Das Zweitschlimmste ist überstanden! Wenn du deinen Roman zum ersten Mal überarbeitet hast, liest er sich schon viel flüssiger, du hast etliche Rechtschreibfehler gefunden und wirst immer zufriedener mit dem Ergebnis. Jetzt kannst du die ersten Testfahrten machen.

 

TEil 6 Testleser

Musst du Testleser haben?

 

Du musst natürlich gar nichts. Dieser Teil ist optional, aber empfehlenswert. Wenn du genug Zeit hast, würde ich dir dringend empfehlen, dein Manuskript einem oder zwei Testlesern zu geben, um dir später Arbeit im Lektorat zu ersparen.

 

Freunde oder Profis?

 

Das muss jeder für sich selbst beantworten. Es hat Vor- und Nachteile, Bekannte oder Freunde zu fragen, ob sie ein Manuskript lesen. Der Vorteil: Sie entsprechen bestenfalls der Zielgruppe und ihnen fallen oft Dinge auf, die für einen selbst völlig klar sind. Der große Nachteil: Sie sind häufig entweder nicht ganz ehrlich oder wenn doch, dann können sie nur selten konkret sagen, was besser gemacht werden sollte. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Testleser ein Manuskript mit den Worten „ich weiß auch nicht, ich kam nicht so richtig rein“ zurückgibt und man ist so schlau wie vorher.

 

Ich plädiere für einen Mix aus beidem. Bei meinen Büchern mache ich es so, dass ich mir für diese Phase drei Testleser suche.
Warum drei?
Weil es eine ungerade Zahl ist. Wenn ich die Tester frage, ob sie das Buch kaufen würden, gibt mir das Ergebnis „zwei von drei würden es kaufen“ bessere Aussagekraft als wenn es fifty-fifty wäre.
Innerhalb dieser drei Testleser versuche ich, folgende Gruppen abzudecken:

 

  • einer ist Autor und erfahren im Bereich „Schreibhandwerk“
  • einer entspricht meiner Zielgruppe (dazu musst du natürlich wissen, für wen du dein Buch geschrieben hast – je genauer, desto besser) und kennt meine Bücher nur am Rande
  • ein „Fan“ oder eine Person, die sich sehr mit den bisherigen Werken identifiziert – bei einem Debüt würde ich hier tatsächlich ein Familienmitglied oder eine/n Bekannte/n nehmen

 

Fragebogen für Testleser

 

Ich für meinen Teil gebe meinen Testlesern gerne Fragen mit an die Hand, damit sie etwas haben, woran sie sich bei ihrem Fazit orientieren können. Dabei kommt es stark auf die Geschichte an, wonach ich frage. Ich veranschauliche das wieder an zwei meiner Romane:

 

Praxisbeispiel: Auf die Freundschaft!

 

Für meinen Debütroman brauchte ich viel Feedback aus den unterschiedlichsten Ecken. Ich gebe dir mal eine Auswahl der Fragen, die die insgesamt sechs Testleser beantwortet haben (sechs sind meiner Meinung nach für Phase 1 zu viel, drei reichen völlig. Aber das wusste ich damals ja noch nicht):

 

  • Welche Romane liest du normalerweise? (damit wollte ich herausfinden, ob die Personen überhaupt zur Zielgruppe gehören und inwieweit sie sich mit dem Genre auskennen)
  • Was erwartest du von der Geschichte? (bezogen auf den Klappentext)
    • Nach dem Lesen: Wurden deine Erwartungen (a) erfüllt, (b) enttäuscht, (c) übertroffen? (ggf. präzisieren)
  • Wie beurteilst du den Sprachstil? (entweder als Schulnote oder mit Auswahlmöglichkeiten; man kann auch direkt fragen: Wie flüssig ist der Sprachstil?)
  • Welche Schulnote würdest du der Idee der Geschichte geben?
  • Welche Schulnote würdest du der Umsetzung dieser Idee geben? (man liest ja häufig, dass die Idee gut war, nur die Umsetzung mangelhaft … so wollte ich mir das direkte Feedback zu meinem schriftstellerischen Handwerk geben lassen)
    • ggf. was an der Idee/Umsetzung besonders gut oder schlecht war
  • Kann man dem Geschichtsverlauf gut folgen?
  • „Ich hatte das Gefühl, die Hauptfigur gut kennenzulernen“ – trifft zu, trifft teilweise zu, trifft nicht zu << zeigt, ob die Figuren gut ausgearbeitet wurden
  • „Ich fand die Hauptfigur(en) authentisch“ –  trifft zu, trifft teilweise zu, trifft nicht zu
  • Auf einer Skala von 1 (grottig) bis 10 (genial!): Wie fandest du das Buch?
  • Optional: Mögliche Titel nennen, die zur Auswahl stehen oder fragen, ob der Titel zur Geschichte passt
  • Meinungen zum Cover einholen, falls man schon an einem gebastelt hat
  • Wie viel Geld würdest du für das [Taschenbuch]/[e-Book] ausgeben?
    • sehr interessante Frage 😉 Bei mir kam raus, dass die meisten es als Taschenbuch für 10 bis 20 Euro kaufen würden!

 

Interessant: „Schreibe eine Rezension“

 

Eine meiner „Aufgaben“ im Fragebogen an die Testleser hieß „schreibe eine Rezension und nimm kein Blatt vor den Mund“. Die Antworten auf diese Frage haben mir mehr geholfen als alle anderen Antworten zusammen.

 

Beispiele gefällig?

 

Ich vermisse den Kontakt von Claudia zu ihrem Sohn (dadurch wirkt sie ein bisschen herzlos)

 

Hier wurde zum ersten Mal auf die (alte) Situation eingegangen, dass Mike nicht mit nach Deutschland gezogen ist – das wurde in einer späteren Version geändert. Claudias Sohn zieht nun mit nach Deutschland (siehe „Entwurf überarbeiten (Teil 5), Beispiel 2).

 

Man könnte meinen, die vier Frauen hätten überhaupt keine anderen Freunde.

 

Auch das wurde später geändert und der Leser erfährt, dass jede der vier Frauen auch mit anderen Menschen Kontakt hat.

 

Mit sehr viel „Zufall“ und gelegentlich auch holprig und arg konstruiert geht es durch die ersten Kapitel des Kennenlernens. Die Zeiten sind nicht immer logisch nachvollziehbar.

 

Diese Aussage zeigte mir, dass ich mein Handwerk verbessern musste und irgendwas mit den Zeiten nicht stimmte. Auch das wurde geändert, bevor das Manuskript zur Lektorin ging.

 

 Auch der Sohn der Protagonistin findet nur eine einzige Erwähnung am Anfang. Weder zu Weihnachten noch beim Wiedersehen mit ihrem Noch-Ehemann scheint der ja gerade volljährige Sohn eine Rolle zu spielen.

 

Auch hier hat eine andere Leserin den Sohn vermisst – also eine ganz wichtige Anmerkung für mich als Autorin!

 

Mir erscheint es eher so, dass die Autorin möglichst viele ihrer Ideen in diesem einen Buch verwirklichen wollte und dies alles nicht richtig unter einen Buchdeckel passt.

 

Ich bin sehr froh, dass ich diese Dinge gelesen habe, bevor sie öffentlich als echte Rezension geschrieben wurden 😉 Die Leserin hatte recht! Ich hatte in der Ursprungsfassung noch allerlei andere Themen angerissen, aber nicht zu Ende gebracht oder nur oberflächlich behandelt. Wenn ich heute meine erste Version lese, gruselt es mich und es ist mir fast peinlich, dass ich sie überhaupt jemandem gezeigt habe.

 

Aber zum Glück gab es auch nette Rückmeldungen:

 

Absolut aus dem Leben gegriffen und sehr lesenwert. Man taucht sofort ein und möchte am liebsten, dass die Geschichte einfach endlos weiter erzählt wird. 

 

(Wenn dich das Buch interessiert, schnuppere doch mal rein)

 

 

Praxisbeispiel: Achtung: Braut!

 

Nachdem ich mit „Auf die Freundschaft!“ relativ erfolgreich den Schritt ins Schriftstellerleben getan hatte (was ich ohne diese ganzen Schritte wohl nicht geschafft hätte), wollte ich auch mein Manuskript von „Achtung: Braut!“ Testlesern geben, um erste Meinungen zu hören.

 

Dieses Mal hatte ich aber nicht die Zeit (und Lust, um ehrlich zu sein), einen so ausführlichen Fragebogen zu erstellen. Daher gab es nur diese Fragen an die Hand:

 

  • Wie authentisch handeln die Charaktere?
  • Wie findest du den Einstieg ins Buch?
  • Wie interessant findest du den Anfang für Nicht-Bräute? (= zwar immernoch gerade so in der Zielgruppe, aber tendenziell mit etwas weniger Verständnis für die Tücken der Hochzeitsplanung 😉 )
  • Wie schätzt du folgende Charaktere ein: [Aufzählung der Charaktere]

 

Die Antworten der drei Testleserinnen haben wir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg war. Auch hier gab es natürlich Verbesserungsvorschläge:

 

Frage: Wie interessant fändest du den Anfang für Nicht-Bräute?
Antwort: Ich denke, dass es für Nicht-Bräute (…) nicht nachvollziehbar und zu weit weggeholt wirkt und damit die Identifikation fehlt.

Wo finde ich denn nun meine Testleser?

 

Hier sind diejenigen im Vorteil, die sich häufig mit ihren Autorenkollegen austauschen. Ich habe meine Testleser über meine Netzwerke gefunden. Du kannst entweder in entsprechenden Foren, Facebook-Gruppen oder Portalen fragen, ein Thema bei Lovelybooks erstellen, andere Autoren fragen, ob sie jemanden kennen oder in deinen sozialen Netzwerken zur Mitarbeit aufrufen. Wenn du ganz unsicher bist, gib das Manuskript zuerst jemandem, der dir nahesteht und bei dem es dir nicht peinlich ist, ihr/ihm den Text zu geben (denn, seien wir ehrlich: Es fühlt sich an als würde man blankziehen, wenn man sein Manuskript jemandem zu lesen gibt!)

 

Ausschließlich Testleser?

 

Es gibt Autoren/Autorinnen, die auf ein Lektorat verzichten und ausschließlich Testleser einbeziehen. Inwieweit diese Methode wirklich das Beste aus dem Text holt, ist meiner Meinung nach fraglich, aber ich würde nicht behaupten, dass diese Methode nicht machbar ist. Es liegt an dir selbst: Willst du die beste Version deines Textes veröffentlichen? Dann suche dir jemanden, der dich wachsen lässt (mehr dazu beim Thema „Lektorat“ in Teil 7). Wenn es dir ausreicht, dass dein Text bei deiner Zielgruppe ganz gut ankommt, dann versuche es ohne (ich würde es aber nicht empfehlen).

 

Ich hoffe, dieser kleine Text konnte dir bei der Entscheidung helfen, Testleser einzusetzen oder nicht. Im nächsten Teil wenden wir uns dann dem Lektorat zu.