Titelbild des Beitrags: Tipps für Plot-Twists

Jeder von uns kennt Romane und Filme mit überraschenden Wendungen, die wir nicht haben kommen sehen. Im klassischen Aufbau eines Romans (dem Dreiakter, Vierakter oder Fünfakter) werden sogar an mehreren Stellen Wendungen vorgegeben. Aber wie schaffst du es, einen so genannten „Plot Twist“ unerwartet und trotzdem glaubhaft zu konstruieren, ohne dass es konstruiert aussieht?

Die folgenden Tipps können dir dabei helfen.

Übrigens: Du musst dich natürlich nicht an die Vorgaben halten, die dir Strukturen wie der Vierakter vorgeben. Ein Twist kann dann passieren, wenn du ihn für richtig hältst.

Tipp 1: Meide, was erwartet wird.

Der Tipps klingt ziemlich simpel: Wenn du jemanden überraschen willst, dann tu nicht das, womit er rechnet. Sei kreativ, sei originell.

Leichter gesagt als getan? Eigentlich nicht, du musst nur etwas Gehirnschmalz investieren.

Wenn du deinen Höhepunkt planst (oder als Discovery Writer gerade dabei bist, ihn aufzuschreiben), dann streiche die erstbeste Idee, die dir in den Sinn kommt.

Beispiel: Kommissarin Emmi jagd den Mörder ihres besten Freundes. Wer ist es gewesen?

Erste Idee: Die Haushälterin (aka „der Butler“ oder „der Gärtner“), die heimlich in ihn verliebt war, ihn nie haben konnte und nun aus Eifersucht gehandelt hat.

Diese erste Idee wird verworfen, weil sie am wahrscheinlichsten ist. Deine Leserinnen und Leser fiebern ja dem Höhepunkt entgegen und wenn ihnen dann genau das serviert wird, was sie erwartet haben, bleibt ein fader Nachgeschmack. Als Leser wollen wir überrascht werden.

Überlege dir also, welche zweite Idee dir in den Sinn kommt.

Streiche sie ebenfalls.

Beispiel: Es war nicht die Haushälterin, sondern eine gemeinsame Freundin von Emmi und Jo, die ihrerseits heimlich in ihn verliebt war und aus Eifersucht gehandelt hat.

Überlege dir weitere Ideen und streiche sie ebenfalls. Dein Ziel ist es, etwas Unerwartetes zu erschaffen. Wenn dein Leser/deine Leserin diese Szene liest, soll er/sie staunend da sitzen und denken: „Wow, das hab ich nicht kommen sehen! Unglaublich!“ Und trotzdem muss es sich organisch in die Gesamtgeschichte einfügen. Deshalb ist es wichtig, eine überraschende Wendung gut vorzubereiten:

Tipp 2: Lege die Fährten subtil aus

Wenn die Lesenden mitdenken und raten können (und dabei immer wieder falsche Rückschlüsse ziehen), macht das Lesen mehr Spaß als wenn einem alles vorgekaut wird. Wirf Brotkrumen hin und lasse den Leser/die Leserin selbst entscheiden, ob er/sie sie beachtet oder nicht.

Frage dich bei der Vorbereitung eines Twists also, wie du die Hinweise darauf noch besser verstecken kannst. Ablenkung ist hier ein gutes Stichwort: In einer Kampfszene beispielsweise ist man als Leser/in oder Zuschauer/in oft zu abgelenkt, um die Details aufzunehmen. Mehr dazu gleich.

Manche Hinweise ergeben sich erst aus der Geschichte selbst, beispielsweise wenn in einem Krimi neue Beweismittel auftauchen, die helfen, dass die Kommissare in eine andere Richtung denken oder Verbindungen entdecken, die ihnen vorher nicht klar waren. Auch dies kann zu einem Twist führen.

Oftmals neigt man als Autor/in dazu, wichtige Informationen zu früh preiszugeben. Hab Geduld! Du möchtest, dass dein/e Leser/in überrascht wird, also halte alles zurück, was er/sie zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt wissen muss.

Tipp 3: Lenke die Aufmerksamkeit auf etwas anderes

Ich erinnere mich noch sehr gut an mein erstes Leseerlebnis bei „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Dort wurde im 6. Kapitel eine Information in einem Nebensatz erwähnt, die später im 13. Kapitel eine entscheidende Rolle spielt. Man liest den Satz, merkt sich aber nicht den Inhalt, da man als Leser/in zu beschäftigt damit ist, sich in der „Neuen Welt“ zurechtzufinden (ebenso wie der Protagonist) und mit den ganzen neuen Begriffen klarzukommen. Aber der Hinweis steht dort und man hätte ihn sich merken können.

Das sind gut versteckte Hinweise (von denen es übrigens unzählige in den Harry-Potter-Büchern gibt), denn sie sind da, aber meine Aufmerksamkeit als Leserin liegt gerade woanders. Verstecke deine Hinweise also in Nebensätzen, belanglosen Handlungen oder nutze allgemeines Chaos, um sie einzustreuen.

Aber Achtung: aufmerksame Leser/innen merken in der Regel schnell, wenn man ihnen einen Köder vorwirft! Lass dein Versteck also vor einer Veröffentlichung von Testlesern testen.

Tipp 4: Mit Erwartungen spielen

Wann ist eine Überraschung effektiv? Wenn ich etwas erwarte und etwas anderes geschieht (wie schon in Tipp 1 erwähnt). Diese Erwartungshaltung, die jede/r Lesende an ein Buch hat, kannst du ausnutzen.

Ein Beispiel – Achtung, Spoiler-Alarm! Es geht um das Ende von „Life of Pi“*. Wenn du den Film noch nicht gesehen oder das Buch („Schiffbruch mit Tiger“) noch nicht gelesen hast, dann springe bitte zum nächsten Punkt.

In „Life of Pi“ erzählt uns der Protagonist Pi von seinem Leben, insbesondere von der Episode, als er als einziger den Untergang eines Frachters überlebt, in dem Zootiere transportiert wurden. Er kommt auf einem Rettungsboot unter, das er sich fortan mit einem Zebra und einer Hyäne teilt. Später kommt ein Orang-Utan dazu und eben auch ein Tiger. Es wird berichtet, wie der Kampf zwischen den verschiedenen Tieren und Pi aussieht, wie sie sich fast gerettet wähnen, aber dann doch von einer seltsamen Insel fliehen müssen, und so weiter. Wenn man den Film sieht, kategorisiert man ihn als Fantasy-Film ein.

Am Ende jedoch – und hier kommt der Spoiler – wird klar, dass die Tiere lediglich symbolisch für echte Menschen standen: Tatsächlich hat Pi nicht als einziger überlebt, sondern mit ihm ein Koch (Hyäne) und ein Matrose (Zebra). Außerdem war seine Mutter anwesend (Orang-Utan). Der Tiger steht für Pi selbst und seinen Überlebenswillen. Der Koch hat versucht, den verletzten Matrosen zu retten, was ihm jedoch nicht gelang. Daraufhin hat er ihn als Fischköder benutzt und Pis Mutter umgebracht, als sie sich in einem Kampf schützend vor Pi gestellt hat. Das ganze Buch bzw. der ganze Film erzählt also im Grunde zwei Geschichten und man wird sie nie wieder so erleben wie beim ersten Lesen, als man die Symbolik noch nicht kannte.

Das macht einen richtig guten Twist aus.

Die Erwartungen an die Geschichte, die sich aus dem Genre ergeben, wurden also übertroffen. Es geht nicht nur um Tiere, ominöse Zauberinseln und übersinnliche Begebenheiten, sondern um eine tragische Geschichte zwischen Menschen und den Glauben an Gott.

Wenn du weißt, welche Erwartungen Leser/innen an das Genre haben, kannst du dies nutzen, um die Erwartungen zu übertreffen.

In den Büchern der „Games of Thrones“-Reihe („Das Lied von Eis und Feuer“*) beispielsweise sterben viele Charaktere, von denen man es nicht denkt, weil die Genre-Regeln eigentlich besagen, dass die „Guten“ nicht sterben – oder wenn, dann bitte nur ein, zwei Nebenfiguren, die entbehrlich sind. Sobald Charaktere aus dem Hauptcast sterben, schockierst du als Autor/in deine Leser. Die Erwartungen werden in diesem Fall enttäuscht, aber gleichzeitig baust du damit eine sehr große Spannung auf, weil deine Leser/innen wissen, dass keine Figur wirklich sicher ist.

Tipp 5: Alles muss auf Augenhöhe passieren!

Der Held gerät in eine schreckliche Situation. Zustände spitzen sich zu. Da kommt er niemals lebend heraus! Ihm bricht der Schweiß aus, die Wände werden enger und plötzlich taucht der Antagonist mit gezogener Waffe auf. „Das war es“, sagt er und drückt ab … und dein Held erwacht aus seinem Albtraum.

Dieser klägliche Versuch eines „Twists“ ist nicht nur mittlerweile ein Klischee, das du vermeiden solltest, sondern macht vor allem eines: Er veräppelt die Leser/innen und sie kommen sich vorgeführt vor.

Romane zu schreiben heißt auch, die Leser/innen um Vertrauen zu bitten. Sie glauben dir, dass du ihnen eine gute Geschichte erzählen wirst. Dass es sich lohnt, auf Haushalt, Einkaufen, Fernsehen, andere Romane oder ein Treffen mit Freunden zu verzichten, um diese von dir erdachte Geschichte zu lesen. Dass du ihnen eine fiktive Wahrheit erzählst – oder aber eine so ausgeklügelte Lüge, dass sie am Ende dennoch zufrieden sind, weil du es einfach so geschickt eingefädelt hast (siehe „Life of Pi“).

Deine Leser/innen dürfen sich niemals – pardon – verarscht vorkommen, sonst klappen sie womöglich das Buch zu und widmen sich Dingen, die ihnen mehr Respekt entgegenbringen.

Wie bereits erwähnt, sollten deine Twists so angelegt sein, dass man sie hätte kommen sehen können, wenn man denn 1 und 1 zusammengezählt hätte. Die Leser/innen dürfen sich ruhig selbst vorwerfen, dass sie den Twist vorausgeahnt hätten, wenn sie aufmerksamer gewesen wären, denn es heißt, dass du ihnen alles mitgeteilt hast, was sie wissen mussten, um selbst auf diese Idee zu kommen.

Tipp 6: Führe deine Charaktere in die Irre

Es ist schwierig genug, seine Leser/innen in die Irre zu führen, aber manchmal ist es noch schwieriger, das bei seinen Charakteren zu tun.

Stell dir vor, deine Heldin muss die Welt vor einer Bedrohung retten. Sie erfährt, dass sie dazu in die feindliche Hauptzentrale eindringen muss, um dort einen Schlüssel zu klauen, mit dem sie die Zeitbombe anhalten kann. Auf ihrem Weg passiert sie viele Gefahren, verliert ihren besten Freund, erlebt weitere Verlust und Verletzungen und muss sogar ihre eigene Mutter dazu bringen, sich zu opfern, damit sie an den Kasten kommt, in dem der Schlüssel sein soll – nur um dann zu erfahren, dass vor ihr jemand schneller war und den Schlüssel an sich genommen hat. Sie ist am Boden zerstört, will alles hinschmeißen, realisiert aber dann, dass gar nicht dieser Schlüssel gemeint war, sondern etwas, das in ihrer Vergangenheit liegt. Sie erkennt die Zusammenhänge, die schon die ganze Zeit da waren, und findet heraus, dass sie selbst als Schlüssel agieren muss. Mit neuer Zuversicht tritt sie dem Antagonisten entgegen, bereit, für die Rettung der Menschheit zu sterben.

In dieser kurzen Outline haben wir die Situation, dass die Heldin lange Zeit auf einer falschen Fährte ist. Als Leser/in fühlt man mit ihr, wenn sie förmlich bei der Erkenntnis zusammenbricht, dass all die Opfer „für nichts“ gebracht wurden. Es ist dann umso wichtiger, dass den Opfern und Entbehrungen am Ende doch ein Sinn gegeben wird, damit man als Leser/in nicht frustriert ist. Leid ohne Sinn dahinter ist gedankenlose Gewalt, die in keiner guten Geschichte etwas verloren hat.

Denke selbst einmal an Situationen aus Büchern oder Filmen, in denen Figuren auf dem falschen Weg waren. Wie haben sie herausgefunden, was die Wahrheit ist? Hätte man als Leser/in selbst darauf kommen können oder kam der Twist überraschend?

Nicht alle Twists müssen im Nachhinein vorhersehbar sein! Das obige Beispiel zeigt, dass man als Leser/in keine Anhaltspunkte darüber hatte, dass der Schlüssel nicht an seinem Ort ist. Die eigenen Erkenntnisse wachsen mit dem inneren Wachstum der Heldin, was Leser/in und Heldin zusammenschweißt und für eine gute Unterhaltung sorgt.

Tipp 7: Erzwinge eine bestimmte Reaktion

Im Grunde reagieren deine Leser/innen auf einen Twist mit einem von drei möglichen Ausrufen:

  • Nein! Das hätte ich nie gedacht!
  • Wow, gute Idee!
  • Oh ja, was für ein genialer Twist!

Natürlich nicht genau mit diesen Worten, aber zumindest von der emotionalen Reaktion her.

Mache dir vorher darüber Gedanken, welche emotionale Reaktion zu hervorrufen willst.

„Das hätte ich nie gedacht!“

Diese Gedanken kommen, wenn deine Leser/innen klare Erwartungen haben, die du übertriffst. Du kreierst eine Situation, in denen es scheinbar nur einen einzigen Ausweg gibt (das schürt eine gewisse Erwartungshaltung), aber dann kommst du mit einer ganz anderen Lösung daher – idealerweise einer, die sich früher im Roman bereits angebahnt hat.

Du zeigst ihnen, dass es mehr gibt als das, was sie oberflächlich sehen, und das regt zum Nachdenken an.

„Wow, gute Idee!“

Im Gegenteil zur ersten Variante, in der du deine Leser/innen dazu bringst, sich auf gewisse Dinge zu verlassen, nur um ihnen dann etwas anderes vorzusetzen, geht es bei dieser Variante um Unsicherheit.

Kurz gesagt: Der/Die Leser/in hat keine blassen Schimmer, was als Nächstes passiert und ist von deinem Einfallsreichtum begeistert.

Das geschieht sehr häufig in Krimis oder Thrillern, wenn es um die Tatverdächtigen geht. Jeder hat ein Motiv – oder niemand. Der/Die Leser/in weiß auch nach über der Hälfte des Buches noch immer nicht, wer der Mörder sein könnte, oder hat mehr Verdächtige als Unschuldige. In deinem Twist wird dann klar, dass alle Hinweise auf diesen einen Täter gedeutet haben.

„Oh ja, was für ein genialer Twist!“

Meiner Meinung nach die wirkungsvollste, aber schwierigste Variante, ist diese, bei der du unheimlich viel Köpfchen beweisen musst.

Diese Twists basieren typischerweise auf „Chekhov’s Gun“ (= eine Sache wurde am Anfang des Romans erwähnt, die Leser/innen haben es mittlerweile vergessen und jetzt fällt es ihnen wieder ein und sie sind begeistert, dass die Lösung so offensichtlich war, sie aber nicht darauf gekommen sind) oder bedienen sich am Prinzip des Unzuverlässigen Erzählers. Auch psychische Krankheiten wie Multiple Persönlichkeitsstörung sind fast schon Klassiker, die einen unerwarteten, aber glaubhaften Twist ans Ende einer Geschichte setzen.

Hohe Ansprüche? Und ob!

Vielleicht hast du nach der Lektüre dieses Artikels das Gefühl, dass da viel Arbeit auf dich zukommt, wenn du großartige Twists kreieren willst. Ja, das kann durchaus der Fall sein.

Zum Glück musst du da nicht allein durch.

Ich möchte dich an dieser Stelle auf meinen anstehenden Online-Workshop aufmerksam machen, der am 9. September 2019 beginnt und fünf Wochen andauert. Hier habe ich alles im Detail dazu aufgeschrieben.

Die Kurzfassung: In einer kleinen Gruppe verbringen wir online gemeinsame 5 Wochen und arbeiten sehr intensiv an deinem Buch. Wir nehmen Figuren, Plot, Konflikte und deinen Schreibstil auseinander, polieren alles und setzen es neu zusammen, sodass dein Roman am Ende um Längen besser ist als vorher und du in kurzer Zeit sehr viel dazugelernt haben wirst.

Die ganze Zeit bin ich für dich da, begleite dich bei deinem Prozess und zeige dir auf, wie du dein Potenzial besser nutzen kannst.

Alle Voraussetzungen, Details und Kosten findest du auf dieser Seite. Aber Achtung: Die Anmeldungsfrist läuft am 30. August ab!