In jeder Geschichte herrscht eine gewisse Balance: Mal geht es hoch her, dann gibt es ruhigere Szenen. Der Protagonist hat einen Antagonisten als Gegenspieler. Am Ende hat man einen Gewinner und einen Verlierer.

Oder?

Nicht immer.

Wir wenden uns heute mal dem Thema der Antagonisten zu und beleuchten, welche Alternativen es zu personifizierten Gegenspielern gibt.

 

Was ist eigentlich ein Antagonist?

Ein Antagonist (oder eine antagonistische Kraft) ist, ganz allgemein gesagt, der Gegenspieler des Romanhelden, der ihn daran hindern soll, sein Ziel zu erreichen oder ihm sogar schaden soll.

Sehr oft verkörpert der Antagonist dabei das Negativbild des Protagonisten: Ist der Protagonist fröhlich, hilfsbereit und naiv (zum Beispiel Rotkäppchen), dann ist der Antagonist meistens böse, egoistisch und schlau.

In der Realität sieht es natürlich so aus, dass die meisten Antagonisten komplexer sind und keine bloßen Abziehbilder. Zudem gibt es selten nur einen einzigen Gegenspieler für den Helden, sondern viele „antagonistische Kräfte“, die sowohl unabhängig voneinander als auch gemeinsam agieren können.

Alternativen zu personifizierten Antagonisten

Es gibt natürlich trotz aller Individualität einige Gemeinsamkeiten bei allen Antagonisten, beispielsweise dass sie sich oft in eine der folgenden Kategorien einteilen lassen:

Der mächtige Bösewicht

Klassiker der Literatur. Dem Helden wird eine Person gegenübergestellt, die ihn am Weiterkommen hindert und eigene (böse) Pläne verfolgt.

  • Voldemort in „Harry Potter“
  • Die Hexe in „Hänsel und Gretel“
  • Sauron in „Herr der Ringe“
  • Alle Mörder in Krimis 😉

 

Der unscheinbare Gegenspieler

Nicht nur, aber ganz besonders bei Liebesromanen haben wir selten mit wirklich bösen Menschen zu tun. Meistens geht es einfach um verschiedene Interessen oder darum, die gleiche Sache zu erreichen: Bei einer klassischen Dreiecksbeziehung in einem Liebesroman haben wir einen Helden, ein „Love Interest“ und einen Gegenspieler (alles auf alle Geschlechter bezogen). Das können alles drei sehr nette Figuren sein, aber wenn zwei in jemanden verliebt sind, entstehen normalerweise Konflikte.

Hier ein paar Beispiele:

  • Draco Malfoy in „Harry Potter“
  • Allies Mutter in „Wie ein einziger Tag“ (ist gegen die Beziehung der Protas)
  • die meisten Gegenspieler in Liebesromanen 😉

 

Das System, die Natur und Abstraktes

Man kann nicht nur gegen eine einzige Person ankämpfen, sondern gegen ganze Systeme. Hier kommen wir bereits das erste Mal mit „unkörperlichen Antagonisten“ in Berührung, denn ein System kann man erst einmal nicht anfassen, ist also körperlos. 

Viele Autoren bedienen sich hierbei gerne der Möglichkeit, eine Person stellvertretend für ein System als Antagonisten zu kreieren (z.B. „Präsident Snow“ stellvertretend für „Das Kapitol“ in „Die Tribute von Panem“), aber das ist kein Muss.

Auch die Natur kann ein Gegenspieler des Helden sein, wenn er ihr ausgeliefert ist und sich ihr widersetzen muss.

Beispiele für das System als Antagonist:

  • Das Kapitol in „Die Tribute von Panem“
  • Die Bürokratie und der Staat in „Der Prozess“ von Franz Kafka

Beispiele für die Natur als Antagonist:

  • Der Ozean in „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ (hier in Kombi mit anderen Antagonisten wie dem Tiger)
  • Die Insel in „Cast Away – Verschollen“
  • Die Kälte in „The Day After Tomorrow“
  • Die Natur in „The Revenant“
  • Der Weltraum in „Gravity“

Beispiele für Technologie als Antagonist:

  • Die Roboter in „I, Robot“
  • Die Gesellschaft und die Technik in „Minority Report“
  • Ava in „Ex Machina“

Übersinnliche und außerirdische Antagonisten

Ist wohl selbsterklärend, oder? Manchmal ist der Antagonist eine vage Kraft oder ein unbekanntes Wesen aus dem Weltraum.

  • Pazuzu, Dämon in „Der Exorzist“
  • Samara Morgan, Geist in „The Ring“
  • Die Aliens in „Independence Day“
  • Die Fähigkeit des Zeitreisens in „Die Frau des Zeitreisenden“

Innere Konflikte als Antagonisten

Sehr oft höre ich von Autor_innen, dass es in ihrer Geschichte keinen Antagonisten gibt, sondern der Protagonist gegen sich selbst ankämpfen muss.

In diesem Podcast habe ich das Thema bereits mal angesprochen.

Es ist zwar durchaus möglich, innere Konflikte zu antagonistischen Kräften zu erheben, aber eine „Kernaufgabe“ des Antagonisten ist ja, aktiv die Pläne des Helden zu durchkreuzen. Das ist bei etwas Abstraktem wie „inneren Konflikten“ schwer zu realisieren.

Zudem hat sowieso jede Hauptfigur innere und äußere Konflikte – nur dass bei der Variante „innere Konflikte sind mein Antagonist“ häufig die äußeren Konflikte fehlen. Meistens muss man sich dann für die Handlung anderer Antagonisten bzw. antagonistischer Kräfte bedienen, um überhaupt etwas zu erzählen zu haben.

Es gibt aber Beispiele, bei denen es gut klappt:

„Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen beispielsweise benutzt eben dieses – Stolz und Vorurteile – als Antagonisten zwischen den Figuren. Da macht Mr. Darcy der Angebeteten einen Heiratsantrag, obwohl sich seine gesellschaftliche Stellung verschlechtern würde, aber sie lehnt ab, weil sie zu stolz ist, quasi nur aus Dankbarkeit „nach oben“ zu heiraten. Ihr Ziel (bzw. ihr von der Mutter vorgegebener Auftrag) ist es, zu heiraten, und ihr Stolz steht ihr im Wege.

Sie ist also ihr eigener Antagonist, wenn man so will.

Sonderfall: Schizophrenie und Co.

Viele Filme und Bücher mit besonderen Twists basieren auf Krankheitsbildern wie multipler Persönlichkeitsstörung, Schizophrenie, Wahnvorstellungen, und so weiter. Diese Krankheiten können entweder – im Falle der multiplen Persönlichkeit – tatsächlich als „Person“ und somit als „körperlicher Antagonist“ auftreten, oder aber der Auslöser für antagonistische Kräfte sein.

Die Krankheit per se kann ja nicht aktiv werden und ist deshalb kein richtiger Antagonist, aber ihre Auswirkungen führen dazu, dass sich etwas zu einem Antagonisten entwickelt.

Tipps für körperlose Antagonisten

Wenn du dich fragst, wer eigentlich der Antagonist in deinem Roman ist (und oft gibt es ja mehrere), dann überlege, wer aktiv die Zielerreichung deines Helden beeinträchtigt. Wer oder was hält deinen Protagonisten davon ab, sein Ziel zu erreichen oder seinen größten Wunsch zu stillen?

Damit sind wir auch beim ersten Tipp:

Gib dem Protagonisten ein starkes Ziel / einen starken Wunsch

Gerade wenn du damit liebäugelst, den Protagonisten gegen etwas Abstraktes wie „Stolz“ ankämpfen zu lassen, ist es umso wichtiger, ihm ein begehrtes Ziel vor die Nase zu setzen.

Der Wunsch oder Auftrag, dieses Ziel zu erreichen, muss sehr groß sein, damit der Protagonist sich selbst und seine inneren Konflikte überwinden kann.

Kombiniere verschiedene antagonistische Kräfte

Vielleicht gibt es bei dir nicht „den einen“ Gegenspieler, sondern viele verschiedene: Da kämpft dein Held gegen die Natur, gegen Selbstzweifel, gegen ein Heer aus Soldaten und schließlich gegen das System. Achte hierbei auf einen roten Faden, der alles zusammenhält (zum Beispiel durch eine Mission, die der Held zu erfüllen hat), damit es nicht wie eine Sammlung von Kurzgeschichten wirkt, sondern alle Episoden miteinander verwoben sind.

Personifiziere den Antagonisten

Ich möchte es nur der Vollständigkeit halber erwähnen: Statt den Protagonisten gegen „das System“ kämpfen zu lassen, kannst du ihm Personen vorsetzen, die „das System“ verkörpern, zum Beispiel Beamte, Richter, Polizisten oder Politiker. Wenn du dabei eine Person besonders hervortreten lässt, wird dieser womöglich zum Antagonisten des Romans.

Wie sind deine Erfahrungen?

Hast du mal Geschichten mit „alternativen Antagonisten“ geschrieben und wenn ja, welche Herausforderungen sind dabei aufgetreten?

Kennst du selbst Bücher oder Filme mit solchen Antagonisten? Teile sie mit uns in den Kommentaren!