Wenn berühmte Menschen gefragt werden, wie sie ihren Stil entwickelt haben, erhält man die unterschiedlichsten Antworten. Die einen sagen, sie hätten nie einen Stil entwickelt, es habe sich einfach so ergeben; andere meinen, dass sie einfach sehr viel ausprobiert haben. Wieder andere erklären, dass sich ihr Stil immer wieder verändert habe. Es scheint also keine konkrete Anleitung dafür zu geben, wie man in einfachen Schritten zum eigenen Stil kommt oder den eigenen Stil verfeinert.

Die Helsinki-Haltestellen-Theorie

Der Fotograf Arno Minkkinen hat einen sehr schönen Ansatz dazu formuliert, den ich in eigenen Worten an dich weitergeben will. Ich wünschte, der Vergleich wäre mir selbst eingefallen, denn er ist sehr prägnant und einleuchtend. So funktioniert die Helsinki-Haltestellen-Theorie:

In einer Stadt – beispielsweise Helsinki – gibt es einen Busbahnhof, von dem viele verschiedene Linien abfahren. Manche fahren Richtung Süden, andere Richtung Norden. Ein paar Linien fahren anfangs die gleichen Haltestellen an, so drei, vier Kilometer lang, dann trennen sich die Wege und jeder fährt seinem Ziel entgegen.

 

Jeder Kilometer steht für die Jahre deiner Arbeit

 

Diese Bushaltestellen nehmen wir jetzt metaphorisch mal als Schreibstile oder Stilrichtungen, in die du dich entwickeln kannst. Stell dir vor, du beginnst zu schreiben. Einen Krimi. Du sammelst Erfahrungen, tauschst dich aus, wächst. Dein Bus fährt los und du bleibst zwei, drei Stationen ( = Jahre) lang in diesem Bus und bildest dich weiter. Du hast das Gefühl, langsam deinen Stil gefunden zu haben, bis du dann auf einen Lektor stößt. Er fragt dich, ob du schonmal was von Fitzek gelesen hast, das sei im Grunde der gleiche Stil.

Frustriert, dass du nicht wirklich etwas Eigenes entwickelt hast, sondern dich anscheinend von außen hast beeinflussen lassen, gehst du zurück zur Busstation und steigst in einen anderen Bus. Er heißt Romantic Crime. Anfangs fährst du in die gleiche Richtung wie vorher, dann biegt der Bus ab. Nach der zweiten Station (= nach zwei Jahren) steigt ein Lektor ein und du zeigst ihm deine Bücher. Er nickt und fragt dich, ob du ein Fan von Joy Fielding seist, die Stile seien sich ja sehr ähnlich.

Frustriert gehst du zurück zur Hauptstation.

So kann und wird es immer weitergehen: Du arbeitest hart an deinen Büchern und man vergleicht dich automatisch mit anderen, die diesen Weg bereits eingeschlagen haben. Auch du selbst vergleichst dich mit ihnen und manchmal fehlt dir eine Ahnung, wie du überhaupt zu deinem eigenen Stil kommen sollst.

Arnos Lösung:

 

Bleib in dem verdammten Bus sitzen.

 

Ja, die ersten Stationen werden von mehreren Bussen angefahren und man kann nicht gleich festmachen, welchen Stil es hier tatsächlich gibt und ob es DEIN Stil ist.
Aber irgendwann trennen sich die Wege.
Zunächst fahren vielleicht noch zehn Busse in die gleiche Richtung, irgendwann nur noch drei, dann zwei.
Und schließlich biegt der letzte Bus ab und du fährst ganz allein zu deinem Ziel, zu dem nur diese einzige Buslinie dich bringen wird.

 

„Mach dein Ding“ braucht Ausdauer

 

An jeder Ecke wird dir geraten, den Mut zu haben, ganz du selbst zu sein. Ich habe selbst ein Buch darüber geschrieben und ich stehe auch dazu. Aber: Die Wenigsten verraten dir, wie viel Durchhaltevermögen du brauchst. Wie viele Stunden es geben wird, in denen du verzweifelt bist, weil du das Gefühl hast, dich selbst zu verlieren. Zu verbiegen. Du darfst alles ausprobieren, was du ausprobieren willst, aber ziehe das, was du gerade testest, wenigstens für ein paar Wochen durch. Anders findest du kaum heraus, was sich wirklich nach DIR anfühlt.

 

Fremde Einflüsse meiden?

 

Ich gehöre zu den Leuten, die sich lange Zeit sehr von den inspirierenden Zitaten Dritter haben beeinflussen lassen. Zwar hinterfrage ich sehr häufig, ob ich diese oder jene Einstellung tatsächlich teile, aber mit den Monaten habe ich mich immer mehr von „Fremdzitaten“ ernährt, sodass mein Kopf für eigene Sprüche gar nicht frei genug war. Die Kreativität versickerte nach und nach und vermischte sich mit dem bunten Konfettiregen der anderen Meinungen.

Wie ist das bei dir?

Lässt du dich zu sehr von anderen inspirieren, sodass du keine eigenen Ideen mehr hast? Oder dient der Austausch mit anderen wirklich dem Anstoß zu deiner kreativen Arbeit? Das Gleiche kannst du dich für deinen Schreibstil fragen: Sitzt du noch in einem Bus, der Stationen anfährt, die auch andere anfahren? Kein Problem! Bleib einfach sitzen, übe weiter, mach dein Ding. Entferne dich irgendwann von dem, was du anderen vielleicht nachgemacht hast (das kann durchaus unbewusst passiert sein).

Die anderen werden es auch tun. Manche überholen dich, manche bleiben zurück. Mit ein paar Fahrgästen verstehst du dich gut und du bist traurig, wenn sie irgendwann aussteigen.

Du bleibst sitzen.

 

Muss ich immer nur einem Genre treu bleiben?

 

Das heißt nicht, dass du nie das Genre wechseln darfst. Wenn du dich in deinem Genre nicht mehr wohl fühlst, dann wechsle. Wenn du aber einen Stil entwickeln willst, der unverkennbar zu dir gehört, dann erreichst du es am besten, indem du alle Energie darauf verwendest, in einem Genre heimisch zu werden.

Das kann durchaus heißen, dass du zwei oder drei Jahre lang Romantik schreibst und dann feststellst, dass diese Geschichten nicht zu 100% mit Herzblut geschrieben sind. Sie sind zwar gut, aber nicht fantastisch.

Warum nicht?

Entweder fehlt dir noch die Erfahrung, weil du in den zwei, drei Jahren nur wenig geschrieben hast.
Vielleicht bist du auch jemand, der nicht oder nur schlecht über sich und seine Entwicklung reflektiert und sich nicht „reinreden“ lassen will (obwohl man sich durchaus mal die Meinung von Profis anhören kann).
Oder aber es ist einfach nicht dein Herzensgenre. Geschmäcker verändern sich auch mit der Zeit.

 

Reflektiere dich und dein Schreiben

 

Es gibt kein Patenrezept, wie du in X Schritten garantiert deinen eigenen Stil entwickelst. Aber es gibt Methoden, die dich deinem eigenen Stil näherbringen.

Reflektiere dich und deine Arbeit regelmäßig und hole dir auch Feedback von Dritten, ohne aber ihre Meinung in Stein zu meißeln.

Fühle in dich hinein: Kribbelt es in dir, wenn du deine Texte liest? Liebst du es, dich an dein Buch zu setzen und deinen Figuren Leben einzuhauchen? Was liest du selbst in deiner Freizeit am liebsten?

Übe weiter, probiere aus, traue dich auch mal, von Klischees abzuweichen und Regeln zu brechen. Und bleib in dem verdammten Bus sitzen.