Die Wahl der richtigen Erzählperspektive kann manchmal wirklich nervig sein. Bei manchen Geschichten weiß man sofort, dass sie aus der Ich-Perspektive oder der dritten Person geschrieben werden müssen, aber es gibt auch Geschichten, bei denen fällt es schwer, sich für eine Perspektive zu entscheiden. Im heutigen Gastartikel von Jurenka Jurk lernst du 4 Kriterien, mit denen dir diese Wahl leichter fällt.

von Jurenka Jurk

 

Mit diesen 4 Kriterien wählst du die richtige Erzählperspektive für deinen Roman

 

Schreibst du deinen Roman aus der Ich-Perspektive oder aus der Sicht einer dritten Person?

Dies ist eine zentrale Frage für Autoren, die du beantworten solltest, bevor du anfängst, in die Tasten zu hacken.

 

Viele Schreibanfänger beginnen zum Beispiel mit der Ich-Form, stellen aber dann während des Schreibens fest, dass diese gar nicht so leicht ist, wie sie dachten, und müssen dann sehr zeitintensiv alles neu schreiben.

Aber keine Sorge, dir wird das nicht passieren, denn du bekommst nun alle Techniken, die du benötigst, um die richtige Wahl für dich zu treffen:

 

Was bedeutete „Perspektive“ und warum ist sie wichtig?

 

Von Perspektive sprechen wir, wenn wir die Erzählform meinen, also die Sicht, aus welcher die Geschichte geschildert wird. Erzählt die Hauptfigur ihre eigene Geschichte, oder führt jemand anderer durch die Handlung?

Man kann sich die Perspektive auch als Position einer Kamera vorstellen:
Wird alles durch die Augen der Hauptfigur gezeigt, sitzt die Kamera auf der Schulter der Figur oder schwebt sie gar darüber?

Die Erzählform kann darüber entscheiden, ob dein Roman die Leser fesselt oder nicht.

 

Welche Perspektivformen gibt es?

 

Es gibt im Grunde drei Grundformen und eine Mischform für den Erzählstil:

 

Der auktoriale Erzähler

 

Dies ist ein allwissender, „göttlicher“ Erzähler, der in jeden Kopf und auch in die Zukunft blicken kann und außerdem Kommentare und Wertungen zum Geschehen und den Personen abgibt.

Er weiß mehr als die Handelnden und hat die unbegrenzte Draufsicht auf alles, was passiert oder passieren wird. Häufig spricht er den Leser direkt an und beschreibt die Geschichte von außen, als Zuseher. Er wertet und kommentiert oft auch das Geschehen.

Beispiele: Wilhelm Busch („Max und Moritz machten beide, als sie lebten, keinem Freude.“) oder Erich Kästners Doppeltes Lottchen. Auch Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ ist teilweise auktorial geschrieben.

 

Der Vorteil hierbei ist, dass es einfacher erscheint, überall gleichzeitig sein und alles erzählen zu können. Außerdem können Rückblenden und Vorwegnahmen eingebaut werden.

Der Nachteil dabei ist allerdings, dass durch die Autorität des Erzählers eine Distanz zu den Figuren entsteht und sich der Leser schwertut, sich mit den Charakteren zu identifizieren. Heute ist dieser Erzählstil aus der Mode gekommen – der Leser möchte sich selbst ein Bild machen und dieses bewerten. Daher ist diese Perspektive heute eher selten zu finden.

 

Der personale Erzähler

 

Es handelt sich zwar auch hier um die Perspektive einer dritten Person, aber eher im Sinne einer Kamera, die ganz nah an nur einer Figur dran ist und auch deren Gedanken hört.

Beispiel: Du hast selbst sicher unzählige Beispiele in deinem Buchregal, wie etwa „Harry Potter“ von Joanne K. Rowling.

Der Vorteil dieser Perspektive ist, dass es dem Leser leichter fällt, die Emotionen der Figur mitzufühlen, diese aber auch von außen beschrieben werden kann.

Der Nachteil ist: Man muss darauf achten, dicht genug an bzw. in der Figur zu bleiben, um sie dem Leser nahezubringen.

Diese Erzählform ist heute die beliebteste.

 

Der Ich-Erzähler

 

Auch diese Erzählform ist dir sicherlich vertraut: Hier erzählt die Figur, was passiert, aus ihrer Sicht. Die Geschichte wird durch die Innenwelt des Helden erzählt.

Beispiel: Diese Perspektive wurde sehr gut in „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins umgesetzt.

Der offensichtliche Vorteil ist, dass man auch als Autor ganz nah an der Figur dran ist, ja, fast schon zu ihr wird. Dadurch fällt es einem leichter, sie dem Leser ebenfalls nahezubringen. Er kann sich leicht in den Charakter hineinversetzen – was ja bei einem Roman das wichtigste Ziel ist.

Der Nachteil ist allerdings die Limitierung auf einen einzigen Blickwinkel:

Man erlebt die Geschichte nur durch den Helden, was sehr einseitig werden kann, zumal die Hauptfigur gewöhnlich durch die vorkommenden Krisen im Roman sehr leidet und in ihren Emotionen „feststeckt“. Das kann lamentierend wirken und den Leser ermüden (in komödiantischen Texten mit Selbstironie fällt das dagegen nicht mehr negativ auf; hier wird gern der Ich-Erzähler gewählt). Außerdem ist es etwas schwieriger, äußere Details zu beschreiben. Sie stehen mehr im Fokus, wenn sie durch einen Ich-Erzähler erwähnt werden. Sie lassen sich nicht so „nebenbei“ einfließen wie beim personalen Erzähler.

 

Multiperspektivisch

 

Hier wird die Sichtweise auf verschiedene Personen verteilt, sprich: Mehrere Personen schildern abwechselnd das Geschehen. Hierbei ist ein Wechsel zwischen Ich-Form und personalem Erzähler möglich (aber eher unüblich, da es irritierend wirken kann), es kann aber auch mehrere Ich-Erzähler oder mehrere personale Erzähler geben. Am häufigsten kommen mehrere personale Erzähler vor.

 

Diese Form ist komplizierter, denn jede Perspektivfigur bringt ihre eigene Geschichte mit, ihren eigenen Spannungsbogen, was viel Arbeit für uns Autoren bedeutet. Es kann aber natürlich sehr spannend und interessant sein, wenn der Leser eine Geschichte aus dem Blickwinkel mehrerer Figuren miterleben darf.

Überlege dir vorher gut, ob dein Buch wirklich mehrere Perspektiven braucht, um spannend zu sein. Es gibt tausende Bücher, die wunderbar mit nur einer einzigen Perspektivfigur erfolgreich sind.

Häufigster Fehler: Eine Perspektivfigur einbauen, nur um dem Leser Informationen zu vermitteln.

Auf diese Weise fehlt dem Leser das Identifikationspotenzial zur Figur und die Szene wird langweilig. Eine Perspektivfigur sollte dem Leser so gut gefallen, dass er sich in sie hineinversetzen mag. Einzige Ausnahme: Der Bösewicht. Hier muss der Leser die Figur nicht unbedingt sympathisch finden und es kann Sinn machen, diese Perspektive im Roman vorkommen zu lassen. Aber dann bitte nicht nur einmal. Das gilt auch für alle anderen Perspektivfiguren. Wenn du mehrere Perspektiven wählst, lasse den Leser öfters an deren Blickwinkel teilhaben.

Beispiele: „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett oder „Sakrileg“ von Dan Brown.

 

 

Welche Figur eignet sich als Perspektivfigur?

 

Die Perspektivfigur ist der Charakter, den man wählt, um durch sie die Geschichte zu schildern.

Bei Romanen ist das Wichtigste, dass sich der Leser in die Hauptfigur hineinversetzt und mit ihr die Geschichte erlebt. Daher ist die Perspektivfigur in den meisten Fällen die Hauptfigur.

Es ist aber auch möglich, dass andere Figuren die Geschichte erzählen, und selbst vielleicht nur Nebendarsteller sind (beispielsweise wie bei den Romanen über Sherlock Holmes, die aus der Sicht von Dr. Watson geschrieben sind).

Das macht es allerdings wesentlich schwieriger, den Leser an die Hauptfigur zu binden und mit ihr mitfiebern zu lassen.

Als Perspektivfigur ist am besten geeignet, die am Geschehen der Geschichte aktiv beteiligt ist, dem Leser Identifikationspotenzial bietet und bei der selbst etwas auf dem Spiel steht.

Wenn du multiperspektivisch schreibst, dann sollten auch die anderen Perspektiven mehrfach vorkommen, denn auch diesen Spannungsbogen möchte der Leser weiterverfolgen und alle Fragen beantwortet bekommen.

 

 

Welche Perspektive ist die Richtige für meinen Roman?

 

Welche Perspektive solltest du nun nehmen? Alle haben ihre Vor- und Nachteile. Hier ein paar Aspekte, an denen du dich orientieren kannst:

 

Kriterium 1:
Was will der Markt, was verkauft sich gut?

 

Am Ende willst du deinen Roman verkaufen, daher ist die zentrale Frage: Was möchte der Leser?

Der auktoriale Erzähler zum Beispiel ist völlig aus der Mode gekommen, da wir heute durch das Fernsehen gewohnt sind, uns selbst unsere Meinung zu bilden, anstatt sie von einem beobachtenden Erzähler vorgesetzt zu bekommen.

Falls du nicht nur Self-Publishing in Erwägung ziehst, schließt sich hier die Frage an: Was wollen die Verlage?

Mein eigener Roman „Verliebt bis in die Haarspitzen“ zum Beispiel hat vielen Verlagen gefallen, wurde am Ende aber deswegen oft abgelehnt, weil ich den Liebesroman aus zwei Perspektiven geschrieben habe: der männlichen und der weiblichen. Das hat die Verlage gestört (und da wir auf dem deutschen Markt veröffentlichen wollen, müssen wir uns auch an die Vorgaben oder Vorlieben der deutschen Verlage und Leser richten. Auch wenn viele Bücher vom amerikanischen Markt manchmal anders sind und sehr gut laufen, obwohl sie zum Beispiel aus zwei Perspektiven geschrieben sind – wenn der Verlag den Markt anders einschätzt, haben wir als Autoren da wenig Chancen).

 

Kriterium 2:
Welche Möglichkeiten für meinen Roman stehen mir mit den einzelnen Perspektiven zur Verfügung?

 

Wir haben gerade gesehen, dass jede Perspektive ihre Vor- und Nachteile hat. Am meisten Möglichkeiten bieten dir der auktoriale und der personale Erzähler, während es bei der Ich-Perspektive schwerer ist, äußere Merkmale der erzählenden Hauptperson unterzubringen (Haarfarbe, Größe, Akzent, Angewohnheiten aber auch räumliche Details etc.). Die Ich-Perspektive wirkt oft verführerisch einfach, ist es aber am Ende nicht.

Überlege dir genau, ob für deine Geschichte die Vorteile einer Perspektive deren Nachteile deutlich überwiegen. Am freiesten bist du derzeit mit dem personalen Erzähler, weil der auktoriale Erzähler als unmodern angesehen wird. Dennoch kann vielleicht auch ein Ich-Erzähler am passendsten sein, wenn du eine sehr hohe Identifikation gewährleisten willst und die Nachteile in deinem Fall nicht so schwer wiegen.

 

Kriterium 3:
Persönliche Vorliebe

 

DU sitzt an der Tastatur, DU musst dich wohlfühlen! Das Wichtigste für dich als Autor ist, völlig in deiner Hauptfigur aufzugehen, damit sich auch der Leser mit ihr identifizieren kann und mit ihr liebt und leidet. Die Ich-Perspektive erleichtert das Hineinschlüpfen in deinen Helden sowohl für dich beim Schreiben, als auch für den Leser. Ist ja toll, wenn dir der personale Erzählstil theoretisch mehr Vorteile bietet, aber du sie praktisch nicht so flüssig umgesetzt bekommst. Oder willst du vielleicht einen selbstironischen Roman in der Ich-Perspektive schreiben, aber es holpert einfach nur? Dann probiere mal die andere Perspektivform, vielleicht liegt sie dir viel mehr?!

 

Kriterium 4:
Welche Perspektive fesselt am meisten?

 

Unterm Strich zählt jedoch nur eine einzige Sache für dich als Autor: deine Leser. Welche Perspektive macht deine Geschichte am spannendsten und bietet ihnen damit das meiste Lesevergnügen? Das ist dann die richtige Perspektive für deinen Roman!

 

Tipps für deine Perspektivwahl

Tipp 1: Testschreiben

 

Probiere jede der hier vorgestellten Perspektiven einmal aus, um direkt beim Schreiben festzustellen, welche dir am ehesten liegt und am besten zu deiner Geschichte passt.

Es könnte sich dabei herausstellen, dass ein ganz anderer Erzählstil dein Favorit ist, als du dachtest!

Schreibe nicht nur einen Absatz um! Schreibe ihn neu! Am besten auch nicht nur einen Absatz, sondern gleich drei Seiten, damit du ganz in die Perspektive finden kannst. Notiere dir unter jeder Perspektive, welche Variante dir beim Schreiben leichter gefallen ist.

Lass den Text dann liegen und lies ihn erst in einigen Tagen erneut durch. Vielleicht sogar laut. So kannst du die Wirkung viel besser beurteilen. Welcher wirkt auf dich jetzt besser? Passt das auch mit deinem Schreiberlebnis zusammen? Dann hast du jetzt die passende Perspektive gefunden.

Wenn nicht, musst du abwägen. Wenn die eine Erzählperspektive viel überzeugender in ihrer Wirkung war, lohnt es sich vielleicht, Zeit zu investieren, um die „ungewohnte“ Perspektive auch flüssiger schreiben zu können.

 

Tipp 2: Untersuche andere Romane

 

Sehr hilfreich ist es auch, andere Texte mal zu analysieren. So schärfst du deinen Blick für die Perspektivformen. Du kannst dann auch nachschauen, wie jemand ein „Problem“ gelöst hat, wie er dieses oder jenes gezeigt hat usw.

 

Tipp 3: Mache es dir so einfach wie möglich!

 

Gerade am Anfang ist der beste Rat, die Dinge für dich nicht unnötig zu verkomplizieren. Es ist schon komplex genug, einen ganzen Roman zu schreiben!

Nimm die Hauptfigur als Perspektivfigur, da fiebert man leichter mit, da für sie am meisten auf dem Spiel steht.

Wähle eine multiperspektive Erzählung nur dann, wenn es unbedingt nötig ist und dadurch ein echter Mehrwert geschaffen wird, durch den sich die Spannung um ein x-faches erhöht!

 

Wende deine Perspektive richtig an

 

Achte darauf, deine Perspektivwahl richtig anzuwenden und von vorne bis hinten durchzuziehen. Bleib konsequent in der Figur drin und schildere nur das, was sie auch wahrnimmt (nicht das, was hinter ihrem Rücken passiert, denn das wäre auktorial).

Wenn du multiperspektivisch schreibst, trenne jede Perspektive klar voneinander mittels einer Leerzeile und verbleibe mindestens einige Absätze lang in einer Perspektive. (So will das zumindest der deutsche Markt.) Damit machst du es dem Leser leichter, dem Perspektivwechsel zu folgen und sich wieder in eine Figur hineinzuversetzen.

 

Fazit

 

Wie du siehst, ist es gar nicht ganz so einfach, die Perspektive richtig auszuwählen und umzusetzen.

Aber es klingt schlimmer, als es ist – sobald du dir deine Möglichkeiten einmal bewusst gemacht und ausprobiert hast, findet sich fast von ganz alleine dein (Erzähl-)Weg.

Ich wünsche dir eine spannende Entdeckungsreise auf der Suche nach der idealen Perspektive für deinen Roman.

 

Herzlich,

deine Jurenka

 

Jurenka JurkJurenka Jurk von Schreibfluss schreibt auch Romane, aber vor allem unterrichtet sie mit Leidenschaft, wie man lernt, Romane zu schreiben. Sie hat 2009 den Studiengang Kreatives Schreiben an der IB Hochschule Berlin abgeschlossen und seither mehr als 200 Schreibende und ihre Projekte begleitet. Sie ist außerdem die Veranstalterin der Online Autorenmesse, die erstmalig im November 2017 mit über 3.000 Teilnehmern stattgefunden hat. 

www.schreibfluss.com

 

Vielen lieben Dank an dieser Stelle an Jurenka für diesen Gastbeitrag! Die Wahl der richtigen Erzählperspektive ist auch in meinem Schreibkurs eine wichtige Lektion (ab April sind wieder Plätze frei!). Je mehr du schreibst und z. B. in Kurzgeschichten mal verschiedenen Perspektiven ausprobierst, desto schneller wirst du auch ein Gefühl dafür bekommen.

Wie ist das bei dir? Wie wählst du aus, in welcher Perspektive du eine Geschichte erzählst? Schreib es gerne unten in die Kommentare!

Wenn du möchtest, teile diesen Artikel auf Pinterest, Facebook oder Twitter.

 

Wie finde ich die richtige Perspektive für meinen Roman?