Ein Buch entsteht Teil 2

Wie entwickelt man am besten einen Roman? Über die Figuren oder doch eher über den Plot? In Teil 2 der Serie „Ein Buch veröffentlichen“ geht es von der Idee hin zur ersten Umsetzung.

 

Hier geht es zu Teil 1: Die Idee

 

Was war zuerst da: Plot oder Figur?

 

Wir haben also nun eine Idee für einen Roman (siehe Teil 1). Aber was ist der nächste Schritt? Entwickelst du zuerst die Handlung (den Plot) oder die Figuren (Charaktere)?

 

Beides ist möglich. Beides habe ich bereits ausprobiert. Und beides funktioniert!

 

Ich empfehle, hier keine Regel festzulegen. Häufig ist es einfacher, zuerst eine Figur zu entwickeln, da sich die Handlung fast von selbst aus der Figur ergibt, aber wenn man eine tolle Idee zur Handlung eines Romans hat, muss man die Figur eben daran ausrichten.

 

Beispiel: Auf die Freundschaft! und Folgeband

 

Bei meinem Debütroman „Auf die Freundschaft!“ hatte ich zuerst die Figuren. Ich wusste, es sollte eine Geschichte über vier sehr verschiedene Frauen und ihre Alltagsprobleme werden, daher habe ich mich in Büchern und im Internet informiert, wie man dreidimensionale Figuren kreiert. Ich hatte also auch schon die Figuren, als ich mir Gedanken über den Folgeband gemacht habe, somit fiel eine Menge Arbeit weg (das ist wohl ein Grund, warum Folgebände häufig schneller umsetzbar sind als alleinstehende Romane).

 

Beispiel: Verlagsbuch

 

Bei meinem Verlagsroman war es genau anders herum. Ich hatte erst die Idee („eine Braut, die bei der Hochzeitsplanung durchdreht„) und brauchte dann Figuren, die zu der Handlung passten. Ich habe mir einen groben Plan erstellt, was im Plot in etwa passieren soll und dann überlegt, wie eine Figur sein muss, damit das möglich ist.

 

Ich brauchte zum Beispiel eine Figur, die extrem perfektionistisch ist und habe mich im Internet informiert, was übersteigerten Perfektionismus auslösen kann. Mit den neuen Erkenntnissen habe ich dann die Biografie der Hauptfigur entworfen, also bei dieser Eigenschaft beispielsweise die Vergangenheit, dass sie sehr chaotische Familienverhältnisse und keinen Fixpunkt hatte (= wechselnde „Väter“, eine ständig abwesende Mutter und ein häufig wechselnder Wohnort – siehe auch Beispiel in meinem Exposé).

 

Figurenentwicklung

 

Es wurden bereits viele Bücher darüber geschrieben und im Internet findet man so viele Seiten darüber, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Es ist sehr empfehlenswert, sich einige Schreibratgeber zuzulegen, in denen die Figurenentwicklung beleuchtet wird. Bei mir zu Hause bevölkern im Moment James N. Frey, Alexander Steele, Stephan Waldscheidt, Hans-Peter Roentgen und noch ein paar andere meine Regale. Das ist praktisch, um direkt nachzublättern, worauf man so achten kann und sollte, wenn man die Figuren zu gestalten anfängt.

 

Charakterbogen

 

Ich liebe die Seite www.schriftsteller-werden.de, insbesondere wegen der ausführlichen Charakterstudie. Hier wird in 15 Schritten eine Anleitung gegeben, wie man Charaktere schaffen kann, die dreidimensional sind. Es gibt auch einen Charakterbogen zum Herunterladen, den habe ich für meinen ersten Roman benutzt.

 

Die Prämisse deiner Figur

 

Jede Figur braucht eine „Message“, einen These, die es zu beweisen gilt. Dies nennt man Prämisse. Nicht nur die Figuren haben Prämissen, sondern die ganze Story unterliegt einer Prämisse, die geklärt werden soll. Es werden Behauptungen aufgestellt, die es zu beweisen gilt:

 

  • Naivität führt zu seelischen Verletzungen (Claudias Prämisse aus „Auf die Freundschaft!“)
  • Kinderlosigkeit führt zu einem unglücklichen Leben (Marias Prämisse)
  • Ehe führt zu Zufriedenheit (Karin)
  • Ehe führt zu Unzufriedenheit (Hannah)

 

Wie gesagt, auch ganze Romane sollten immer Prämissen haben. Schön erklärt finde ich es in diesem Artikel:

 

WayBack Internetarchiv: Wenn Geschichten gut werden sollen

 

Den Plot entwickeln: Einstieg über die Idee

 

Ich beginne mal mit der meiner Meinung nach schwierigeren Ausgangssituation: Du hast einfach eine Idee und willst daraus einen Roman machen. Welche Figuren du dafür brauchst, weißt du aber noch nicht, du weißt nur, dass die Geschichte das Thema X behandeln soll.

 

Die erste Frage, die geklärt werden muss, ist nun: Trägt diese Idee einen ganzen Roman? Oder eignet sie sich eher als Kurzgeschichte?

 

Wie findet man das heraus?

 

Wenn man Pech hat, erst mitten im Schreiben. Ich habe selbst so eine Erfahrung gemacht: Als ich circa 12.000 Worte bon „Achtung: Braut!“ geschrieben hatte (das entspricht so pi mal Daumen 50 Taschenbuchseiten), stellte ich fest, dass bereits die Hälfte meiner Geschichte vorbei war. Nochmal so viel und ich würde ein Buch mit ca. 100 Seiten haben – das ist doch kein Roman! Ich habe fast eine Krise bekommen, weil ich die Geschichte nicht aufplustern wollte, nur um Seiten zu füllen. Ich habe mir also erst einmal einen Kaffee geholt, tief durchgeatmet und mir nochmal genau die Abschnitte der Geschichte angesehen. Ich habe Stellen entdeckt, die ich oberflächlich behandelt habe und ich habe einige Konflikte ausgebaut, die nur angerissen wurden. Letztlich hatte mein Roman mehr als 50.000 Wörter.

 

 

Kleine Schneeflockenmethode oder: Alles aufschreiben

 

Ich habe auf meiner Autorenseite mal einen Artikel über die Schneeflocken-Methode erstellt. Dabei baut man bei jedem Schritt das Projekt weiter aus. Es ist eine sehr zeitintensive Methode, die sich aber lohnt. Ich habe sie ehrlich gesagt nicht bis zum Ende durchgehalten, aber der Anfang ist äußerst empfehlenswert.

 

Schreibe in einem Satz auf, wovon der Roman handeln soll (das brauchst du übrigens auch für dein Exposé). Ich nehme mal eine Idee, die ich vor Jahren zu einem Fantasyroman mal hatte, als Beispiel:

 

Ein Roman über eine bedrohte Fantasywelt, in der der Held gegen die böse Macht kämpft.

 

 

(Trifft vermutlich auf 98 % aller Fantasyromane zu)

 

Dann überlege, was genau passieren soll. Ich mache es so, dass ich einfach meine Idee schriftlich etwas erweitere:

 

Ein junger Krieger, der sehr verbissen kämpft, aber trotzdem meistens nicht ernst genommen wird, bekommt den Auftrag, die Welt zu retten. Dabei helfen ihm andere Figuren.

 

Gehe weiter ins Detail und überlege dir, wie die Geschichte aufgebaut sein könnte:

 

A., ein Krieger aus dem Volke XY, entdeckt eine junge Frau, die verletzt im Wald liegt. Er stellt fest, dass sie von einem verfeindeten Volk stammt. Sie ist ein übergelaufener Flüchtling und warnt das Volk vor einem geplanten Angriff ihres Volkes. A. wird vom König durch das Land geschickt, um die anderen Völker um Hilfe zu bitten. Im Laufe der Reise werden ihm Begleiter an die Hand gegeben. Zum Schluss: Großes Finale mit Kampf gegen die Bösen.

 

Jetzt hast du einen groben Umriss des Romans. Ich würde sagen, bei meiner Idee kann man sehr viele Abschnitte machen, die den Helden auf seiner Reise mit den verschiedenen Begleitern zeigen (Stichwort: Heldenreise). Wenn du dir noch unsicher bist, ob die Geschichte tragfähig ist, gehe weiter ins Detail und schreibe einen Abschnittsplan, idealerweise mit einer Anzahl der geplanten Seiten:

 

1. A. trainiert im Wald und findet die verletzte Y. (ca. 5 Seiten)
2. Y. berichtet von dem Angriff (1 Seite)
3. Sie gehen zum König. Er gibt A. den Auftrag, (… usw. – 3 Seiten)
4. Y. will A. helfen und mitreisen. (1 Seite)

Zusammen geht die erste Etappe nach Ê. (2 Seiten) An der Grenze der erste Kampf (5 Seiten)
5. Kampf gewonnen. Der König von Ê. ist schockiert und stellt ihnen seinen besten Bogenschützen zur Seite (5 Seiten). Er besteht darauf, dass sein Vetter, König X., informiert wird und verspricht A. Ruhm und Ehre, wenn er diesen Umweg auf sich nimmt. (2 Seiten)

198. Trotz der erlebten Verluste fühlt A. sich gestärkt, reifer und anerkannt. Ende.

 

 

Ich habe dir jetzt den Zwischenteil erspart, aber ich denke, es wird klar, was ich meine. Je mehr Szenen, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Roman draus wird. Zur Überprüfung dienen die Seitenzahlen (oder die Wortzahlen, je nach dem, womit du rechnest).

 

Bedenke aber: Jede Szene sollte auch ihre Berechtigung haben, also zu etwas nütze sein, sonst wird sie im Nachhinein gestrichen. Dazu sage ich aber im späteren Verlauf der Serie noch etwas, wenn wir ans Überarbeiten gehen.

 

Den Plot entwickeln: Einstieg über die Figuren

 

Die für mich persönlich einfachere Variante der Plotentwicklung ist, über die Figuren zu gehen.

 

Warum?

 

Ganz einfach: Wenn ich eine dreidimensionale Figur habe, die gefüllt ist mit Wünschen und Konflikten, ergibt sich die Handlung fast von selbst.

 

Beispiel: Claudia Robinson, Protagonistin aus „Auf die Freundschaft!

 

Claudia ist zu Beginn des Romans eine eher naive Person, die sich sehr gerne in ihrer Komfortzone aufhält, große Veränderungen scheut und sich am glücklichsten fühlt, wenn sie einen liebenden Ehemann zu Hause hat, der sie umgarnt. Da du aber einen spannenden Roman schreiben willst, wäre es langweilig, diese Eigenschaften zu beschreiben und es so auf sich ruhen zu lassen. Was würde also passieren, wenn Claudia gezwungen wird, ihr Leben zu ändern? Sie müsste auf eigenen Beinen stehen, alleine klarkommen und ihr Leben ordnen. Perfekt, das kann man als Aufhänger nehmen.

 

Erste Aufgabe also: Es sollte etwas passieren, dass Claudia aus ihrer Komfortzone treibt.

 

Meine Lösung: Claudia erwischt ihren Mann beim wiederholten Fremdgehen und beschließt, ihn zu verlassen.

 

Wenn man dann noch eine karriere- und sexbesessene Frau (Hannah) mit zwei Familienmenschen (Karin und Maria) kollidieren lässt (eine mit 5 Kindern und die andere mit riesigem Babywunsch, der nicht erfüllt werden kann), hat man eine Menge Potenzial, um verschiedene Szenen zu entwickeln.

 

Beispiel: In der Schublade liegende Fantasy-Idee

 

Wäre der oben genannte junge Krieger bereits erfahren und von allen Seiten bewundert, würde er zwar auch den Befehl des Königs ausführen, aber es wäre nicht so spannend. Da wir einen jungen Krieger haben, ist es wahrscheinlich, dass er schnell an seine Grenzen gerät. A. ist aber sehr ehrgeizig, also wird er daran arbeiten, besser zu werden und Anerkennung/Ruhm zu erlangen. Sein Antrieb ist groß genug, dass er auch Umwege in Kauf nimmt und es ist wahrscheinlich, dass er immer wieder aufsteht, wenn er hinfällt.

 

Ehrlich gesagt hätte A. Claudias Mann wohl kastriert an ihrer Stelle. Zum Glück kennen sich die beiden nicht.

 

Fazit

 

Dieser Beitrag ist nur ein kleines Beispiel, wie man Plot und Figuren entwickeln kann. Es gibt X andere Möglichkeiten und jeder muss für sich herausfinden, welche die passende für ihn ist! Probier einfach aus, mit welchem Ansatz du dich am wohlsten fühlt und scheue dich nicht, Dinge zu kombinieren. Für manche Projekte eignet sich die eine Methode eher, für andere eine andere und manchmal weder die eine noch die andere.

 

Ich wiederhole gerne noch einmal: Hinterlasse mir bitte einen Kommentar, wenn dich ein ausführlicher Kurs hierzu interessiert.

 

Wichtig ist, dass DU mit der Methode klarkommst. Wenn du jemand bist, der alles im Kopf kann, dann brauchst so solche Dinge wie die Schneeflockenmethode nicht. Wenn du immer tolle Ideen hast, fällt dir das Plotten vielleicht leicht. Ich freue mich sehr auf deine Kommentare zu diesem Themengebiet. Welche Methoden benutzt du, um Figuren zu erstellen und den Plot zu erfinden?

 

In Teil 3 geht es um den ersten Entwurf. Er folgt nächste Woche!