treffen.

 

Ich bin darauf gespannt, welche Erfahrungen du mit Testlesern gemacht hast!

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