Dies ist der erste Teil einer Mini-Serie zum Thema „Bessere Romane schreiben“ und beschäftigt sich mit der Figurenentwicklung.

Warum sollte ich mir überhaupt die Arbeit machen?

 

Ich prüfe ja ab und zu Exposés von angehenden Autoren und dabei ist mir aufgefallen, dass es locker 80 % der eingesandten Exposés an einer überzeugenden Idee ODER an einer guten Figurenentwicklung fehlt. Natürlich schere ich damit jetzt viele über einen Kamm, aber ich würde es nicht erwähnen, wenn es nie vorkäme … also: bereite dich ordentlich vor, bevor du an Verlage herantrittst (oder an Agenturen, for that matter), und ziehe in Erwägung, dein Exposé vorher Menschen zu zeigen, die schon in der Branche Fuß gefasst haben (muss ja nicht ich sein, es gibt genügend Autoren, die bereit sind, sich dein Exposé anzuschauen).

Ein Buch zu schreiben, ist ein langer Weg, der zwar Spaß macht, aber auch oft mit Zweifeln, harter Arbeit und Verzicht gepflastert ist. All das zahlt sich aber aus: Wer sich von Beginn an hineinkniet, sich mit dem Handwerk des Schreibens befasst, fantastische Figuren kreiert und seine Leser vom Hocker reißt, der wird nicht nur im Handumdrehen alle Investitionskosten wieder drin haben, sondern kann davon tatsächlich ein passives Einkommen generieren, das ihm Geld einbringt, wenn er schläft.

Aber bis dahin müssen wir uns noch etwas zusammenreißen. Meine kleine Serie soll dir helfen, die drei größten Fehlerfelder besser zu verstehen.

Beginnen wir mit der ominösen Prämisse.

 

„Was ist denn eine Prämisse?“

 

Für viele angehende Autoren, die zum ersten Mal etwas von der „Prämisse“ hören, gehen mehr Lichter aus als an. Alleine das Wort „Prämisse“ kennt wohl kaum jemand, außer er benutzt den Ausspruch „unter der Prämisse, dass …“ und selbst dann unterstelle ich, dass viele nicht wirklich wissen, was das heißt.

Zuerst einmal zum Wort: „Prämisse“ bedeutet „Annahme, Voraussetzung“. Wenn einer Figur (oder einem Roman) eine Prämisse gegeben werden soll, dann ist damit eine Art Botschaft, eine These – eine Annahme – gemeint.

Ich werde heute jedoch nicht weiter auf die Prämisse eingehen, sondern dir etwas vorstellen, dass sich für die meisten Leute als praxisnäher erweisen wird:

 

Die Anfangslüge

 

Zu diesem Thema habe ich ein Video gedreht. Unter dem Video beschreibe ich aber auch, worum es hierbei geht. Es handelt sich hierbei inhaltlich um eine Lektion aus meinem Kurs „Mach dein Buch zu einem WOW!“, der Ende März buchbar sein wird.

 

 

Ziel dieser kleinen Serie ist ja, dass du mehr aus deinem Roman herausholst und eine bessere Geschichte schreibst. Aber was ist überhaupt ein „gutes Buch“? Darüber könnte man einige Diskussionen führen.

Für MICH – und somit als Grundlage für diese Serie – ist ein gutes Buch ein Buch mit einer packenden, überraschenden Geschichte und Figuren, die einem ans Herz wachsen und mit denen man richtig mitfiebert, sodass man bis nachts um drei liest, obwohl man um sechs aufstehen muss. Außerdem erfüllt ein gutes Buch immer die Erwartungen der Zielgruppe – oder übertrifft sie im besten Fall.

Zu einer guten Figur gehört unter anderem Dreidimensionalität und eine starke Entwicklung. Anfangs ist die Figur in einem bestimmten Ist-Zustand, im Laufe des Romans wird sie mit vielen Konflikten konfrontiert, muss Entscheidungen treffen, Dinge (Menschen, Meinungen, Gewohnheiten, Charakterzüge, etc.) aufgeben und sie ist am Ende eine andere Figur als zu Beginn.

 

Die Figur glaubt am Anfang eine Lüge

 

Das Konzept der Anfangslüge ist denkbar einfach: Die Figur startet mit falschen Annahmen: Sie glaubt eine Lüge. Im Laufe des Romans erkennt sie die Wahrheit, ändert sich und erkennt, dass sie bisher falsch gelegen hat.

 

Beispiel: Aschenputtel
„Ich bin es nicht wert“ / „Ich komme gegen die anderen nicht an“

 

Wir alle kennen sicher das Märchen von Aschenputtel: Ihre Stiefmutter und Stiefschwester behandeln sie wie Dreck, verwehren ihr den Zugang zum Hofball, sie kommt mit Hilfe (je nach Version) eines Baumes oder einer Fee doch dorthin, der Prinz und sie verlieben sich ineinander und auf der Treppe nach unten verliert sie ihren gläsernen Schuh, der so klein ist, dass er eher wie ein Kinderschuh aussieht. Der Prinz reitet durchs ganze Land auf der Suche nach der schönen Unbekannten und findet sie (die krassen Details mit blutenden Füßen lasse ich jetzt mal aus).

Warum lehnt sich Aschenputtel nicht gleich am Anfang gegen ihre Stiefmutter auf? Warum bietet sie ihr nicht die Stirn?

Je nach Interpretation (danke, Juliane Just!) können Aschenputtel unterschiedliche Lügen unterstellt werden:

  • sie glaubt, dass sie es nicht besser verdient hat
  • sie glaubt, gegen die übermächtigen Gegner (Stiefmutter und -schwestern) nicht ankommen zu können

Je nach dem, welche Lüge der Autor der Figur zuordnet, wird die Geschichte etwas anders erzählt, obwohl die Handlung die gleiche ist.

 

Beispiel: Shutter Island
Achtung: Spoiler!
Nicht lesen, wenn du Film/Buch nicht kennst

 

Inhalt anzeigen
Bis zum Finale ist die Hauptfigur davon überzeugt, ein Staatsdiener zu sein, der einen Fall auf der Insel Shutter Island lösen muss. Erst auf den letzten Seiten wird ihm – für kurze Zeit – klar, dass er in Wahrheit Patient der Einrichtung ist, die er untersucht. Originell: Die Figur ändert sich hier NICHT, sondern fällt anschließend wegen der Verdrängung wieder in die alte Lüge zurück, was das ganze Experiment zum Scheitern bringt.

 

Beispiel: Der König der Löwen
„Ich habe meinen Vater getötet“

 

Nach dem Tod seines Vaters glaubt Simba, dafür verantwortlich zu sein. Er flieht und lebt im Exil, bis er auf dem Höhepunkt des Films erkennt, dass sein Onkel seinen Vater umgebracht hat und er keine Schuld trägt.

 

Beispiel: Frozen
„Es gibt keinen Weg, meine Kräfte zu kontrollieren“

 

Hauptfigur Elsa ist der Überzeugung, dass sie eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellt und es das Beste wäre, wenn sie einsam und allein in ihrem Eispalast ein Einsiedlerleben fristet, weil sie ihre Wutausbrüche und die damit verbundenen Schneestürme etc. nicht kontrollieren kann. Erst zum Schluss erkennt sie, wie sie Kontrolle über ihre Fähigkeiten, Eis zu erzeugen, erlangt und lebt endlich ein normales Leben.
Plus: Auch die vermeintliche Lösung, um die es die ganze Zeit geht, stellt sich hernach als Lüge heraus. Wunderbarer Film!

 

Wie finde ich die Lüge?

 

Wie du beim Aschenputtl-Beispiel siehst, ist auch das Konzept der Lüge nicht in Stein gemeißelt. DU als Autor(in) entscheidest, was die Lüge ist, und in den meisten Fällen ist sie dir schon klar, wenn du gerade anfängst, darüber nachzudenken. Wie ist der Ist-Zustand deiner Figur zu Beginn? Daraus kannst du die Lüge ableiten.

Frage dich:

  • Wie sieht das Leben meiner Figur zu Beginn der Geschichte aus?
  • Wie sieht das Leben meiner Figur im Punkt des „auslösenden Momentes“ aus?
  • Wovor hat meine Figur Angst? –> Ist es berechtigt?
  • Kann meine Figur jemandem etwas nicht vergeben? –> hier kann man Lügen einbinden

 

Wie integriere ich die Lüge in meinen Text?

 

Wir als Autoren sind ja immer kleine Pseudo-Psychologen, wenn wir Texte schreiben. Versetze dich also, wenn du eine Ahnung von der Lüge hast, in die Lage deiner Figur: Überlege genau, welche Auswirkungen es hat, wenn sie die Lüge glaubt. Es geht hier um Überzeugungen, Meinungen, Gedanken und falsche Rückschlüsse. Wenn jemand glaubt, dass jeder Mensch außer ihm selbst glücklich sein darf, dann wird er überall glückliche Menschen sehen und bei sich selbst nur die negativen Dinge feststellen.

Eine Figur ist – genau wie wir Menschen – ständig unterbewusst auf der Suche nach Bestätigungen für die Lüge. Deshalb interpretieren Menschen Situationen unterschiedlich: Person A meint, dass das Glas halb voll ist, weil sie davon überzeugt ist, dass das Leben Geschenke bereithält und man sich über die kleinen Dinge freuen sollte (meiner Meinung nach keine Lüge 😉 ). Person B hingegen findet, dass das Glas halb leer ist. Sie hat die Lebenseinstellung, dass das Leben aus Verlusten besteht und immer, wenn man gerade etwas Schönes erlebt, das Negative nicht lange auf sich warten lässt.

 

Ich hoffe, dieser kleine Impuls war hilfreich für dich. Idealerweise kombinierst du die Anfangslüge mit der Prämisse der Figur: Aus „Es gibt keine Möglichkeit, meine Kräfte zu kontrollieren“ wird die Prämisse „Aufopferung aus Liebe führt zu Frieden“.

 

Hier geht es zum zweiten Teil!

Im zweiten Teil geht es darum, die Spannung im Mittelteil des Romans aufrecht zu erhalten. Klicke hier, um zum zweiten Teil zu gelangen.

 

Schreib einen Kommentar!

Lass mich wissen, ob du das Konzept der Lüge schon einmal vorsätzlich angewendet hast, ob du es kanntest und was du davon hältst!