„Ich muss lernen, nein zu sagen“, sagte mir eine Freundin vor kurzem und ich nickte zustimmend. Sie gehört zu den Menschen, die sich immer zuerst fragen, was andere von ihr denken, wenn sie dieses oder jenes tut. Grenzen setzen, heißt das Zauberwort. „Aber was, wenn ich dem anderen damit vor den Kopf stoße?“

Grenzen erleben wir als Kinder zur Genüge: Die Steckdose ist tabu, man darf nicht hauen, kratzen oder beißen, unzählige Dinge nicht anfassen und wächst mit vielerlei Gesetzen auf, an die man sich zu halten hat. Je nach Erziehungsstil weiß man dabei mehr oder weniger, warum es eine Regel gibt. Bei den meisten Eltern eher weniger.

Warum gibt es diese Grenze?

Das kann soweit gehen, dass man sogar Grenzen setzt, die die Mitmenschen einschränken, obwohl es keinen triftigen Grund dafür gibt. Aber woher soll man wissen, wann eine Grenze gesetzt werden sollte und wann nicht?

In der Kindererziehung wie auch in einem freien & wunderbaren Leben geht es um die Abwägung von Bedürfnissen und Wünschen:

Bedürfnisse sind Dinge, die wir zum Überleben brauchen – auch im übertragenen Sinne. Dazu gehören (wir denken an die Maslow’sche Bedürfnispyramide) Nahrung, Obdach, Sicherheit, Sauerstoff, aber auch eine soziale Gruppe, Anerkennung und Liebe. Außerdem fallen mir das Bedürfnis nach Ruhe und – in meinem Fall – kreativer Selbstverwirklichung sowie Freiheit ein.

Wünsche hingegen sind Dinge, die man gern hätte, aber nicht zum Überleben braucht. Ein aufgeräumtes Zuhause ist beispielsweise für die meisten von uns ein Wunsch, aber wir überleben auch (wenigstens eine Zeit lang) in unordentlichen Räumen. Das schlägt bei dem einen oder der anderen dann jedoch aufs Gemüt, was zu innerem Stress führt, der wiederum das Bedürfnis nach Ruhe und Balance negativ beeinträchtigt.

Falls du dich bisher noch nicht mit dieser Thematik beschäftigt hast, kann ich dir nur folgende Schritte ans Herz legen:

  1. Liste auf, was dir in deinem Leben wichtig ist und worauf du nicht verzichten willst.
  2. Liste auf, was du gerne hättest (ohne Bewertung, ohne Zensur).
  3. Überlege bei jedem Punkt, warum es dir wichtig ist, das zu haben. Hinterfrage kritisch!

Finde so heraus, welche Werte dir so wichtig sind, dass du dir ein Leben ohne sie nicht vorstellen kannst. Prüfe immer wieder, ob du diese Werte auch wirklich in deinem Leben als wichtig erachten willst – oder ob du sie ungefragt von anderen übernommen hast.

Bei der Kommunikation einer Grenze ist Verständnis für dein Gegenüber wichtig. Wie fühlt sich der/die „Begrenzte“ durch deine Entscheidung und warum?

Ein Beispiel:
Du möchtest zu jemandem „nein“ sagen, der deine Hilfsbereitschaft in deinen Augen ausnutzt. Statt auszuflippen und zu sagen: „Die ganze Zeit nutzt du mich aus, mir reicht es jetzt! Ende!“ könntest du mit Verständnis vorgehen:
„Ich habe dir in den letzten Monaten immer wieder geholfen und kann verstehen, wenn du denkst, dass das so weitergehen kann, aber ich habe gemerkt, dass ich mich dadurch wie ausgelaugt fühle. Ich brauche mehr Zeit für mich und kann dir leider nicht mehr helfen. Das ist sicher blöd für dich und es tut mir sehr leid, aber ich möchte das nicht weiter machen.“

In einem Coaching erzählte mir jemand, dass er sinngemäß seinem Teenager gesagt habe: „Wenn du dich so anziehst, gehe ich mit dir nirgendwo hin.“ Ich fragte, warum es wichtig sei, dass das Kind „ordentlich“ angezogen ist (es war ein seriöser Anlass, um den es hierbei ging) und mein Gegenüber sagte: „Da war einfach meine Grenze.“

Vorsicht bei solchen generischen Aussagen!

Im weiteren Gespräch kam heraus, dass es eigentlich um die Angst vor Ablehnung einer sozialen Gruppe ging: „Was sollen denn die Leute denken, wenn mein Kind so rumläuft?“ und nicht um das grundlegende Bedürfnis des Kindes, seine Identität durch Kleidung auszudrücken.

Unterschwellig wurde dem/der Jugendlichen hier vermittelt: Dein Bedürfnis nach Selbstentfaltung ist nicht so wichtig wie meine Angst vor Ablehnung. Und: „Du bist nicht okay so, wie du bist. Zieh dich so an, dass du von den anderen als normal angesehen wirst, sonst denkt man schlecht über uns.“ Natürlich muss jedes Elternpaar selbst entscheiden, wo ihr Fokus liegt. Meine Empfehlung wäre, seinen Kindern absolut bedingungslose Liebe zu vermitteln, egal, was andere über dieses Kind denken. Es ist vollkommen liebenswert so, wie es ist.

Die Meinung eines anderen ist nicht das Opfer eines einzigen unserer Wünsche wert. (Anatole France)

Dieses Wissen des Kindes – „ich darf in meiner Lebenswelt so sein, wie ich mich fühle. Ich bin okay und ich bin geliebt“ – kann den Grundstein für ein solides Selbstvertrauen setzen. Mit dem sicheren Rückhalt der Familie bekommen Kinder den Mut, sich ihren Ängsten zu stellen. Die Eltern dürfen durchaus Bedenken äußern wie: „Es könnte sein, dass man dich schief anguckt, weil du anders angezogen bist, als die Leute es erwarten. Dem Anlass entsprechend, wäre es angemessen, wenn du XYZ tragen würdest, aber mach, wie du meinst.“ Das Kind lernt somit Eigenverantwortung und das ist, wie du vielleicht weißt, eine überaus wichtige Fähigkeit, um mental stabil zu sein.

Zusammengefasst: Grenzen zu setzen, ist sehr wichtig. Teile deinem Umfeld unbedingt mit, was du gerade brauchst, um körperlich und seelisch stabil und in Balance zu sein! Hinterfrage aber auch, ob deine Bedürfnisse in Wahrheit nur Meinungen sind, die möglicherweise sogar aus einer Angst heraus etabliert wurden. Begründe jede Grenze sinnvoll, kommuniziere sie klar und lebe vor, wie die Einhaltung solcher Grenzen mehr Freiheiten für alle mit sich bringt.
Stehe für deine Lebenswerte ein. Nur ein seelisch und körperlich belastbarer Mensch kann die Welt verändern.

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