Bei der Überarbeitung deiner Geschichte oder deines Romans solltest du immer einen Blick auf die Dialoge werfen. Oft denkst du schon beim Schreiben darüber nach, aber dennoch empfehle ich dir, einen Überarbeitungsdurchgang ausschließlich für die Dialoge zu reservieren. Lies im Folgenden, wie du den Charakter deiner Figur durch Subtext in Dialogen besser rüberbringen kannst.

 

Füge Subtext in die Dialoge ein

Achte bei der Überarbeitung deiner Dialoge mal darauf, ob du immer sehr konkret bist oder ob du Subtext benutzt.

Wir Menschen sprechen erschreckend viel Subtext (mach dir mal den Spaß und höre beim nächsten Mittagsgespräch genau hin, was die Leute SAGEN und was sie eigentlich MEINEN. Das ist nicht selten ein himmelweiter Unterschied und kann oft zu Missverständnissen und Konflikten führen – also perfekt für unsere Zwecke!).

Vermuteter Subtext

Es gibt im Grunde zwei Varianten, wie man Subtext in Dialogen verwenden kann: Entweder eine Figur vermutet im Gesprochenen eine andere Bedeutung als das, was gesagt wurde („vermuteter Subtext“) oder aber die Figur sagt selbst etwas und meint was anderes.

Hier ein Beispiel für vermuteten Subtext.

Mom kam in die Küche, schenkte mir einen kurzen Blick und fragte: „Und? Wann warst du gestern zu Hause?“
„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig!“, rief ich eine Spur zu laut.

Die Mutter stellt eine „ganz normale Frage“, das Kind vermutet dahinter aber eine Anklage („Warum bist du gestern erst so spät zu Hause gewesen? Habe ich dir nicht gesagt, dass du um drei hier sein sollst?“). Man kann vermuten, dass es zwischen den beiden einen Grundkonflikt gibt, bei dem dieser Dialog nur die Eisbergspitze ist.

Man kann es auch noch stärker aufzeigen:

Mom kam in die Küche, schenkte mir einen kurzen Blick und fragte: „Wann warst du gestern zu Hause?“
„Soll ich vielleicht Protokoll führen? Willst du auch noch wissen, wen ich getroffen habe, was ich getrunken habe und mit wem ich Sex hatte? Guck bei YouTube, es gibt ein Video.“

Ruhig Blut! Man möchte geradezu in Verteidigungshaltung gehen und als Mutter antworten „Ich hab ja nur gefragt“, aber ich hatte hier eine 17-Jährige vor Augen, die von ihrer Mutter über die Maßen kontrolliert wird und die weiß, dass sie ihre Mutter mit dieser Aussage maßlos ärgern kann. AHA! Und schon haben wir Charaktereigenschaften für beide Figuren aufgedeckt: Die Mutter ist entweder besorgt oder kontrolliert gerne, die Tochter fühlt sich eingeengt, neigt zu Ausbrüchen und ärgert ihre Mutter gerne.

Die Tochter vermutet in diesem Beispiel, dass hinter der Frage, wann sie nach Hause kam, der Wunsch steht, alles über den vorigen Abend zu erfahren, um die Kontrollsucht der Mutter befriedigen zu können. Das würde noch deutlicher werden, wenn wir mehr Szenen und Dialoge mit den beiden haben, aber falls dieser Dialog ganz am Anfang eines Romans stehen würde, könnte man schon viel über die beiden Figuren erfahren, ohne dass man als Autor lang und breit Erklärungen abgeben muss.

 

Aktiver Subtext

Im Unterschied zum „vermuteten“ Subtext gibt es auch den extra so formulierten („aktiven“) Subtext. In anderen Worten: Wenn die Mutter tatsächlich alles über die vorige Nacht wissen will und das in der Frage „Wann warst du gestern wieder da?“ verpackt, ist das Subtext, den die Tochter zufällig richtig gedeutet hat.

In der Serie „Friends“ wird in den Dialogen oft mit Subtext gearbeitet, denn Subtext ist essenziell für Humor und Ironie. In Folge 1 von Staffel 1 haben wir einen Dialog wie folgt (frei übersetzt):

„Es ist nichts“, sagte Monica. „Er ist einfach ein Typ von der Arbeit.“
„Ach, komm schon!“, erwiderte Joey, „Er geht mit dir aus! Was stimmt mit ihm nicht?“
Chandler lachte. „Hat er einen Buckel? Und vielleicht ein Toupet?“
Phoebe kicherte beim Ausräumen der Einkäufe. „Warte, isst er vielleicht Kreide?“

Die Freunde machen sich lustig über vergangene Dates von Monica, die der Leser/Zuschauer aber nicht kennt. Dennoch erhalten wir viele Informationen darüber – im Subtext. Durch Joey’s Aussage „Was stimmt mit ihm nicht?“ suggeriert er, dass jeder, der einem Date mit Monica zustimmt, nicht ganz richtig im Kopf sein kann. Wir erfahren nicht, warum er das denkt, aber entweder ist das seine ernsthafte Meinung oder er will sie aufziehen (was wir zu diesem Zeitpunkt nicht einschätzen können, da wir die Figur noch nicht gut genug kennen).

Chandlers Frage nach dem Buckel und Toupet bedeuten im Grunde das Gleiche: Wenn es mit ihm stimmt, muss er ziemlich hässlich und verzweifelt sein, sich mit Monica einzulassen. Wir gehen hier also von der unkonkreten („Was stimmt mit ihm nicht“) auf die konkrete Ebene („Hat er einen Buckel?“). Gleichzeitig ist das auch eine Anspielung auf den „Glöckner von Notre Dame“, was wiederum offenbart, dass Chandler ein gewisses Allgemeinwissen hat.

Phoebe bringt eine andere Facette hinein, indem sie fragt, ob „er Kreide isst“. Damit spielt sie auf das Märchen der 7 Geißlein an, in dem ein Wolf Kreide frisst, um eine hohe Stimme zu bekommen, mit der er die von der Mutter allein gelassenen Geißlein täuschen will. Der gedankliche Sprung bei diesem Satz ist also (unbewusst): Kreide fressen –> böser Wolf –> das Date von Monica könnte auch ein Verbrecher sein (und ihr so etwas Schlechtes wollen oder als zusätzlicher Grund gelten, warum er sich auf Monica einlässt, die anscheinend immer nur Menschen anzieht, die niemand daten will).

Der Dialog wäre an dieser Stelle lange nicht so spannend, wen er konkret wäre:

„Er ist nur ein Kollege“, versicherte Monica. „Mehr ist da nicht zwischen uns.“
„Du gehst immer nur mit komischen Typen aus. Er muss eine Macke haben“, überlegte Joey.

„Vielleicht ist er so hässlich, dass er keine andere findet?“ Chandler grinste.
Phoebe räumte die Einkäufe in den Küchenschrank. „Bist du dir sicher, dass er nicht gefährlich ist? Wer weiß, warum er sich mit dir treffen will.“

Die Charaktere werden hier zwar gezeigt, aber der Dialog als solcher hat viel weniger Dynamik und es fehlt das typische Foppen unter Freunden, wie man es tut, wenn man weiß, dass man sich gegenseitig aufziehen kann, ohne dass der andere böse wird.

Subtext als Missverständnis

Wie eingangs gesagt, können missverstandene Subtexte sehr gut genutzt werden, um Konflikte zu schüren oder Handlungen zu beeinflussen. Wenn beispielsweise ein Mann und eine Frau nach einem Date das Restaurant verlassen und die Frau sagt „Oh, das ist aber kalt geworden“, dann MEINT sie damit in der Regel nicht das, was sie sagt. In Wahrheit, liebe Männer, wünscht sie sich Nähe zu euch und ihr solltet ihr eure Jacke anbieten.
Nun kann man die Situation aber auch sehr gut nutzen, um den Mann das nicht verstehen zu lassen. Statt ihr seine Jacke anzubieten, könnte er auch einfach antworten: „Ja, das geht im November immer ganz schön schnell.“

Ich glaube, es war bei „How I Met Your Mother“, wo es zu einer solchen Szene kam:

Sie: „Puh, ganz schön kalt.“
Er: „Findest du?“
Sie: „Ja! Frierst du nicht?“
Er: *achselzuckend* „Nö. Bin hart im Nehmen.“

ACHTUNG SPOILER:

Später kommt heraus, dass sie damit indirekt um seine Jacke gebeten hat und er in Wahrheit durchaus gefroren hat, es aber nicht zugeben wollte, weil er nicht wie ein Weichei wirken wollte, denn sie hat das ganze Date über von ihrem ach-so-tollen Exfreund gesprochen und er wollte im Vergleich zum Ex natürlich nicht abstinken.

Aufgabe: Überprüfe deine Dialoge auf Subtext. Kannst du Konkrete Anschuldigungen in Subtext verwandeln? Erschaffe eine ausgewogene Mixtur aus konkreten Aussagen und Vermutungen/Anspielungen.

 

Mache dir alle vier Ebenen von Dialogen bewusst

 

 

Sprache formt sich ja (u. a.) durch unsere Einstellung einer Sache gegenüber. Um das zu verstehen, werfe ich schnell das Vier-Ohren-Modell in den Raum, das besagt, dass Gesprochenes auf vier Ebenen bewertet wird, ohne dass wir uns dagegen wehren können.

Wenn die Frau von oben beispielsweise sagt „Boah, ist das kalt geworden draußen!“, dann aktiviert das sofort folgende Ebenen:

  1. Sachinhalt: Welche Information steckt drin? („Es ist kälter geworden im Vergleich zu X“, X ist dabei subjektiv vom Gesprochenen zu definieren. Vielleicht findet sie es kälter als vorhin, oder kälter als noch vor vier Wochen … wer weiß? Jedenfalls hat sie das Gefühl, die Temperatur habe sich verändert.)
  2. Selbstoffenbarung: Was gibt der Sprecher durch das Gesprochene preis? („Boah“ verweist darauf, dass sie sich nicht immer sehr gewählt ausdrückt. Im Beispiel oben offenbart die Frau mit diesem Satz, dass sie den Mann toll findet und sich gerne mehr Nähe zu ihm wünscht.)
  3. Beziehung zum Empfänger: Da sie über das Wetter sprechen, sind sie vielleicht in ihren Gesprächen noch nicht auf der Ebene angelangt, bei der man über ein Thema diskutiert, seine Meinung sagt oder tiefergehende Themen erörtert. Wetter ist ein sicheres Themenfeld, die Beziehung der beiden ist also augenscheinlich noch im Erblühen.
  4. Appell: Warum sagt sie das überhaupt und welche Reaktion erwartet sie? In echt meint sie mit dieser Aussage: „Kannst du mir deine Jacke geben?“ (Subtext)

Gerade der Appell ist immer interpretierbar und wird auch oft falsch verstanden. Nutze dieses Wissen für deine Dialoge!

WAS wir sagen und WIE wir es ausdrücken, sind also Spiegel unserer Erziehung, unseres Charakters und unserer Welt. Mit diesem Wissen kannst du deine Figuren so sprechen lassen, dass schon alleine durch ihre Sprache klar wird, was dahintersteckt.

Weiteres Beispiel:

In der Serie „Desperate Housewives“ gibt es in Folge 1 (Staffel 1) eine Szene, in der Bree (ihres Zeichens überperfekte Hausfrau) mit ihrer Familie beim Abendbrot sitzt. Diese Szene ist voll von Subtext, was wiederum die gesamte Familienkonstellation widerspiegelt, in der es einzig und allein darauf ankommt, was die Nachbarn von einem denken.

Ein Einblick:

Die Familie sitzt am Tisch. Es läuft klassische Musik im Hintergrund.
(…)
Bree: Also, wie schmeckt das Ossobuco?

Analyse des Satzes
Sachinfo: Auf dem Teller ist Ossobuco.
Selbstoffenbarung: Bree sagt es, als frage sie nach Schnitzel. Man kann davon ausgehen, dass sie mit dem Gericht vertraut ist und auch bei ihrer Familie voraussetzt, dass sie es kennen und wertschätzen. Außerdem scheint sie etwas anderes fragen zu wollen, denn ob das Essen schmeckt, kann sie ja selbst testen.
Appell: Lobt mein Essen!

Sohn: Is ganz ok.
Bree (pikiert): Ganz okay? Andrew, ich habe drei Stunden in der Küche gestanden. (…)
Sohn: Wer hat dich gebeten, drei Stunden lang zu kochen?
(… kurze Diskussion, wie es in anderen Familien aussieht. Andrew findet, sie solle sich nicht immer Haute Cuisine servieren, sondern einfach mal „Essen“).
Bree (entsetzt): Nimmst du Drogen?
Analyse des Satzes
Sachinfo: Bree glaubt, ihr Sohn könnte in die Drogenszene abgerutscht sein
Selbstoffenbarung: Bree kann sich keine andere Erklärung geben, warum ihr Sohn in letzter Zeit aufmüpfig ist, als dass er vielleicht Drogen nimmt. Was sie über die Symptome und Warnzeichen gelesen hat, bestärkt sie in ihrer Meinung. Es wird an dieser Stelle deutlich, dass Bree zu dieser Zeit Null Selbstreflektion hat und gar nicht auf die Idee kommt, dass Andrew den Lebensstil der Familie kritisiert, denn in ihren Augen führen sie das perfekte Familienleben.
Appell: Gib zu, dass ich recht habe!

Sohn: Was?!
Bree: Eine Änderung des Verhaltens ist ein Warnsignal und in den letzten 6 Monaten bist du ausgesprochen frech gewesen … Deshalb schließt du dich wohl auch immer im Badezimmer ein.
Tochter (grinsend): Glaub mir, DAS ist ganz sicher nicht der Grund …
Analyse des Satzes
Sachinfo: Es gibt einen anderen Grund als den für Bree einzig möglichen. Durch ihr Grinsen wird dem Leser/Zuschauer klar, dass sie eine sexuelle Anspielung macht, die ihre Mutter nicht versteht (bzw. nicht verstehen will). Selbst wenn wir nichts über die Figuren wissen, können wir durch diesen Satz Rückschlüsse auf das Alter der Kinder ziehen. Wir haben es hier offensichtlich mit Teenagern zu tun.
Selbstoffenbarung: Danielle weiß offenbar, was ihr Bruder hinter verschlossener Tür macht. Sie ist alt genug, um einschätzen zu können, dass es ihm peinlich ist und sie ihn vor ihren Eltern bloßstellen kann und nutzt dies auch aus.
Appell (an den Bruder): Ich weiß, was du heimlich im Badezimmer machst, also sei nett zu mir, damit ich dich nicht erpresse.

Sohn: Mom, nicht ICH hab hier das Problem. Du benimmst dich geradezu so, als würdest du Bürgermeisterin von Stepford werden wollen.
Analyse des Satzes
Sachinfo: Andrew bemerkt, dass seine Mutter überreagiert
Selbstoffenbarung: Er findet, dass sie wie eine Roboterfrau ist. Er bezieht sich dabei auf den Film „Die Frauen von Stepford“ und setzt voraus, dass seine Mutter versteht, dass er auf die Frauen in diesem Film anspielt.
Appell: Du bist eine emotionslose Hülle, die nach außen hin perfekt ist, aber in echt hast du keine Ahnung, wie schlecht es uns geht!

Bree an ihren Mann: Rex, da du das Familienoberhaupt bist, wäre es schön, wenn du etwas dazu sagen würdest.
Rex: … Ich hätte gern das Salz.
Analyse des Satzes
Sachinfo: Er hätte gerne das Salz / Es steht Salz auf dem Tisch / Das Essen könnte Salz vertragen
Selbstoffenbarung: Er versucht, die Diskussion zu umgehen. Entweder möchte er Streit vermeiden oder er weiß nicht, auf wessen Seite er steht. Offenbar zieht er nicht mit seiner Frau an einem Strang. Bree war das bisher nicht richtig bewusst, sonst hätte sie ihn nicht aufgefordert, ein Machtwort zu sprechen. Sie muss vermutet haben, dass er Partei für sie ergreift. Dadurch, dass er das nicht tut, scheint sich in letzter Zeit etwas geändert zu haben.
Appell: Ich will mit dieser Diskussion nichts zu tun haben und werde keine Stellung beziehen. Ich stehe nicht auf der Seite meiner Frau.

Merkst du, was man durch Dialoge alles sagen kann?

Das war jetzt nur ein kleiner Teilaspekt des großen Ganzen, aber ich hoffe, es konnte dir einen Anstoß geben, beim Schreiben und Überarbeiten ein besonderes Augenmerk auf die Dialoge zu werfen.

Schau dir mal Serien an und höre genau hin, wie die Dialoge konzipiert sind, ob es Subtext ist, was gesagt und was gemeint ist und welche Informationen offenbart werden.

Wenn dich interessiert, wie oft Serienautoren teilweise allein an Dialogen herumschreiben, schau dir gerne mal diese Dokumentation (ca. 40 Min) an über die Entstehung einer Friends-Folge.

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