Jeder von uns fängt man klein an und muss die Regeln des Schreibhandwerks nach und nach lernen (zu denen im Übrigen auch gehört, dass man Regeln brechen sollte). Wenn man ein paar Romane geschrieben hat und sich nach längerer Zeit mal wieder ansieht, wie das Erstlingswerk geschrieben wurde, bekommt man nicht selten überall Gänsehaut, weil man so viele Anfängerfehler gemacht hat.

Lass uns mal sehen, welche Fehler am häufigsten gemacht werden.

Die Szene beginnt mit dem Wetter oder Aufstehen

Es ist nicht per se ein Fehler, einen Roman mit der Beschreibung des Wetters zu beginnen, aber es gilt als nicht besonders guter oder origineller Anfang. Zwar ist es natürlich wichtig, dass man ungefähr weiß, welches Wetter herrscht, aber das lässt sich auch anders lösen.

Statt so etwas:

Die Mittagssonne stand senkrecht am Himmel. Amy schirmte ihre Augen mit der flachen Hand ab und hielt nach Conny Ausschau.

lege lieber die Betonung auf das, was wichtig ist:

Wie immer zu spät. Amy schirmte ihre Augen mit der flachen Hand vor der Sonne ab und hielt nach Conny Ausschau.

Man weiß als Leser noch immer, dass die Sonne scheint, aber der Fokus liegt nun woanders.

 

Ähnlich verhält es sich mit dem fast schon klischeehaften Aufwachen einer Figur. Damit ist NICHT gemeint, dass eine Figur beispielsweise nach einer Prügelei, einer Bewusstlosigkeit oder anderen Einwirkungen aufwacht. Viele Schriftsteller wissen, dass ein Roman damit beginnen soll, zu zeigen, wie der Alltag der Hauptfigur ist, also fangen sie ganz von vorne an: Beim Aufstehen.

 

Amy öffnete die Augen. Sie hatte den Wecker schon dreimal auf „Snooze“ gestellt und langsam wurde es Zeit, aufzustehen. Gähnend reckte sie ihre Hände in die Höhe, kniff die Augen zusammen und atmete geräuschvoll aus. Montage mussten eine Erfindung des Teufels sein, genau so wie Steuerklärungen oder Blasen an den Füßen. Sie schlug die Decke zurück und suchte noch im Halbschlaf nach ihrem zweiten Hausschuh.

 

Zwar kann es interessant sein, eine Figur in dem Moment zu sehen, wo sie aufwacht, aber dann sollte auch etwas Spannendes passieren. Beispielsweise mag ich den Einstieg bei „Lauf, Jane, lauf*„:

An einem Nachmittag im Frühsommer ging Jane Whittaker zum Einkaufen und vergaß, wer sie war. Sie stand an der Ecke Cambridge und Bowdoin Street mitten in Boston und wurde sich plötzlich ohne jede Vorwarnung bewusst, dass sie zwar genau wusste, wo sie war, aber keine Ahnung hatte, wer sie war.

 

Hier haben wir zwar auch eine Art von „Aufwachen“, aber es ist eingebettet in ein spannendes Setting. Wir überspringen in dieser Geschichte auch die klassische Exposition, die zunächst zeigt, wie die Heldin vor dem „Ruf zum Abenteuer“ lebt, und steigen gleich im Abenteuer ein.

Übrigens: Geschichten damit beginnen zu lassen, dass der Held sich an nichts erinnert und die Geschichte dann daraus bestehen zu lassen, alles aufzudecken, zählt mittlerweile zu einem Klischee (siehe unten).

Aber wie gesagt: Man darf Regeln auch brechen.

 

Infodump

Infodump ist ein so häufiger Fehler, dass ich diesem Thema bereits einen eigenen Artikel gewidmet habe. Infodump bedeutet, dass der Autor dem Leser zuerst einmal alle möglichen Dinge erklärt, bevor die eigentliche Geschichte startet oder weitergeht. Früher war das durchaus ein beliebter Stil, heute hat sich aber der Lesegeschmack geändert und man möchte als Leser nicht erst alles erklärt bekommen.

Ein Beispiel:

Emily Rose ahnte, dass sie ihren Mann eines Tages umbringen würde.
Sie gehörte zu den Frauen, denen bereits mit der Muttermilch Gehorsam Männern gegenüber eingeflößt worden war. Trotz ihrer eleganten Erscheinung, der wallenden Mähne, den sinnlichen Lippen und den stets lackierten Fingernägeln war sie im Grunde ihres Herzens doch einfach eine Hausfrau, die sich ihren Platz im Leben neben einem Mann vorstellte, der für sie sorgte.
Ihre Mutter hatte ihr schon immer gesagt, dass Unabhängigkeit ins Verderben führte. „Denk an meine Worte“, hallte nun ihre Stimme in Emilys Ohren wider, „eines Tages wirst du mir dafür danken, dass du weißt, wie man einen Mann so sehr verwöhnt, dass er bei einem bleibt.“ Ob sie damals geahnt hatte, dass Emilys Vater alles andere als treu war? Dass auch Emilys eigener Mann mehrere Liebschaften hatten, gegen die sie sich nicht durchsetzen konnte? Wahrscheinlich hatte Mutter es vermutet, denn ein anderer Spruch von ihr lautete: „Es gibt keine treuen Männer, nur solche, die bei ihrer Familie bleiben.“

Wie du merkst, haben wir in diesem obigen Abschnitt keinerlei Handlung drin. Wir erfahren zwar etwas über Emily, ihre Kindheit, ihre Einstellung und ihre Eltern und wissen, dass sie einen fremdgehenden Mann hat, aber es passiert absolut nichts.

Zwar muss man diese Passage nicht per se als Fehler bezeichnen, denn es gibt Autoren, die etablieren diese Art des Erzählens zum eigenen Stil, aber wenn wir die üblichen Roman-Richtlinien zugrunde legen, dann würde man hier an die Seite „Infodump!“ schreiben und den Autor bitten, das Ganze etwas spannender zu schreiben.

Ein Versuch:

Emily Rose ahnte, dass sie ihren Mann eines Tages umbringen würde. Gedankenverloren ließ sie das Messer in ihrer Hand auf und ab wippen. Rechts neben ihrem Schneidebrett brutzelten Zwiebeln in einer Pfanne. Sie schaltete die Dunstabzugshaube ein, aber das Geräusch verjagte ihre Gedanken nicht.
Ein Schnitt mit dem Messer und Henry wäre Geschichte. Emily ließ das Metall durch die Hähnchenbrust gleiten. Ihre Mutter hatte ihr immer gesagt, dass es keine treuen Männer gäbe, lediglich solche, die bei ihrer Familie blieben.
Ritsch – sie stellte sich vor, wie die Klinge durch Henrys Hals schnitt – ratsch – wie er um sein Leben bettelte.
„Schatz“, würde er jammern, wenn sie, wie jetzt, die Messerspitze auf genau auf das Fleisch hielt, bereit, jeden Moment zuzustoßen. „Ich liebe dich doch!“
Ihr Stichwort. Wenn er das sagte, wusste sie, dass er ein Lügner war.

 

In dieser Szene erfahren wir zwar weniger über Emily als Person, aber das ist für die Szene auch nicht notwendig. Wir wissen, dass sie in der Küche arbeitet – vielleicht ist sie also Hausfrau, zumindest aber scheint sie für das Essen zu sorgen – und es gibt Probleme in ihrer Ehe, die über das normale Maß hinausgehen. Zwar haben wir auch hier keine übermäßig spannende Tätigkeit der Figur, aber der Infodump ist zu einer Nebeninformation geworden.

Als Faustregel gilt: Gib dem Leser so viele Informationen, dass er den Kontext versteht, aber verrate nicht alles auf einmal. Mehr Tipps findest du im verlinkten Artikel über Infodump.

 

Ausgelutschte Phrasen, Vergleiche oder Metaphern

Gerade am Anfang der Schriftsteller-Karriere neigen viele Autoren dazu, Phrasen zu verwenden, die sie dutzendfach woanders gelesen haben:

Sie strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus den Augen.

Er hatte Nerven wie Drahtseile.

Tränen schossen ihr in die Augen.

Ein kalter Schauer jagte ihm den Rücken hinunter.

Sie war schlau wie ein Fuchs und schnell wie ein Wiesel.

Irgendwo bellte ein Hund.

Sie zitterte wie Espenlaub.

Dann schrie er wie am Spieß.

 

Vergleiche oder Metaphern sind eigentlich wunderbare Mittel, um in einer kunstvollen Art etwas zu sagen, ohne es direkt auszusprechen. Glücklicherweise ist unsere Sprache voll von Möglichkeiten, sodass du nicht zwingend auf bereits etablierte Vergleiche zurückgreifen musst. Denke dir selbst aus, womit sich etwas vergleichen lässt, statt es abzukupfern. Das unterstützt deine Originalität beim Schreibstil und wird deinen Text besser machen.

Ihre Haarsträhne führte heute ein Eigenleben.

Selbst mit einer Pistole an der Schläfe würde er noch Witze reißen.

Tränen stachen in ihre Augen.

Jeder Quadratzentimeter seines Rückens wurde mit Gänsehaut überzogen. // Er schüttelte sich.

Sie hätte Stephen Hawking noch etwas beibringen können.

etc.

 

 

Klischees

Klischees sind nicht unbedingt immer schlecht, aber wenn du eines verwendest, solltest du dich nicht darauf ausruhen. Es ist in Ordnung, mit Klischees zu spielen und sie auch ab und zu zu verwenden. Mische sie einfach mit einer guten Portion Originalität und deinem eigenen Stil.

Beispiele für Klischees:

  • Held und Love Interest treffen sich und es ist Liebe auf den ersten Blick
  • Held und Love Interest treffen sich und hassen sich sofort abgrundtief
  • Die Heldin ist anfangs total schüchtern, unbeholfen und ein graues Mäuschen
  • Der Kommissar hat psychische oder familiäre Probleme und trinkt/raucht zu viel
  • Eine Figur sieht sich im Spiegel und beschreibt sich selbst in Gedanken, damit der Leser weiß, wie er/sie aussieht
  • Liebe Vampire
  • Verstorbene/Verschollene Eltern sowie dass der Protagonist Einzelkind ist
  • Missverständnisse, die man sofort hätte klären („Schatz, das ist meine Schwester, nicht meine Affäre.“)
  • Protagonist ist selbst Autor, vorzugsweise erfolglos
  • Die Heldin erlebt beim ersten intimen Zusammensein mit dem Love Interest mehrere Orgasmen
  • Love Interest in Liebesromanen ist Millionär und/oder extrem attraktiv
  • Erste Küsse, bei denen so sehr die Funken sprühen, dass man denkt, es sei Silvester (ich bekenne mich schuldig, dieses Klischee zu oft zu benutzen!)
  • Der Held ist „der Auserwählte“, ohne dass eine Hintergrundgeschichte das erklären könnte (bei Harry Potter beispielsweise wissen wir, warum er auserwählt ist – es ergibt sich aus der Backstory!)
  • Zufälle – darauf gehen wir gleich im Detail ein

 

Wie kann man sie vermeiden? Indem man etwas länger nachdenkt als es die große Masse der Kolleginnen und Kollegen manchmal tut.

Meiner Erfahrung ist, dass sich eigentlich immer von selbst eine bessere Idee ergibt, wenn man die erste (Klischee-)Idee erst einmal ad acta gelegt hat. Probiere es selbst aus! Wenn du das nächste Mal dazu tendierst, ein Klischee zu bedienen, halte inne und brainstorme 3 Alternativen zu dem, was du gerade schreiben wolltest.

 

Zufälle

Zufälle haben immer wieder Auftritte in Romanen, obwohl sie eigentlich nur zeigen, dass der Autor ein bisschen faul war. Auch hier gilt, dass ab und zu ein Zufall in Ordnung ist, solange du an anderen Stellen darauf verzichtest.

 

Der Held steigt in den Zug und trifft – so ein Zufall – auf seine Exfreundin, obwohl die seit Jahren das erste Mal überhaupt wieder mit dem Zug fährt.

Die Heldin muss einen Code eingeben (z.B. für das Handy oder einen anderen Zugangscode) und errät ihn zufällig richtig.

Die Hauptfigur geht an einem Zimmer vorbei und hört zufällig eine sehr wichtige Information.

 

Wie auch Klischees, sind Zufälle nicht kategorisch schlecht. Wichtig ist nur, dass sie gut vorbereitet sind und logisch zu erklären sind. Es darf nicht zu konstruiert wirken, damit du als Autor nicht einfallslos wirkst.

Wenn dem Leser klar ist, dass die Exfreundin jeden Tag diese Strecke mit dem Zug zur Arbeit fährt, kann es durchaus sein, dass die beiden sich mal im Zug begegnen.

Wenn derjenige, der den Code hinterlegt hat, schon zuvor als einfallslos galt, würde jeder versuchen, das Geburtsdatum (oder ein wichtiges Jubiläum) als Code einzugeben – und manchmal würde das klappen.

Eine wichtige Information sollte besser nicht zufällig mitgehört, sondern aktiv belauscht werden.

 

Show, don’t tell

Immer wieder fällt bei noch unerfahrenen Autoren auf, dass sie viel erzählen statt etwas zu zeigen. Das Prinzip von „Show, don’t tell“ besagt, dass du als Autor eine Eigenschaft an Hand einer Handlung zeigst, statt dem Leser etwas zu erklären:

 

Frau Meier war eine neugierige Person.

 

Das ist „tell“: Es wird uns  als Leser erzählt, dass Frau Meier neugierig ist. Ob es stimmt, wissen wir nicht, aber wir nehmen es mal so hin.

Anders ist es, wenn der Autor uns zeigt, dass Frau Meier neugierig ist:

 

Frau Meier trat aus der Tür in den Hausflur. „Ein Paket?“, fragte sie mit zuckersüße Stimme und deutete auf das nicht zu übersehende Päckchen in meinem Arm.
Ich nickte.

„Hatten Sie Geburtstag?“
„Nein.“
Frau Meier rückte ihre Brille zurecht. „Ach, stimmt, Sie hatten doch im Sommer, richtig?“
„August.“
„Wann genau?“
Ich seufzte. „Ich muss wirklich los, Frau Meier. Schönen Abend noch!“ Das Päckchen auf meiner Hand balancierend, versuchte ich, meinen Schlüssel aus der Hosentasche zu ziehen.
Frau Meier beobachtete mich. „Sie kommen oft erst spät nach Hause, oder? Ich höre Sie abends immer, wenn ich gerade fernsehe. Fahren Sie mit der Bahn?“
Ich ignorierte sie, fischte meinen Schlüssel hervor und steckte ihn ins Schloss.
„Wissen Sie eigentlich, dass der Herr Schubert aus dem dritten wieder aus dem Krankenhaus gelaufen ist?“, fragte Frau Meier.
„Schönen Abend, Frau Meier“, wiederholte ich und floh in meine heiligen Hallen.

 

„Show“ ist meistens aufwändiger als „tell“, weil es länger dauert, etwas zu zeigen, statt es zu erklären. Verwende es daher in erster Linie dann, wenn du etwas Wichtiges erzählst. Wenn Frau Meier aus dem obigen Beispiel keine echte Funktion in der Geschichte hat, dann ist es auch sinnlos, sie vorzustellen. Dadurch, dass ich als Autor ihr aber eine kleine Bühne geben, weiß der Leser: Frau Meier ist wichtig. Und wichtige Figuren sollten ihren Raum erhalten.

 

Mehr lernst du im WOW-Kurs

Wenn du bessere Romane schreiben willst, kannst du entweder sehr viele Bücher lesen, Workshops besuchen und dich mit anderen Autoren austauschen – oder du machst einen Schreibkurs. Ich helfe dir gerne bei jeder dieser Optionen, besonders aber natürlich, wenn du meinem Schreibkurs eine Chance gibst.

Ab April 2018 ist der Kurs kontinuierlich geöffnet. Um das zu feiern, wird es 24 Stunden lang einen Bonus von -70% auf die normale Kursgebühr geben. Alles Weitere zum Kurs erfährst du, wenn du hier klickst.

 

Welche häufigen Fehler fallen dir noch ein, vor denen du beginnende Autoren warnen möchtest? Schreib sie in die Kommentare!

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6 häufige Anfängerfehler bei Romanautoren