Was war zuerst da: Ei oder Huhn? Ähnlich interessant ist für uns Schriftsteller die Frage: Womit fangen wir ein Buch an, Figuren oder Plot? In der Regel entwickelt jeder Schriftsteller hier seine eigene Herangehensweise, die sogar von Projekt zu Projekt abweichen kann. Lass uns mal sehen, welche Vorteile jede Herangehensweise mit sich bringt und was dir eher zusagt.

Alles egal?

Spielt es überhaupt eine Rolle, von welcher Seite ich das Papier ausrolle, ob von der Figuren- oder der Plotseite? Im Grunde nicht. Den einen fällt es leichter, Figuren in eine fertige Geschichte einzufügen, andere können ohne eine Figur nicht einmal eine Idee für einen Plot entwickeln. Letzten Endes, wenn dein Buch fertig ist, ist es völlig egal, wie du es entwickelt hast.

Zudem bedingen sich diese beiden Elemente ja: Eine Geschichte kann nicht ohne Figuren erzählt werden, aber eine gut konstruierte Figur macht auch noch keine einprägsame Geschichte. Lass dich also von niemandem unter Druck setzen, der sagt, dass du auf diese oder jene Art anfangen MUSST. Müssen muss man gar nichts.

In meinem Schreibkurs gehen wir zuerst die Figuren an, da ich festgestellt habe, dass es den meisten Autoren leichter fällt, diese Reihenfolge einzuhalten. Das heißt nicht, dass du das so machen musst (selbst nicht, falls du Lust hast, den Kurs zu buchen).

Der Weg über die Figuren

Ich selbst entwickle meine Romane häufig mit einer Kombination aus Idee und Figur, wenn es dann aber an die Umsetzung geht – also das genaue Planen – dann entwickle ich immer zuerst die Figur. Das bringt ein paar Vorteile mit sich:

Figuren bleiben im Kopf

Wirklich gute Figuren bleiben länger im Kopf als gute Geschichten (wobei, wie gesagt, sich diese beiden Elemente natürlich nicht immer auseinanderdividieren lassen). Sherlock Holmes, Monk, Ebenezer Scrooge (allein dieser Name!!), Harry Potter (und Hermine!), Frodo Beutlin, Grenouille (aus „Das Parfum“), Das Phantom der Oper, Superman, … die Liste ist endlos. Es gibt unendlich viele Charaktere, ohne die ein Buch nicht funktioniert hätte, weil sie genau so handeln, wie es ihrem Charakter entspricht und damit häufig Unheil stiften, aber auch die Welt retten.

Eine gute Figur kann sogar so weit reichen, dass man mit ihr unzählige Geschichten schreiben kann (siehe Sherlock Homes, aber auch Benjamin Blümchen oder andere Serienstars). Wenn eine Figur im Kopf bleibt, dann trägt sie die Geschichte auch über mehrere Bücher.

Figuren beeinflussen den Plot

Eine spannende Geschichte ist oft deshalb spannend, weil die Figuren unvorhersehbar handeln. Der Antagonist (der auch „unpersönlich“ sein kann, also nicht in Form einer Figur auftritt, aber wie eine Figur behandelt wird) wirft dem Helden Steine in den Weg, ist ihm immer einen Schritt voraus und macht kaum Fehler. Durch seine Aktionen gerät der Held immer weiter in Bedrängnis – und wenn nicht, dann bringt sich der Held selbst in Gefahr. Es sind selten die bloßen Umstände, die Spannung erzeugen.

Beispiel gefällig?

Harry Potter Band 6, Kapitel 26: Harry und Dumledore wollen ein sehr wichtiges Artefakt finden, dringen dazu in eine Höhle ein und müssen enorme Leiden auf sich nehmen, um zu der Stelle zu gelangen, an der das Artefakt versteckt ist.

SPOILER-ALARM!
Spoiler-Alarm! +++++++++++ Als Harry und Dumbledore ankommen, ist das Artefakt nicht dort. Jemand anderes ist vor ihnen dort gewesen und hat es geholt. Diese Wende wäre nicht möglich, wenn es diese Figur samt ihrer kompletten Charakterisierung und Biografie nicht gäbe

Anderes Beispiel:

Die „Tribute von Panem“ wären möglicherweise vollkommen anders verlaufen, wenn Protagonistin Katniss eine selbstbewusste, extrovertierte Rampensau wäre und sie sich gut in das vorgegebene System des Kapitols einfügen könnte. Man hätte aus ihr eine Art Spionin machen können, die nach außen hin nach den Regeln spielt, in Wahrheit aber von innen her Unfrieden schafft. Das wäre eine andere Geschichte geworden, die aber nicht minder interessant wäre.

Der Grundstein zieht sich durch alle Szenen

Spätestens in der Überarbeitung deines Entwurfs wirst du merken, dass eine nachträgliche Änderung der Figuren weitreichende(re) Folgen für die ganze Geschichte hat. Wenn die Figur nicht gut ausgearbeitet ist, dann hakt es häufig auch an den Dialogen, an der „würde er wirklich“-Frage (Thema Authentizität) und an anderen Stellen.

Ich „musste“ in meinem Debütroman im Nachhinein eine Figur einführen und habe schmerzlich erfahren, wie viele Änderungen das nach sich zieht: Fast jede Szene musste von mir ergänzt oder umgeschrieben werden, weil es eine große Auswirkung hat, ob eine Figur beispielsweise Kinder hat oder nicht. Es ist wichtig, wie die Figur aufgewachsen ist, damit man nicht nur Twists im Vorhinein planen kann, sondern vor allen Dingen ein authentisches Handeln beschreibt.

Meine Figur Claudia beispielsweise sollte ihren Mann in flagranti erwischen, ihre Familie verlassen und zurück nach Deutschland gehen (sie war mit ihrem Mann ausgewandert). Dabei hat sie in meinem Entwurf ihren Sohn in den USA gelassen, weil er aufs College ging und mittlerweile erwachsen war.
Meine Lektorin hat vorgeschlagen, das zu ändern, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Welche Mutter würde ohne mit der Wimper zu zucken nach Übersee ziehen und die Betreuung ihres Sohnes ihrem chronisch lügenden Exmann überlassen?
  2. Warum mögliches Konfliktpotenzial umgehen?

Was habe ich also gemacht? Ich habe den Sohn zuerst einmal jünger gemacht – was gleichzeitig bedeutete, dass ich die Biografie der Eltern anpassen musste, denn es macht einen Unterschied, ob man mit 19 oder mit 25 das erste Kind bekommt – und ihn dann nach Deutschland mitgenommen, was ihm tierisch gegen den Strich ging und einige kulturelle Schwierigkeiten mit sich brachte (sehr gut für die Konflikte in der Geschichte).

Mein Learning: Wenn ich in der Vorbereitung besser und intensiver über die ganze Familiensituation nachgedacht hätte, dann wäre mir das selbst schon vor dem Schreiben aufgefallen. Die Geschichte hat durch eine verbesserte Figurenkonstellation an Spannung gewonnen.

Der Weg über die Idee / den Plot

Welche Vorteile kann es haben, den anderen Weg zu gehen und sich in erster Linie auf den Plot zu konzentrieren?

Wie gesagt, Figur und Story bedingen sich natürlich. „Hänsel und Gretel“ funktioniert als Märchen nicht, wenn man keine Kinder hat, die im Wald alleingelassen werden. Dennoch sind Märchen in der Regel sehr fokussiert auf den Plot und nicht auf die Charakterisierung der Figuren.

Große Variationsmöglichkeiten

Wenn ich eine gute Idee für eine Geschichte habe, dann kann ich sie durch die Entwicklung der Figuren meinem Belieben nach variieren. Angenommen, ich möchte einen Krimi schreiben darüber, dass eine Richterin kurz vor ihrem finalen Richtspruch in einem aufsehenerregenden Prozess umgebracht wird und alle Verdächtigen ein wasserdichtes Alibi haben. Wenn ich diese Grundidee ausarbeite, komme ich zwangsläufig zu der Frage, wer dieser Ermittlung nachgeht. Je nach dem, welche Art Buch ich schreiben will, habe ich die freie Auswahl: Ein mürrischer Detektiv, der dem Ganzen einen „Dr. House“-artigen Charakter gibt? Eine ambitionierte Polizistin, die sich gegen ihre männlichen Kollegen durchsetzen muss? Ein betagter Opi, der nur vorgibt, dement zu sein, damit seine nervige Familie ihn in Ruhe lässt? Ein Familienhund, der am liebsten Polizist wäre?

Durch die Wahl der Figuren kannst du der Geschichte den Effekt und die Atmosphäre geben, die du wir wünschst.

Spannung über äußere Umstände

Wie du sicherlich weißt, sollte deine Geschichte (mitsamt der Figuren) äußere und innere Konflikte aufweisen, aber es gibt Unterschiede im Fokus. Eine plotgetriebene Geschichte drängt die Ereignisse durch äußere Konflikte vorwärts: Zombie-Apokalypsen, Naturkatastrophen, Abenteuergeschichten, und so weiter. Es passiert einfach immer etwas, auf das der Held reagieren muss, sodass er kaum Zeit hat, sich über seine inneren Konflikte im Klaren zu werden.

Ideal ist natürlich, wenn du beides miteinander verwebst 😉

Die meisten Actionfilme legen ihren Fokus auf die Handlung und weniger auf die Entwicklung der Charaktere.

Du weißt, wohin alles führt

Wenn du eine generelle Idee hast, welche Art Geschichte du schreiben willst, dann fällt es dir auch oft leichter, das Drumherum dazu zu erfinden. Ich wusste zum Beispiel, dass ich einen Roman schreiben möchte, in der eine Braut sich so sehr in ihre Hochzeitsvorbereitungen stürzt, dass sie damit nicht nur die Hochzeit, sondern auch ihre Beziehung gefährdet (true story übrigens! Nicht meine, aber ich habe das bei jemandem erlebt). Ich wusste also, wo ich starten und enden wollte, und es fiel mir leicht, eine dazu passende Figur zu entwickeln (wenngleich es immer ein Risiko ist, eine Hauptfigur zu haben, die immer unsympathischer wird).

Tipps für deine Entscheidung

Ich kann dir nicht sagen, dass du den einen oder den anderen Weg wählen solltest – das musst du für dich und jedes Projekt selbst herausfinden. Hilfreich kann es aber sein, wenn du dir vorab ein paar Gedanken zu folgenden Fragen machst:

Was weißt du bisher über deine Idee?

Vielleicht fällt dir bereits beim Aufschreiben deiner Idee auf, ob du dich zunächst auf den Plot oder die Figuren konzentrieren solltest.

Beispiel: „Eine Braut steigert sich in ihre Hochzeitsvorbereitungen hinein“ wäre die Herangehensweise über den Plot – denn ich beschreibe hier die Idee der Handlung. „Irgendwas mit einem Zwillingspärchen, das ein Doppelleben führt und mit fehlender Individualität hadert“ wäre dann eher figurengetrieben.

Wo sprudeln die Ideen schneller?

Schon beim Skizzieren deiner Ideen stellst du vielleicht fest, dass dir eher Details zu Figuren oder eher zur Handlung einfallen. Lasse deiner Kreativität freien Lauf und gib dich den Ideen hin, die kommen.

Objektiv betrachtet: Wo liegt der Fokus?

Schreib mal ein Exposé zu deiner Idee und lass es ein paar Tage ruhen. Wenn du es dir wieder vornimmst, versuche mal herauszufinden, ob sich deine Inhaltsangabe eher handlungsgetrieben oder eher figurengetrieben anhört. Oft fehlt der eine oder der andere Aspekt, was dir einen Hinweis darauf gibt, worauf du dich fokussierst.

Bei meinem aktuellen Projekt beispielsweise war es tatsächlich so, dass ich zwar eine gute Idee für die Figuren hatte und damit für den Plot, aber in meinem Exposé habe ich fast ausschließlich den Fokus auf den Plot gelegt, was mit letztlich aufgezeigt hat, dass mir der Plot schon sehr klar war, die Figuren aber irgendwie noch zu unscheinbar waren (ein Problem, das ich übrigens noch immer habe und das sich wohl erst mit dem Schreiben konkreter fassen lassen wird).

Wie machst du es?

Bist du jemand, der erst die Figuren entwickelt oder erst den Plot? Schreib es gerne unten als Kommentar hin! Ich bin gespannt, wie das Ergebnis ist – meine Schätzung lautet, dass die meisten Schriftsteller zuerst die Figuren entwickeln.

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