Held Roman

Harry Potter hat es. Die Tribute von Panem haben es. Selbst Twilight hat es.

Die Rede ist vom Rezept für außergewöhnliche Bücher. Drei Elemente sollten unbedingt in jedem guten Roman enthalten sein. Welche das sind, lernst du in dieser dreiteiligen Serie.

Zutat Nr. 1: Ein passender Held

Natürlich sind alle Figuren in deinem Roman wichtig, aber manche sind wichtiger als andere. Zu den allerwichtigsten gehören der Held und der Antagonist.

Während der Antagonist in der Regel dafür sorgt, dass die Geschichte spannend bleibt, hat der Held unter anderem die dramaturgische Aufgabe, den Leser bei der Stange zu halten.

Übrigens verwende ich im Folgenden ausschließlich den Begriff „Held“ und meine selbstverständlich sowohl männliche als auch weibliche oder andersartige Figuren damit.

 

Muss ein Held sympathisch sein?

Es gibt unterschiedliche Ansätze bezüglich der Sympathie des Helden. Du machst nichts verkehrt, wenn du dafür sorgst, dass der Leser deinen Helden mag.

Warum?

Wir wollen ja, dass unser Leser die Geschichte von Anfang bis zum Ende liest. Das sind teilweise mehrere Tage (oder Wochen), die der Leser mit der Hauptfigur verbringt. Er opfert seine Freizeit, um mitzuerleben, die der Held durch die Hölle geht.

Wenn dem Leser das Schicksal des Helden relativ egal ist, wird er das Buch nicht bis zu Ende lesen.

Nun lässt sich darüber streiten, ob der Held dem Leser sympathisch sein muss, damit er mit seinem Schicksal mitfiebert. In meinen Augen MUSS er es nicht sein. Er gibt genug Beispiele, die zeigen, dass auch ein eher unnahbarer Held die Fähigkeit hat, Leute in seinen Bann zu ziehen – Dr. House, Sherlock Holmes, um nur zwei zu nennen – aber hier muss man sich dann anderer „Tricks“ bedienen, die das Interesse des Lesers aufrecht erhalten.

Achtung vor Klischees:

Wenn du Krimis schreibst, ist es mittlerweile schon fast normal, einen abhängigen, kaputten Helden zu haben, der entweder gerade kurz vor der Rente steht oder aus anderen Gründen demotiviert ist, gleichzeitig aber mit vollem Herzblut in einem neuen Fall aufgeht. Ihm steht häufig eine junge, ambitionierte Kollegin zur Seite, die meistens auch noch gut aussieht.

Dagegen ist per se nichts einzuwenden, es wirkt nur nicht sehr originell.

 

Was braucht dein Held unbedingt?

Ich bin ein Freund von Listen, nach denen ich mich richten kann. Immer, wenn ich einen neuen Charakter erstelle, bediene ich mich an meinem eigens dafür erstellten Charakterbogen, damit ich auch wirklich nichts vergesse (den Bogen stelle ich dir übrigens in meinem Schreibkurs zur Verfügung).

Also, was braucht ein Held, um für den Leser wichtig zu werden?

 

Wichtig: Natürlich sind das alles nur Vorschläge aus der Praxis. Jeder Schriftsteller bricht und hier und da eine Regel. Wichtig ist nur, dass du es aus den richtigen Gründen tust und nicht, weil du es nicht besser wusstest.

 

Dein Held sollte charismatisch sein.

Das Thema hatten wir ja eben. Ich würde dir empfehlen, einen sympathischen Helden zu erstellen, mit dem man mitfiebern möchte. Das heißt nicht, dass es „das nette Mädchen von nebenan“ sein muss oder der Held keine unsympathischen Charakterzüge haben darf. Er muss auch nicht übermäßig sexy sein, wobei es nicht weh tut, eine hübsche Hauptfigur zu haben, solange es zum Genre passt und nicht zu klischeehaft wird.

Harry Potter ist ein elfjähriger Junge, der seine Eltern verloren hat und bei seinen ungeliebten Verwandten aufwächst. Wir können in jedem Kapitel mit ihm mitfühlen und hoffen, dass sich sein Leben zum Besseren wendet. Die Identifikation des Lesers läuft hier über Mitgefühl.

Katniss Everdeen ist rebellisch, macht ihr eigenes Ding und schert sich kaum um Konventionen. Insbesondere, als sie sich freiwillig für die Hungerspiele meldet, damit ihre kleine Schwester nicht gehen muss, wächst sie dem Leser ans Herz, denn unter der rauen Schale ist ein sehr weicher Kern.

 

Der Held sollte für seine Aufgabe qualifiziert sein

Unser Held wird es mit Gegenmächten aufnehmen, die in der Regel besser ausgebildet sind als er selbst und idealerweise eine ernsthafte Gefahr für den Helden darstellen. Man kann nicht jedes Weichei ins Rennen schicken – der Held muss schon eine Chance haben, den Sieg nach Hause zu tragen, auch wenn die Chance zunächst klein ist.

Entweder ist dein Held auf seinem Fachgebiet ausgezeichnet (siehe Sherlock Holmes) oder er hat besondere Fähigkeiten, die ihm helfen, zum Helden zu werden.

Harry Potter ist „der Auserwählte“. Er ist mit dem Staatsfeind auf eine besondere Art und Weise verbunden, was ansonsten niemand ist. Zwar ist er nicht der beste Zauberer der Welt, aber er beherrscht schnell die Techniken, die er kennen muss (Stichworte: Besenfliegen, Patronus-Zauber).

Katniss ist geübt im Überlebenskampf, denn das ist ihr tägliches Brot. Ihre tiefgreifenden Kenntnisse über giftige und ungiftige Pflanzen retten ihr und Peeta das Leben. Außerdem ist sie klug und trägt eine flammende Leidenschaft in sich, mit der sie ihr Umfeld anstecken kann.

 

Der Held sollte klug und einfallsreich sein

Wenn du nicht gerade die Geschichte von Forrest Gump nacherzählen willst, dann ist es sinnvoll, dem Helden einen sehr guten Intelligenzquotienten zu geben. Er muss kein Genie sein, aber sollte 1 und 1 zusammenzählen können, wenn es darauf ankommt.

Ein häufiger Anfängerfehler ist, dass manche Autoren ihre Figuren zu spät offensichtliche Zusammenhänge erkennen lassen. Der Leser denkt schon im dritten Kapitel: „Na, das ist doch bestimmt ein Verdächtiger“ und der Held kommt erst in Kapitel 37 auf die Idee, dass der Typ aus Kapitel 3 nicht ganz koscher ist.

In schwierigen Situationen sollte dein Held mit einer kreativen Idee das Problem lösen.

 

Harry Potter ist zwar nicht der Überflieger, aber er erkennt in wichtigen Situationen als Erster die Zusammenhänge und kann die Puzzleteile zusammenfügen, die ihm vor die Füße geworfen werden – und das oft schneller als der Leser.

Katniss schafft es regelmäßig, sich den Herausforderungen zu stellen, indem sie sich auf ihr Wissen und ihren Verstand verlässt. Sie lässt sich nicht immer von ihren Gefühlen übermannen, sondern spielt falsche Spiele mit, um sich damit einen Vorteil zu erschleichen, steht innerlich aber immer zu dem, was sie tatsächlich meint. In brenzligen Situationen – wie im Finale im ersten Band – schafft sie es, durch eine kreative Idee ihr Problem zu lösen.

 

Dein Held sollte erfahren sein.

Anfangs ist es noch nicht so wichtig, dass dein Held Erfahrungen auf dem Gebiet hat, das für sein Abenteuer wichtig sein wird, aber er sollte im Laufe der Zeit viel Erfahrung sammeln.

Viele Krimis haben erfahrene Kommissare, die schon einiges gesehen und erlebt haben. Nur selten wird ein wichtiger Fall einem Newbie gegeben.

In den meisten Liebesromanen hat entweder der Held oder sein Love Interest bereits Erfahrungen mit Liebeskummer oder anderen tiefschürfenden Emotionen gemacht, manchmal hat er oder sie auch sehr viel Schlimmeres erlebt.

Ein völlig unbeschriebenes Blatt wirkt nicht nur meistens unauthentisch, sondern ist für viele Leser auch nicht so interessant (Ausnahmen gibt es natürlich immer).

Das bedeutet NICHT, dass der Held die „neue Welt“ bereits kennen muss, im Gegenteil: Er darf sie gerne kennenlernen, er darf Erfahrungen sammeln, aber er sollte diese gewonnen Erfahrungen auch im Laufe der Geschichte zu seinen Zwecken einsetzen.

 

Harry Potter hat zunächst keine Ahnung vom Zaubern und hat auch Angst, zu versagen. Es stellt sich aber schnell heraus, dass er Talent hat. Besonders beim Fliegen überragt er den Klassendurchschnitt und sammelt sofort Erfahrungen als Sucher, was ihm im Finale hilft. Im Laufe der Bücher wird er immer erfahrener und reifer, sodass er zuletzt ein würdiger Gegner für Voldemort ist.

Katniss hat durch ihr bisheriges Leben bereits viele Erfahrungswerte gesammelt, die ihr helfen, im ersten Band zu überleben. Dennoch sammelt sie neue Erfahrungen, die sie in späteren Situationen anwendet.

 

Dein Held sollte entschlossen und zielstrebig sein

Auch ein häufiger Anfängerfehler: Der Held hat nicht genug Motivation, um seine Ziele erreichen zu wollen. Dieser Punkt ist sehr wichtig, also finde eine gute Antwort auf die Frage: Warum will der Held sein Ziel erreichen?

Dein Held durchläuft normalerweise mehrere Stufen: Zunächst ist alles wie immer, dann passiert etwas, das seinen Alltag durcheinander bringt (bei Harry Potter sind es die Briefe aus Hogwarts, bei Katniss ist es, dass der Name ihrer Schwester aus dem Lostopf gezogen wird). Anschließend beginnt das Abenteuer und es sollte sich recht schnell ein übergeordnetes Ziel für den Helden herauskristallisieren (bei Harry Potter ist es unter anderem, herauszufinden, was im Schloss bewacht wird und später zu verhindern, dass der Stein der Weisen geklaut wird; bei Katniss geht es ums Überleben).

Je bedrohter das Leben des Helden ist, desto höher muss seine Motivation sein und desto beständiger muss er an das Ziel glauben. Ein richtiger, wahrer Held ist bereit, sein Leben zu opfern, damit das Ziel erreicht wird (z.B. den Antagonisten zu zerstören).

Harry Potter riskiert für seine Ziele einen Rauswurf aus Hogwarts. Sein Leben steht in Band 1 noch nicht wirklich auf dem Spiel (wobei es im Finale schon ernst wird), aber diese Gefahr steigert sich von Buch zu Buch. Allerspätestens ab Band 4 wird klar, dass er tatsächlich sterben kann. Dennoch hält er an seinem Ziel fest: Die Welt von Voldemort zu befreien, damit alle in Frieden leben können.

Katniss möchte überleben, das ist ihr erstes Ziel und dafür tut sie alles. Im Laufe der Trilogie löst ein größeres Ziel dieses „egoistische“ Ziel ab: Sie will die Welt von der Macht des Kapitols befreien.

 

Dein Held sollte mutig sein

Ich finde, da spricht eigentlich für sich. Um seine Ziele zu erreichen – trotz drohender Gefahr für Leib und Leben – braucht man nicht nur eine hohe Motivation, sondern auch eine große Portion Mut.

Es ist okay, wenn der Held nicht von Anfang an vorderster Front kämpfen will, schließlich muss er eine Entwicklung durchmachen. Die Herausforderungen im Laufe der Geschichte helfen ihm, Mut zu fassen und letztlich seine Ängste zu besiegen.

Harry bricht regelmäßig die Regeln, bringt seine Freunde und sich in Gefahr und riskiert seinen Rauswurf. Wenn das nicht mutig ist!

Katniss meldet sich freiwillig für ihre Schwester, wohlwissend, dass sie das höchstwahrscheinlich nicht überleben wird.

 

Dein Held sollte authentisch handeln

Muss dein Held gegen jemanden kämpfen? Dann ist es wichtig, zu wissen, wie körperlich fit er ist, denn das hat großen Einfluss auf seine Kampfkunst. Wenn er vor jemandem davonrennt und nach zwei Kilometern noch immer nicht aus der Puste ist, sollte das für den Leser nachvollziehbar sein, beispielsweise weil bekannt ist, dass er regelmäßig joggt.

Das gilt natürlich nicht nur für körperliche Aktivitäten, sondern für das gesamte Handeln und Sprechen deines Helden.

 

Dein Held sollte überraschend/unvorhersehbar handeln

Spannung hat oft mit Überraschung zu tun. Wenn dein Held den Leser positiv überrascht, wächst seine Sympathie für ihn. Er darf durchaus auch mal so handeln, dass der Leser den Kopf schüttelt, solange es authentisch ist und du dir als Autor sicher sein kannst, dass der Leser nicht zu sehr enttäuscht wird.

Harry schwingt sich sofort (gegen die Regeln) auf seinen Besen, als Malfoy Neville das Erinnermich wegnimmt, und denkt er später über seine Tat nach. Es ist eine überraschende, aber nachvollziehbare Aktion, die uns Harry sympathisch macht, weil er sich für Schwächere einsetzt.

Katniss‘ rührende Abschiednahme von Rue kommt für den Zuschauer (der Hungerspiele) überraschend, weil Katniss sich mit Gefühlsregungen ansonsten immer zurückhält und die Starke mimt. Natürlich ist auch das Ende von Band 1 überraschend.

 

Der Held sollte komplex, unperfekt und konfliktreich sein

Es gab mal den Trend, seine Hauptfigur nahezu perfekt zu gestalten: Wunderschön (alternativ extrem sexy oder attraktiv), dazu intelligent, witzig, sympathisch, mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und so weiter.

Ja, ich weiß, solche Figuren gibt es heute noch, vor allem in Liebesromanen.

Spannender ist es, wenn dein Held auch ein paar Schwächen hat. Aber auch hier bitte nicht gleich ins Extreme abrutschen: Wir haben schon genug kaputte, seelisch zerstörte Helden gesehen, deren einziger Lebenssinn darin besteht, die Whiskeyflasche zu öffnen.

Mache es komplexer: Gib deinem Helden Selbstzweifel und Ängste. Unerfüllte Sehnsüchte (nach Liebe, Freundschaft, Anerkennung, sozialer Zugehörigkeit, …) und innere Konflikte helfen dir, den Helden dreidimensional erscheinen zu lassen.

Harry ist Anfangs von Selbstzweifeln geplagt und fragt sich, ob nicht alles ein großer Irrtum ist und er gar kein Zauberer ist. Er hat stets mehrere Konflikte laufen, beispielsweise möchte er, dass Gryffindor den Hauspokal holt, muss aber im Zuge seiner eigenen Interessen die Schulregeln brechen und setzt damit den Pokal aufs Spiel. Außerdem hat er tief in sich drin ein großes Bedürfnis nach Liebe, Freundschaft und einer Familie.

Katniss lebt ohnehin schon in einer schwierigen Welt, die noch dramatischer wird. Um zu überleben, muss sie andere Menschen töten. Gleichzeitig verwirren sie ihre Gefühle zu Peeta und Gale. Sie sehnt sich danach, geliebt zu werden, hat aber gleichzeitig Angst, Gefühle zuzulassen.

 

Der Held braucht eine (psychische oder physische) Verletzung

Nicht nur aber ganz besonders bei Figuren, die die Tendenz haben, unsympathisch zu sein, kann eine offensichtliche Beeinträchtigung helfen, doch Sympathie zu wecken (z.B. das Beinleiden des Dr. House).

Aber auch sympathische Helden brauchen ihren wunden Punkt. Auch hier gilt: Übertreib es nicht. Nicht immer muss eine Vergewaltigung vorliegen, die es dem Helden (oder einer Nebenfigur) schwer macht, sich emotional zu öffnen. Werde kreativ!

Diese Verletzung kann, wie gesagt, entweder körperlich sein – eine Narbe, eine Behinderung, eine Kriegs- oder Kampfverletzung – oder psychisch (wobei die psychische Variante meistens genommen wird.

Ideen für eine solche Verletzung:

  • erlebte Ungerechtigkeit, die sich tief eingebrannt hat
  • ein Fehler, den der Held in der Vergangenheit begangen hat –> Schuldgefühle
  • Betrug, der das Vertrauen des Helden nachhaltig erschüttert hat
  • Isolation (von Familie oder Gesellschaft)
  • Ablehnung in jeder Art
  • Enttäuschung/Desillusionierung

Alle diese Punkte sind natürlich sehr interpretierbar, so kann man „Betrug“ beispielsweise entweder so auslegen, dass der Held von einem guten Freund belogen und ausgenutzt wurde, oder dass der Held Liebeskummer hatte, weil seine Freundin ihn mit einem anderen betrogen hat.

Auch Ausnahmesituationen (Opfer eines Raubüberfalls, …) hinterlassen ihre psychischen Spuren.

 

Weitere mögliche Attribute für deinen Helden

 

Des Weiteren kannst du dir überlegen, ob dein Held auch diese Eigenschaften aufweist:

  • Leidenschaft für sein Ziel, ohne überemotional zu sein
  • Zuversichtlichkeit, ohne arrogant zu sein
  • Einzelgänger oder Außenseiter

 

Es gibt sicherlich noch weitere Aspekte, auf die du achten kannst, aber mit diesen bist du schon einmal gut bedient.

 

Ausblick

Im nächsten Teil geht es dann um die zweite Zutat für einen wirklich guten Roman.

Dir ist natürlich klar, dass es nicht nur drei Zutaten gibt, sondern dass ein Roman aus einer Vielzahl an Varianten besteht. Was ein echter „Wow!“-Roman alles braucht, lernst du in meinem Schreibkurs „Mach dein Buch zu einem WOW„.

 

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Diese 3 Elemente braucht jeder gute Roman!