Dass man Infodump als Autor (oder Autorin) vermeiden soll, hat sich schon bei vielen Schreibneulingen herumgesprochen. Dadurch entsteht aber eine neue Spezies Schreibfehler: Der „Infodump auf Seite 2“.

Watt is Infodump?

 

Also Infodump bezeichnet man beim Schreiben eine Anhäufung sehr vieler Informationen, die die Geschichte in dieser Szene nicht voranbringen.

Hier mal ein ausgedachtes Beispiel:

Kapitel 1

Sean Sullivan wachte an diesem Morgen mit Kopfschmerzen auf. Mürrisch griff er halb-blind nach der Packung Tabletten, die auf seinem Nachttisch lagen, und fummelte an der Verpackung herum.
Mit seinen 31 Jahren sah Sean noch immer aus wie ein gerade frisch immatrikulierter Student, was einerseits an seinem spärlichen Bartwuchs, aber andererseits sicherlich an dem naturgegebenen schmalen Gesicht liegen musste, das Nicole immer so liebevoll „Babyface“ genannt hatte. Sean hatte es gehasst, wenn sie ihn so angesprochen hatte, aber diese Zeiten waren zum Glück vorüber. Sie hatte ihn vor drei Wochen verlassen, ohne dass er irgendwelche Vorzeichen gesehen hätte, und seitdem feierte er seine neugewonnene Freiheit jeden Tag aufs Neue. Sean lebte seit Nicoles Auszug alleine in der Drei-Zimmer-Wohnung in einem Vorort von London, aber er würde bald umziehen müssen, da sein mickriges Gehalt als Paketzusteller nicht ausreichte, um die Wohnung alleine zu bezahlen. Er hasste seinen Job, aber alle Bemühungen, woanders eine Anstellung zu bekommen, waren ins Leere verlaufen. Er hätte zu gerne gewusst, an wen er Nicole verloren hatte, denn dass es einen anderen gab, war für ihn klar, auch wenn sie natürlich das Gegenteil behauptete. Aber er kannte sie nur zu gut: die aufsteigende Röte, wenn er sie darauf ansprach, das nervöse Nesteln an ihren Haaren und dann der aufflammende Blick … sie war definitiv verliebt. Es war drei Jahre her, dass sie ihn so angesehen hatte.
Sean streckte sich und schluckte die Tablette ohne Wasser hinunter.

 

Das in Pink Geschriebene ist der böse Infodump: Die vielen Informationen sind zwar sicherlich für den Gesamtzusammenhang der Geschichte wichtig (ich stelle mir vor, dass Nicole und ihr neuer Verehrer sicherlich noch eine Rolle spielen werden), aber das ganze Geschwafel hat an dieser Stelle eigentlich nichts verloren – außer, man benutzt das absichtlich, um es als Stilmittel einzusetzen.

Aber wie immer gilt auch hier: Man sollte die Regeln erst bewusst brechen, wenn man sie einhalten kann.

Das heißt also, wir sollten zuerst lernen, ohne Infodump zu schreiben.

 

Infodump wird auf der ersten Seite oft vermieden …

 

Wenn du dich schon einmal mit einem Schreibratgeber beschäftigt hast, dann wirst du vermutlich wissen, dass es Infodump gibt und dass er am Anfang des Buches nichts verloren hat. Er langweilt den Leser und bringt ihn nicht selten dazu, das Buch zu schließen und wegzustellen (oder gar nicht erst zu kaufen).

Da das zum Glück schon viele Schriftsteller wissen, beginnen die meisten Geschichten äußerst spannend. Viele Romane, in die ich hineinlese, werfen den Leser mitten ins Geschehen und halten sich nicht mit langem Gefasel auf. Das ist super!

Leider ist die Konsequenz oft nur eine Verschiebung des Problems.

 

… und auf Seite 2 verschoben

 

Seite 2 ist hier nicht unbedingt ganz wörtlich zu nehmen, obwohl das sehr häufig der Tatsache entspricht.

Wer es geschafft hat, auf Seite 1 nicht in die Infodump-Falle zu tappen, der erliegt ihr sehr oft auf Seite zwei. Da strengt man sich extra an, einen guten und fetzigen Beginn zu schreiben, die Spannung aufzubauen und den Leser zum Umblättern zu bewegen … und dann hört er nach der zweiten Seite auf und legt das Buch weg.

Wir haben also zwei Probleme: 1) Wie bleibe ich vom Text her spannend und bringe 2) alle meine Infos unter?

 

Tipp Nr. 1: Informationen nur sporadisch einstreuen

 

Es ist überhaupt nicht schlimm, hie und da mal eine Info zu geben. Im Gegenteil, der Leser (resp. die Leserin, ich meine immer beides) muss sich ja irgendwie orientieren können.

Aber warum muss es gleich die ganze Lebensgeschichte sein? Suche dir eine Information aus, die an dieser Stelle wichtig ist, und verschiebe den Rest auf später.

Bei Sean könnte das so aussehen:

Sean Sullivan wachte an diesem Morgen mit Kopfschmerzen auf. Mürrisch griff er halb-blind nach der Packung Tabletten, die auf seinem Nachttisch lagen, und fummelte an der Verpackung herum. Seit Nicole ihn vor drei Wochen verlassen hatte, wachte er jeden verdammten Tag mit einem anderen Wehwehchen auf. Er streckte sich und schluckte die Tablette ohne Wasser hinunter.

Was habe ich hier gemacht? Ich habe die Hauptinformation herausgefiltert, die Sache, die Sean im Moment am meisten bewegt und die für den Leser gerade am wichtigsten ist. Dass er jung aussieht und als Paketzusteller arbeitet, ist jetzt gerade ziemlich egal.

 

Tipp Nr. 2: Informationen in die Handlung einbetten

 

Ich zeige dir mal, wie meine liebe Joanne K. Rowling Informationen übermittelt. Sie hat, zugegebenermaßen, auch oft Infodump in ihren Büchern, wenn sie in Band 4 Dinge erklärt, die in Band 1 passiert sind, aber im Allgemeinen hat sie es schon drauf.

Hier also mal ein Einblick in Seite 3 von Band 2, „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“. Auf den ersten beiden Seiten war Handlung, jetzt geht’s zum „Infodump„-Teil, den sie aber ganz gut kaschiert:

Seit Harry zu Beginn der Sommerferien nach Hause gekommen war, hatte Onkel Vernon ihn behandelt wie eine Bombe, die jeden Moment hochgehen könnte, denn Harry Potter war kein normaler Junge. In der Tat war er so wenig normal wie überhaupt vorstellbar.
Harry Potter war ein Zauberer – ein Zauberer, der gerade sein erstes Jahr in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, hinter sich hatte. Und mochten die Dursleys noch so unglücklich sein, weil sie ihn für die Ferien zurückhatten – das war noch lange nichts gegen Harrys Kummer.
Er vermisste Hogwarts so sehr, dass es ihm vorkam, als hätte er dauernd Magenschmerzen. Er vermisste das Schloss mit seinen Geheimgängen und Geistern, die Unterrichtsstunden (wenn auch nicht gerade Snape, den Lehrer für Zaubertränke), die Eulenpost, die Festessen in der Großen Halle, sein Himmelbett (…
an dieser Stelle kommen noch mehr Aufzählungen).
Alle Zauberbücher Harrys, den Zauberstab, die Umhänge, den Kessel und den Nimbus Zweitausend, einen fliegenden Besen der Spitzenklasse, hatte Onkel Vernon, kaum hatte Harry das Haus betreten, an sich gerissen und in den Schrank unter der Treppe gesperrt.

(Aus: „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ von Joanne K. Rowling, S. 7)

Nimm dir also ruhig mal ein Beispiel an anderen Autoren und frage dich:

1) Welche Information ist jetzt so wichtig, dass sie an dieser Stelle gesagt werden muss, um den Zusammenhang zu verstehen?
2) Wie kann ich diese Information schön verpacken?

Joanne K. Rowling erzählt an dieser Stelle nichts von Voldemort oder Hermine und Ron, sondern nur das Wichtigste: dass Harry ein Zauberer ist und gerade ein Jahr lang in einer Zauberschule war.

 

Tipp Nr. 3: Alles zu seiner Zeit sagen

 

Stell dir vor, du hast ziemlich lange für deinen Roman und deine Figuren recherchiert, hast unzählige Stunden in die Ausarbeitung gesteckt und beim Schreiben sprudeln nur so die Gedanken, die du zur Geschichte und den Figuren hast.

Das ist große Klasse, freu dich, wenn es so ist! Dann sind Schreibblockaden anscheinend kein Thema für dich 🙂

Dennoch möchte ich dir noch einen weiteren Tipp ans Herz legen: Der Leser muss nicht alles sofort wissen.

Überleg doch nur mal, wie es wäre, wenn ein Krimiautor keine Geduld hätte:

Sean Sullivan wachte an diesem Morgen mit Kopfschmerzen auf. Er hatte seit drei Wochen an jedem verdammten Tag irgendein Wehwehchen, das er sich nicht erklären konnte. Als würde ihn jemand jede Nacht entführen und eine andere Stelle seines Körpers verprügeln. Sean konnte noch nicht wissen, dass Prof. Mackenby dahintersteckte, der den teuflischen Plan verfolgte, Sean als lebende Testperson für seine neuartigen Medikamente zu missbrauchen. Andernfalls hätte er nun nicht nach den Tabletten gegriffen, die der Professor ihm mitgegeben hatte, als er nach Nicoles Trennung über Schlafmangel geklagt hatte. Prof. Mackenby war es recht gewesen, wenngleich sein Assistent ihm mehrfach darauf hingewiesen hatte, welches unrecht er Sean antat. Aber zu seinem Glück wusste Sean nichts von seiner Zweitidentität als Medikamententester.

Ist jetzt nicht der beste Plot der Welt *hüstel* aber ich hoffe, du verstehst, was ich sagen will: Der Leser braucht am Anfang nicht alle Informationen, die du hast. Im Gegenteil! Er vertraut darauf, dass du ihm alle Informationen gibst, die er unbedingt braucht, aber niemals so viele, dass du die Spannung vorwegnimmst.

Daher kommt mein dritter Tipp: So viel sagen, wie nötig, aber so wenig, wie möglich.

 

Ich hoffe, dass dir diese drei Tipps ein bisschen helfen konnten, dich vor der „Infodump auf Seite 2“-Falle in Acht zu nehmen. Überprüfe gerne mal deine eigenen Manuskripte daraufhin, du wirst dich wundern! (Außer, dir war die Falle schon beim Schreiben bewusst und du hast sie wissentlich umgangen).

Falls du noch einen super Infodump-Vermeidungstipp in petto hast, wäre ich dir sehr verbunden, wenn du uns alle daran teilhaben lässt und ihn in die Kommentare schreibst!

 

Hilft dir beim Schreiben: Der WOW-Kurs

Falls du bei der Überarbeitung deines Romans (oder sogar schon vor dem Schreiben) feststellst, dass deiner Geschichte irgendwie etwas fehlt, könnte es sein, dass du nicht genug in die Tiefe gegangen bist. Unterscheidet sich dein Roman überhaupt von anderen des gleichen Genres? Falls du möchtest, dass ich dir helfe, aus deinem Roman einen „WOW!-Roman“ zu machen, sieh dir gerne mal meinen Schreibkurs an.