Vor langem habe ich dich als Blogleser/in aufgerufen, deine Fragen zu stellen, die du schon immer mal von einem Literaturagenten beantwortet haben wolltest. Hier kommen die Fragen und die Antworten!

Ich freue mich sehr, dass ich die Agentur erzähl:perspektive für dieses Interview gewinnen konnte, denn ich halte sehr viel von denen und kenne auch einige glückliche Autoren, die sich von ihnen vertreten lassen. Hier kommen nun also ein paar ausgewählte Fragen aus der „Community“, die die Agentur beantwortet hat.

Unterteilt habe ich das Interview in drei Bereiche: Der Beruf des Literaturagenten, über die Zusammenarbeit und eine abschließende Frage zum Buchmarkt.

Viel Spaß beim Lesen!

Zum Beruf des Literaturagenten

heldin_rund

Was genau macht ein Literaturagent überhaupt und welche Aufgaben übernimmt er für den

Autor?

Die aus Sicht des Autors wohl wichtigste Aufgabe liegt in der Vermittlung des Manuskripts bzw. Projekts an einen geeigneten Verlag. Aber damit beginnt und endet es natürlich nicht. Wir beraten und betreuen unsere Autoren zum Teil bereits im Vorfeld bei der Projektentstehung strategisch, z. B. bei der Themenfindung, und bei der Manuskripterstellung dann strukturell und manchmal auch bis ins Detail, das ist je nach Autor unterschiedlich.

Wir erstellen professionelle Verkaufsunterlagen, identifizieren passende Verlage und sprechen sie an – telefonisch, per Mail, bei Treffen in der Agentur oder im Verlag und vor allem natürlich auf Messeterminen. Beißt dann einer an, gilt es die Konkurrenzsituation zu klären, den Titel also ggf. zu auktionieren, und letztlich die optimalen Konditionen und einen fairen Vertrag auszuhandeln.

Anschließend sind wir für Autor wie Verlag ansprechbar, wenn es beim Lektorat unterschiedliche Auffassungen gibt, dem Autor der Coverentwurf nicht gefällt o. Ä. Ansonsten überwachen wir Belegversand, fristgerechte Zahlungen, mögliche Rechterückfälle, Lizenzverwertungen etc., und das alles nicht nur für unsere deutschen Autoren, wir vertreten ja auch internationale Verlage und Autoren unserer Co-Agenturen. Anschließend – nach dem Buch ist bekanntlich vor dem Buch – geht mit dem Folgeprojekt alles wieder von vorn los, wir wollen ja keine One-Hit- Wonders, sondern dauerhafte Schriftstellerkarrieren. Und um überhaupt an Autoren zu kommen, liest man sich natürlich so nebenbei noch durch unzählige Manuskriptangebote bzw. spricht aktiv Autoren an, mit denen man sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Und ab und zu gibt man auch mal Interviews 😉 – es wird also nie langweilig.

Wie wird man Literaturagent?

Literaturagent ist kein Ausbildungsberuf, im Prinzip könnte das also jeder werden oder sich so nennen. Praktisch sollte man allerdings schon auf Kenntnisse aus Studium und / oder Ausbildung sowie auf Berufserfahrung in einem branchenrelevanten Bereich zurückgreifen können. In unserem Fall waren das ein Germanistikstudium, Berufserfahrung im Bereich Auslandsrechte und Lizenzen beim Deutschen Taschenbuch Verlag sowie eine langjährige Tätigkeit als Freie Lektorin (Micha) bzw. ein Studium der Wirtschaftssoziologie / -psychologie und Berufserfahrung in einem internationalen Medienkonzern (Klaus). Neben der Liebe zum Buch darf man gern auch verkäuferisches und psychologisches Geschick, juristische Kenntnisse, die nötigen Kontakte sowie die Fähigkeit, mit zahlreichen Projekten in den verschiedensten Projektstadien zu jonglieren, mitbringen – man ist quasi eine eierlegende Wollmilchsau.

Welches Klischee hält sich hartnäckig über den Beruf des Literaturagenten, das nicht der Realität entspricht?

Keine Ahnung … „Eiskalte Raffgeier, die Verlage mit astronomischen Vorschussforderungen in die Insolvenz treiben und Autoren fürs Nichtstun Provision abknöpfen?“

Wie wichtig ist es, dass der Agent für ein Manuskript „brennt“, das er vertritt?

Im Idealfall fallen Begeisterung und Verkäuflichkeit natürlich zusammen, aber man kann nicht nur persönliche Lieblingsprojekte haben, man muss auch überzeugend für Projekte eintreten, die man sich nicht unbedingt selbst in den Bücherschrank stellen würde, denen man aber eine große Marktfähigkeit zuschreibt. Umgekehrt würde zwar bei absolut unverkäuflichen Projekten selbst die größte Leidenschaft nichts nützen, aber wir gönnen uns durchaus schon auch mal den Luxus, etwas „sperrigere“ Projekte anzunehmen, wenn sie uns persönlich sehr am Herzen liegen.

Zur Zusammenarbeit zwischen Agentur und Autor

heldin_rund

Was sollte ein Autor mitbringen, um die Chance auf eine Zusammenarbeit zu erhöhen? Was braucht es, damit Sie einer Bewerbung zusagen?

Im Idealfall ist auch der Autor eine eierlegende Wollmilchsau – schreibhandwerklich versiert, erfahren, mit Marktkenntnis und -gespür ausgestattet, nett, intelligent, einnehmend, kooperativ, beratungsoffen, telegen, sozial vernetzt mit Tausenden Fans, die nur auf sein Buch warten, geduldig wäre auch noch gut, manchmal dauern die Dinge ja, und, und, und …

Es hilft nichts, überzeugen muss natürlich auch das Projekt, also: Hat es die nötige Qualität und können wir es uns gut oder gar sehr gut bei einem oder gar mehreren Verlagen vorstellen? Das Gesamtpaket muss stimmen, letztlich gehört dazu auch noch eine gewisse Perspektive. Wir investieren ja viel Zeit und Arbeit in unsere Autoren und freuen uns insofern besonders, wenn nach einem guten Buch noch eines und vielleicht noch eines zu erwarten ist.

Woran erkennt man einen guten Agenten und worauf sollte ich als Autor achten?

Zunächst sollte es sich um eine seriöse Agentur handeln, die keine Lesegebühren einfordert, kostenpflichtige Lektorate verkaufen will o. Ä. Dann kann man sich natürlich an den Referenzen, also den vertretenen Autoren und den vermittelten Titeln, orientieren, aber gerade junge Agenturen sind in der ersten Zeit auch auf einen gewissen Vertrauensvorschuss angewiesen und sollten den dann auch rechtfertigen. Und dann sollte grundsätzlich die Chemie stimmen, nicht jeder Autor wäre bei jeder Agentur gut aufgehoben. Der eine ist vielleicht etwas beratungsintensiver, der andere würde sich vielleicht als „Neuling“ unter lauter Bestsellerautoren gar nicht wohl fühlen etc. Letztlich lässt sich die Frage nach gut oder schlecht wahrscheinlich aber erst rückwirkend beantworten. Wie lief die Zusammenarbeit, die Beratung, die Kommunikation? Wurde mein Projekt mit Leidenschaft und nötigenfalls Ausdauer vertreten? Und vor allem: Wurde es zu guten Konditionen an einen guten, passenden Verlag vermittelt und besteht die Perspektive auf eine dauerhafte Zusammenarbeit?

Gibt es Fälle, in denen der Weg über einen Verlag lohnender wäre als über eine Agentur?

Das mag im Einzelfall möglich sein, wenn bereits ein Kontakt oder eine Zusammenarbeit besteht; aber selbst dann dürfte eine Agentur die besseren Konditionen aushandeln, weil es sich für andere immer leichter verhandelt und man ja auch Erfahrungswerte mit bestimmten Vertragspartnern einbringt. Und in allen anderen Fällen wird ein Autor ohnehin mit einer Agentur besser fahren, weil sie den Marktüberblick und die Kontakte hat; weil sie ihm vor, während und nach der Publikation viel Arbeit abnimmt; weil es ihr Beruf ist, ihm den Rücken für seinen freizuhalten: das Schreiben.

Wie wichtig ist ein professionell erstelltes Exposé bei einer Bewerbung?

Wir gehen noch einen Schritt zurück: Bereits das Anschreiben sollte ein Mindestmaß an Ernsthaftigkeit ausstrahlen, da entsteht ja gleich ein allererster Eindruck. Wenn jemand eine E-Mail an einen offenen Verteiler mit dreißig Agenturen schickt und ein fröhliches „Hallo zusammen“ in die Runde wirft, stellt sich gleich eine gewisse Skepsis ein. Das Gleiche gilt dann natürlich für das Exposé: Es sollte zumindest erkennen lassen, dass sich der Autor vorab ein paar Gedanken gemacht hat, was da so hineingehören könnte, idealerweise hat er sogar mal unsere Website besucht. Und es sollte natürlich halbwegs aussagekräftig sein und in der gebotenen Kürze einen guten Überblick über das Projekt verschaffen. Aber keine Sorge, niemand erwartet das „perfekte“ Exposé; es ist auch nicht jedermanns Sache, sich und sein Projekt zu vermarkten. Genau dafür sind ja dann auch wir zuständig.

Wie viele Seiten liest ein Literaturagent im Schnitt, bis er abschätzen kann, ob er mit dem Autor zusammenarbeiten will oder nicht?

Zuerst zum „oder nicht“: Da genügt manchmal das Anschreiben (s. o.) oder das Exposé, wenn das Projekt aus grundsätzlichen Erwägungen nicht zu uns passt oder die Story einfach nicht überzeugt. Ansonsten merkt man auch in der Leseprobe recht schnell, ob einen der Text hineinzieht oder nicht. Aufwendiger ist es natürlich beim „zusammenarbeiten will“, zu dem es leider nur bei einem winzigen Bruchteil der ca. 1.000 jährlichen Manuskripteinsendungen kommen kann: Wenn alle Rahmenbedingungen stimmen und die Leseprobe Lust auf mehr macht, liest man das Komplettmanuskript, ob es nun 200 oder 700 Seiten hat. In der Belletristik nehmen wir zumeist nur fertige Projekte an (auch die Verlage sind da sehr vorsichtig), aber es gibt durchaus die  Ausnahmefälle, bei denen man schon bei einem Teilmanuskript ein so gutes Gefühl hat, dass man dem Autor einen Vertrauensvorschuss gewährt.

Kommt es mal vor, dass der Literaturagent erkennt, dass der Autor schreiben kann, es aber noch viel zu viel zu überarbeiten ist (z. B. Spannungsbogen) und daher abgelehnt wird?

Das kommt vor, wenn es wirklich „viel zu viel“ und das Projekt damit nicht mehr wirklich überzeugend ist; ansonsten arbeiten wir mit Autoren schon auch an der Projektentwicklung bzw. -verbesserung, deren Bereitschaft dazu vorausgesetzt. Viel häufiger kommt aber vor, dass ein Autor schreiben kann, das Projekt aber aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht passt, z. B. weil das entsprechende Genre gerade übersättigt ist. In dem Fall bieten wir dem Autor an, sich gern mit einem neuen Projekt an uns zu wenden, sollte er einmal etwas in dieser oder jener Richtung machen.

Zum Buchmarkt

heldin_rund

Wie schätzen Sie die Entwicklung des Buchmarktes in den kommenden 2–5 Jahren ein? Welche Genres werden sich verändern? Was wird Trend?

Die gröbsten Wogen, die E-Book, Amazon und Selfpublishing mit sich brachten, haben sich mittlerweile ja geglättet, insofern werden sich kurzfristig vermutlich nur bestehende Entwicklungen wie Verkleinerung der Buchhandelsflächen, Rückgang der Taschenbuchproduktion etc. fortsetzen. Das VG-Wort- Urteil wird den oberflächlich sichtbaren Teil der Buchbranche nur bedingt verändern, aber natürlich Auswirkungen auf Kleinverlage und die „Artenvielfalt“ zeitigen. Und zu Trends könnte man Mark Twain oder die Glaskugel bemühen, irgendein Hundertjähriger, eine Grauschattierung, ein Verdauungsorgan wird immer auftauchen und gleich einen Schwarm von Me-too-Produkten hinter sich herziehen; aber die spannende Jagd nach Verbrechern und Psychopathen aller Art sowie eine gefühlvoll erzählte Liebesgeschichte werden sicherlich auch weiterhin ihre Leserinnen und Leser finden.

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Das waren meine Gäste:

 

erzählperspektive

„Vieles im Leben ist scheiße, aber manches ist leiwand! (Wolfgang Ambros)“ (Motto)

Klaus Gröner hat an der Münchener LMU Soziologie, Kriminologie, Psychologie und vor allem auch das Leben studiert und das Ganze irgendwann einmal mit dem Diplom (ausgerechnet zum Thema Verbraucherverschuldung!) abgeschlossen. Nach einigen Jahren als Mediaberater bei einer internationalen Verlagsvertretung ist er als Aficionado der modernen Literatur- und Theaterszene irgendwann einmal ins Agentengeschäft gerutscht – und bis heute dabei geblieben.

 

Black & White 100%„Ob das, was wir machen, Kunst ist, weiß ich nicht. Andererseits wüsste ich aber auch nicht, was es sonst sein könnte.“
(Peter Roehr)“ (Motto)

Michaela Gröner hat 1997 an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität das Studium der Germanistik und Geschichte mit Staatsexamen und Magister abgeschlossen und danach in den Foreign Rights des Deutschen Taschenbuch Verlags (dtv) den Handel mit (inter-)nationalen Buchrechten erlernt. Seit dieser Zeit arbeitet sie in der Verlagsbranche, davon nun bereits zehn Jahre als freie Lektorin und Redakteurin für unterschiedliche Häuser.

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