Ein Gastbeitrag von Diana Wink (storyartist.me)

Stehst du unter dem Tantalus-Fluch?

Wenn du durch den Tag schlenderst, und jede Kleinigkeit dich am Schreiben hindert, dann bist du hier richtig. In diesem Artikel zeige ich (Diana Wink von StoryArtist.me) dir, wie du die Ablenkung überwinden und endlich anfangen kannst, produktiv zu schreiben.

Ich gebe dir den Zaubertrank, um den Tantalus-Fluch zu besiegen.

Tantalus wurde von seinem Vater Zeus zur Strafe in die Unterwelt verbannt. Dort watete er in einer Wasserlache und ein Ast mit reifen Früchten hing über seinem Kopf.

Als Tantalus danach griff, entfernte sich der Ast. Als er sich bückte, um das Wasser zu trinken, wich es zurück. Er würde weder seinen Durst löschen noch seinen Hunger stillen können.

Das war sein Fluch: immer nach den Dingen zu greifen, die er sich wünscht, aber sie nie zu bekommen.

Kommt dir das bekannt vor? Die alten Griechen wussten, wie man eine gute Geschichte erzählt.

Wir greifen ständig nach etwas: mehr Geld, mehr Erfahrungen, mehr Wissen, mehr Status, mehr Dinge.

Aber was hat das mit Ablenkung zu tun?

Ich möchte dich herausfordern, diese Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: Was wäre aus Tantalus geworden, wenn er einfach aufgehört hätte, nach den Dingen zu greifen?

Er war bereits in der Hölle. Er war tot. Und Tote brauchen keine Nahrung und kein Wasser, zumindest soweit ich weiß. Warum hat er immer wieder nach diesen Dingen gegriffen, nach Dingen, die er nicht wirklich brauchte?

Der wirkliche Fluch besteht nicht darin, dass Tantalus die ganze Ewigkeit damit verbringt, nach Dingen zu greifen, die unerreichbar sind, sondern darin, dass er sich der Wahrheit nicht bewusst wird, dass er diese Dinge nicht braucht.

Die wahre Moral der Geschichte ist, dass Tantalus blind für die Tatsache ist, dass er das alles einfach nicht braucht.

Das ist das Problem mit der Ablenkung: wir greifen nach Dingen, die wir nicht wirklich brauchen. Aber in diesem Moment sind wir davon überzeugt, dass sie unentbehrlich sind.

Zum Glück sind wir weder in der Hölle noch tot – ein guter Anfang, um einen Schritt zurückzutreten und ehrlich zu sich selbst zu sein.

Bevor du also den simplen Zaubertrank bekommst und lernst, wie du produktiv schreiben kannst, gebe ich dir vier Schritte an die Hand, um die Ablenkung ein für alle mal zu besiegen.

Schritt Nr. 1: Plane deine Zeit strategisch.

„Weiß ich, womit du dich beschäftigst, dann weiß ich, was aus dir werden kann.“ – Goethe

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Wenn du durch den Tag wanderst, ohne strategisch Zeit fürs Schreiben einzuplanen, wirst du niemals schreiben.

Forscher in Großbritannien fanden heraus, dass ein einfaches Prinzip die Erfolgsquote auf 91% erhöht. Eins, das dich weniger als eine Minute kosten wird.

Es nennt sich: Implementation Intention.

Das Prinzip beschreibt einen Plan, den man im Voraus festlegt. Er besagt, wann und wo man handeln soll.

Du brauchst also nur folgenden Satz aufzuschreiben:

„Ich werde um [ZEIT] Uhr in [STANDORT] schreiben.“

Klingt unglaublich? Das ist Wissenschaft!

Du musst eine Zeit und einen Ort zum Schreiben festlegen. Viele Schreibanfänger denken, sie werden schon irgendwo die Zeit in den Tag rein quetschen. Das wird nicht passieren.

Verwende stattdessen die Technik des Timeboxing und erstelle einen Wochenkalender, in dem du deine Zeit auf sehr strategische Weise dem Schreiben widmest.

Wenn du dich nicht zum Schreiben verpflichtest, nicht die genaue Zeit und den genauen Ort aufschreibst, dann wirst du nie schreiben. So einfach ist das.

Aber wenn du wie die meisten Schriftsteller bist, hast du dir die Zeit bereits genommen. Voller Ideen für das Schreiben setzt du dich an den Schreibtisch… nur um Dinge zu googeln, die du für dein Buch „recherchieren musst“.

Das Alltägliche ist plötzlich faszinierend. WhatsApp Nachrichten befallen das Handy wie ein Virus. Der Magen heult. Wie kannst du dich konzentrieren, wenn du hungrig bist?

Die Uhr tickt.

Die Seite bleibt leer. Weiß wie ein süßer Babypopo.

Schritt Nr. 2: Erkenne den Widerstand an.

Fjodor Dostojewski schrieb 1863: „Versuchen Sie, sich diese Aufgabe zu stellen: Denken Sie nicht an einen Eisbären, und Sie werden sehen, dass Ihnen das verfluchte Ding jede Minute in den Sinn kommt.“

Du hast an einen Eisbären gedacht, nicht wahr?

Noch spannender: Forscher fanden heraus, dass diejenigen, die an den Eisbären denken dürfen, weniger an ihn denken als diejenigen, denen es verboten ist.

Es kommt darauf an, wie wir die Dinge betrachten.

Je mehr du versuchst, vor dem Widerstand zu fliehen, desto mehr wird er dich zur Ablenkung treiben. Stattdessen musst du dir eingestehen, dass es dieses unangenehme Gefühl gibt.

Brickers Studie hatte Tausenden von Menschen geholfen, mit dem Rauchen aufzuhören. In dieser Studie schlägt er die folgenden Schritte vor, die auch auf das Schreiben angewendet werden können:

  1. Beachte das Gefühl.
  2. Schreib es auf.

Erkenne an, dass Widerstand normal ist.

In seinem Buch „War of Art“ sagt Steven Pressfield sogar, dass Widerstand ein gutes Zeichen ist.

„Widerstand wird als Angst erlebt; der Grad der Angst entspricht der Stärke des Widerstands. Deshalb können wir umso sicherer sein, je mehr Angst wir vor einem bestimmten Unternehmen haben, dass dieses Unternehmen für uns und für das Wachstum unserer Seele wichtig ist. Deshalb spüren wir so viel Widerstand. Wenn es uns nichts bedeuten würde, gäbe es keinen Widerstand.“ – Steven Pressfield, War of Art

Nachdem du den Widerstand und die Tatsache, dass er völlig normal ist, anerkannt hast, gibt es einen weiteren Schritt, der dir die Macht darüber gibt.

Schritt Nr. 3: Verstehe das tief sitzende Problem.

Ablenkung ist eine Fluchtreaktion.

Dein Gehirn würde alles tun, um Unbehagen zu vermeiden. Also flieht es in die Ablenkung. Es verdrängt das unangenehme Gefühl, das das leere Blatt vor dir hervorruft.

Aber woher kommt dieses Unbehagen?

Es kann ein tiefer liegendes Problem sein. Zweifel über deine Fähigkeiten als Autor_in. Finanzielle Sorgen. Familienprobleme.

Fürchte dich nicht, tiefer in die Wurzel deines Widerstandes zu schauen, denn du könntest Dinge finden, die du zunächst lösen musst.

Aber wenn du zu den glücklichen Menschen gehörst, die schwerelos durchs Leben laufen, und der Widerstand dich immer noch packt, dann musst du wissen: Das liegt in unserer Natur. Du wirst nie diesen Ort vollständiger Zufriedenheit finden, zumindest nicht für lange Zeit.

Deine menschliche Natur

„Studien haben ergeben, dass sich Menschen eher an unglückliche Momente in ihrer Kindheit erinnern, auch wenn sie ihre Erziehung als allgemein glücklich bezeichnen würden.“ – Nir Eyal, Indistractable

Wir neigen dazu, an den schlechten Erinnerungen festzuhalten und die guten zu vergessen. Das nennt man den Negativitätsbias. Ja, es hat einen Namen.

Genauso wie unsere Tendenz, immer wieder über schlechte Erfahrungen nachzudenken. Er sagte diese gemeine Sache über mich, und sie akzeptierten meinen Vorschlag nicht… und so weiter. Der Begriff dafür ist Rumination.

Aber die schlimmste aller Plagen ist die hedonistische Tretmühle.

Wusstest du, dass Menschen, die im Lotto gewonnen haben, berichten, dass Dinge, die sie vorher genossen haben, nun ihrer Reiz verloren haben?

Die hedonistische Tretmühle beschreibt die Tendenz, wieder auf das grundlegende Niveau der Zufriedenheit zurückzukehren, egal, was uns im Leben passiert.

Warte, wirft noch nicht die Hände in die Luft und verfluche die Götter. Das ist eine gute Sache.

Auf diese Weise sind wir immer motiviert, nach mehr zu streben. Besser zu sein. Neue Dinge zu entdecken. Ohne die hedonistische Tretmühle würden wir immer noch in Höhlen leben und in den Schlamm kacken.

Nutze deine Natur zur Motivation. Anstatt zu fliehen, verstehe die Wurzel deines Unbehagens. Wenn du kannst, kläre sie auf. Wenn nicht, nutze sie, um ein besserer Schriftsteller zu werden.

Wie der englische Schriftsteller Samuel Johnson im achtzehnten Jahrhundert sagte: „Mein Leben ist eine einzige lange Flucht vor mir selbst“.

Meins ebenso, Bruder.

Schritt Nr. 4: Finde neue Wege.

Eines der oben nicht erwähnten Probleme unserer menschlichen Natur ist eine große Quelle deines Unbehagens.

Langeweile.

Entgegen der Annahme, dass wir fliehen, wenn wir dem Unbekannten begegnen, kann Langeweile tatsächlich ein viel stärkeres Unwohlsein auslösen. Zu wissen, was passiert und wie es passiert. Eine eintönige Aufgabe zu erledigen.

Du hast es wahrscheinlich noch nie so betrachtet, aber deine Angst und dein Widerstand vor dem Schreiben könnten tatsächlich aus Langeweile kommen.

Der beste Weg gegen die Ablenkung ist, das Schreiben in einem ganz anderen Licht zu sehen.

Erinnerst du dich, was wir oben festgestellt haben? Es kommt darauf an, wie wir die Dinge betrachten.

Anstatt die harte Arbeit und die unzähligen Stunden der Unsicherheit zu sehen, sieh den Spaß am Schreiben. Erlaube dir, zu experimentieren. Finde die Neuheit in deinem Prozess.

Du kannst an einem neuen aufregenden Ort schreiben – auf einem Kreuzfahrtschiff oder auf einer Wiese; während eines Spaziergangs eine Szene diktieren, deine Geschichte völlig durcheinander schreiben, oder in Zusammenarbeit mit anderen Autoren. Bringe neue, schräge Charaktere ein und öffne dich für Ideen zum Schreiben von Storys, die verrückt erscheinen.

Verleih deinem Prozess ein wenig Würze. Mache interessante Dinge. Wechsle die Szenerie und sieh das Schreiben als ein Abenteuer, nicht als eine Aufgabe, die du mit eiserner Disziplin erledigen musst.

Wenn du neue Wege findest, kannst du die Langeweile vermeiden und stattdessen die Faszination des Schreibens für dich neu entdecken.

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Hier sind also wieder die vier Schritte:

  1. Plane deine Zeit strategisch.
  2. Erkenne den Widerstand an.
  3. Verstehe das tief sitzende Problem
  4. Finde neue Wege

Kommen wir nun zum Zaubertrank, um den Tantalus-Fluch zu besiegen. Wie schaffst du es ganz praktisch im Alltag, der Ablenkung nicht zu erliegen und nach zu Dingen greifen, die du nicht wirklich brauchst?

Der Trank ist die 10-Minuten-Regel.

Wenn du spürst, dass Widerstand sich anbahnt, die Ablenkung auf dich zusteuert und du den Drang verspürst, etwas zu erledigen, das dich vom Schreiben abbringt – gib dir 10 Minuten.

Erlaube dir, dich dem hinzugeben, was du willst – aber erst in 10 Minuten. Denn sobald Widerstand auftaucht und du weitermachst, motiviert durch das Gefühl, es später (in nur 10 Minuten) tun zu können, wirst du die Ablenkung höchstwahrscheinlich vergessen.

Wenn du dich also hinsetzt und den Drang spürst, dich abzulenken – erkenne ihn an und gib ihm 10 Minuten Zeit, um nachzulassen.

Im Gegensatz zu Tantalus hast du etwas Besseres zu tun, als nach der Leere zu greifen. Du bist ein Schriftsteller. Vertraue der Leidenschaft für deine Arbeit, die dich magnetisch zum Schreiben anzieht. Und schreibe produktiv.

Welche Strategien hast du, um die Ablenkung zu überwinden? Teile sie mit uns in den Kommentaren!

Über Diana Wink von Story Artist

Diana Wink ist Autorin, Regisseurin und Bloggerin. Sie zeigt auf ihrem Blog Story Artist, wie du exzellente Storys schreiben und vom Schreiben leben kannst. Dort gibt’s auch ihr kostenloses (englisches) Ebook “8 Dinge, die erfolgreiche Autoren jeden Tag machen”.