„Pomodoro“ ist die italienische Bezeichnung für „Tomate“. „Pomodoro-Technik“ könnte im ersten Moment wie eine Anleitung aus dem Bereich der Gastronomie erscheinen, dahinter verbirgt sich aber eine Konzentrationstechnik, die das Arbeiten effizienter gestalten soll.

Was hat Gemüse mit Effizienz zu tun?

Der Italiener Francesco Cirillo hatte einen Kurzzeitwecker (Eieruhr) in Form einer Tomate. Mit Hilfe dieses Weckers entwickelte er vor dreißig Jahren eine Zeitmanagement-Methode, die als die „Pomodoro-Technik“ bekannt wurde. Kern dieser Theorie ist, dass bevorstehende Aufgaben in Abschnitte (die „Pomodori“) unterteilt werden, die innerhalb einer vorgegebenen Zeit erledigt werden müssen.

Für Autoren bedeutet dies, ihre Schreibzeiten (Pomodori) zu begrenzen. Diese simple Idee hat sich vielerorts in der Praxis als so mächtig erwiesen. Bevor die einzelnen Abläufe erklärt werden, zunächst ein wenig Hintergrundwissen: Warum führt Eingrenzung zu Effizienz?

Aufgabenpensum begrenzen

Der britische Soziologe Northcote Parkinson stellte 1955 einen interessanten Fakt vor: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“

Was meinte Parkinson damit? Es bedeutet, dass eine Aufgabe in der Zeit erledigt wird, die man dafür hat. Wenn du noch drei Kapitel schreiben musst, aber morgen Abgabetermin ist, schaffst du es seltsamerweise trotzdem, die drei Kapitel innerhalb eines Tages (und einer Nacht) zu schreiben. Musst du noch drei Kapitel schreiben und die Deadline ist in zwei Wochen, brauchst du auch diese zwei Wochen, um die Kapitel zu schreiben. Soweit die Theorie. Wie alle Theorien stößt auch diese natürlich an Grenzen: Einen 500-Seiten-Wälzer innerhalb eines Tages zu schreiben ist unmöglich.

Im Umkehrschluss bedeutet das für uns Autoren: Wenn wir die Zeit, die wir für eine Schreibaufgabe haben, begrenzen, schaffen wir mehr als ohne Einschränkung. Hier setzt die Pomodoro-Technik an, die Aufgaben auf 25 Minuten begrenzt. Im Einzelnen sieht das so aus:

Ablauf der Pomodorotechnik für Autoren

  1. Die Aufgabe formulieren: „Szene schreiben, in der sich Greg und Rose nach langer Zeit wiedersehen“, „Kapitel 35 beenden“ oder auch: „Kapitel 15 überarbeiten“. Wenn die Aufgabe formuliert wird, macht man sich vorher genaue Gedanken darüber, was man eigentlich erreichen will, statt einfach drauf los zu schreiben.
  2. Kurzzeitwecker auf 25 Minuten stellen. Diesen Punkt finde ich sehr wichtig. In der Praxis hat sich gezeigt, dass es einen deutlichen Unterschied macht, ob man sich einfach die Uhrzeit merkt und 25 Minuten addiert, oder ob visuell der Countdown runtergezählt wird. Auch psychisch soll es sich positiv auswirken, einen Kurzzeitwecker aufzuziehen oder einzustellen, weil es die Entschlossenheit unterstützt, sich nun ausschließlich dieser Aufgabe zu widmen.
  3. Mit Konzentration schreiben, bis der Wecker klingelt. Dabei ist es essentiell, sich durch nichts ablenken zu lassen (Telefon, Social Media, Besuche, Kaffeepausen, Recherchen, E-Mails,…). Es gibt nichts, was sich nicht um 25 Minuten verschieben lässt (ja, außer es brennt … Schlaumeier.).
  4. Die Stelle markieren, an der unterbrochen wurde, beispielsweise in Form der „Hervorhebung“ bei deinem Schreibprogramm. Wenn der Wecker klingelt, wird alles abgebrochen – auch mitten im Satz. Unser Unterbewusstsein wird uns in der Pause unterschwellig daran erinnern, dass da noch etwas Unfertiges auf uns wartet und wir sind motivierter, weiterzumachen.
  5. Pause von etwa 5 Minuten machen. In der Praxis vergehen 5 Minuten so extrem schnell, dass ich zu 10 Minuten übergegangen bin, in denen ich E-Mails oder Netzwerkbenachrichtigungen abrufe, oder mein Kaffee/Blut-Verhältnis stabilisiere.
  6. Den Wecker wieder auf 25 Minuten stellen und weiterarbeiten, wo du eben aufgehört hast.
  7. Nach vier Pomodori folgt eine Pause von mindestens 20 Minuten. Es bietet sich auch an, in dieser Zeit eine Mittagspause von einer oder zwei Stunden einzulegen, falls man das Privileg hat, tagsüber schreiben zu können, oder wenigstens eine Runde draußen spazieren zu gehen.

Die meisten Szenen lassen sich übrigens locker innerhalb von vier Pomodori schreiben – mehr noch, ganze Kapitel sind in dieser Zeit schon entstanden. Ob man nach vier Pomodori eine fünfte, sechste oder siebte einlegt, bleibt jedem selbst überlassen.

Aber ich habe doch auch so schon kaum Zeit zum Schreiben!

Gerade wer nebenberuflich oder hobbymäßig schreibt, sollte die Pomodoro-Technik ausprobieren, da man in diesen etwas mehr als eineinhalb Stunden ungleich mehr zustande bringt als mit seiner gewohnten Vorgehensweise.

Zusätzliche Motivation durch WordWars

Teilnehmer des jährlich stattfindenden „National Novel Writing Month“ (NaNoWriMo) kennen zum Teil die kleinen Wettbewerbe, die sich hinter dem Begriff „WordWar“ verbergen.  Bei einem WordWar trifft man sich (real oder virtuell) mit einem anderen Schriftsteller und schreibt in einem festgesetzten Zeitrahmen (meistens 20 Minuten) so viel wie möglich. Gewonnen hat, wer nach Ablauf der Zeit mehr Wörter geschrieben hat. Man könnte nun bemängeln, dass die Qualität des geschriebenen Textes darunter leidet, aber das wäre eine Grunddiskussion über Sinn oder Unsinn des NaNoWriMo an sich, der bereits an anderen Stellen ausgefochten wird. Meine Empfehlung ist: Ausprobieren! Dabei merkt man am besten, ob man sich eingeschränkt fühlt oder ob man sich so zu Höchstleistungen treibt. Das gilt sowohl für die WordWars als auch für die Pomodoro-Technik, die im Grunde die gleiche Taktik anwenden. Man könnte es auch so formulieren: Wer sich eine definierte Zeit lang auf das Schreiben konzentriert, arbeitet effizienter und produktiver.

Kleiner Tipp: auf Facebook gibt es Veranstaltungen und Gruppen, die regelmäßig zu WordWars einladen (zum Beispiel hier: www.facebook.de/groups/deutsche.wordwars).

Richtlinien sind keine Gesetze

Jeder Autor muss für sich selbst herausfinden, ob diese Methode zu ihm passt oder nicht. Eine alternative Herangehensweise ist, den Wecker auf 33 Minuten zu stellen und sich in dieser Zeit nicht zwingen, zu schreiben, sondern zu zwingen, bis der Wecker klingelt, einfach nichts zu tun, oder zu schreiben – mit den Regeln, dass der Sitzplatz nicht verlassen werden darf und das Internet oder sonstige Ablenkung verboten ist. Ein anderer schreibt vielleicht lieber 60 Minuten durchgehend und macht dann Pause. Egal, wie: wer seinen Output steigern will, sollte diese Technik mal ausprobieren und für seine Bedürfnisse anpassen. Es soll vielen Autoren sogar schon bei Schreibblockaden geholfen haben.