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Pseudo-Liebe: Warum Frauen keine Liebe verdienen

Ich gehöre zu der Fraktion Menschen, die „Shades of Grey“ nichts abgewinnen kann. Da mir der Schreibstil zuwider war, habe ich es auch nicht bis zu Ende gelesen, aber weit genug, um den Kopf schütteln zu können. Was soll daran Liebe sein?

Den Impuls für diesen Beitrag habe ich von Nina Hasses Artikel bekommen, in dem sie sich darüber wundert, warum Romane, in denen Gewalt, Besitzanspruchsdenken, Ungleichgewicht in Beziehungen und groteske Vorstellungen von Liebe verharmlost werden, so unheimlich beliebt sind. Ich möchte an dieser Stelle einmal versuchen, den Reiz solcher Bücher aus Lesersicht zu erforschen und mein Bedenken klarzumachen.

 

Worum geht es?

Spätestens seit dem Erfolg von „Shades of Grey“ sind Romane (wieder?) „in“, in denen die Rollen klar verteilt sind: Die Frau (meistens die Protagonistin, aus deren Sicht erzählt wird), ist eher schüchtern, wirkt schwach, fällt nicht weiter auf und ist meistens ein ziemlich unerfahrenes, armes Ding, das vom Leben keine Ahnung hat. Häufig ist sie intelligent, studiert vielleicht, aber gerade im Liebesleben sieht es bei ihr düster aus: kaum Erfahrungen, und wenn, dann keineswegs gute.

Der Mann hingegen ist in den meisten Fällen das Gegenteil: Natürlich gutaussehend (meistens sogar so unvorstellbar gutaussehend, dass es einem schon den Atem verschlägt, wenn er nur den Raum betritt), möglichst auch reich bis sehr reich, erfolgreich im Leben, er hat eine „Ich nehme mir, was ich will“-Mentalität und seine Umwelt behandelt ihn mit einem Heidenrespekt.

Was ist daran schlecht?

Im Grunde erst einmal nichts. Wir Menschen sind immer fasziniert von Dingen (und Personen), die erfolgreicher sind als wir selbst und viele von uns träumen selbst davon, einmal reich und beliebt zu sein. Wenn eine der Romanfiguren diesen Traum dann verkörpert, fasziniert die Figur uns. Gehen wir hier doch mal in die Tiefe:

 

Warum sind so viele Frauen von Machos fasziniert?

 

Im wahren Leben wollen die meisten Frauen keinen Macho zu Hause haben, das hat sich auch mit dem Trend der Machobücher nicht geändert. Dennoch sind viele Frauen oberflächlich von Machos fasziniert: sie nehmen sich einfach, was sie wollen, und niemand nimmt es ihnen krumm.

Ohne zu soziologisch werden zu wollen: Das ist eine Sache, die „Frauen nicht machen“ (so jedenfalls noch immer das Kollektivdenken!).

Frauen stecken auch in unserer heutigen Gesellschaft meiner Meinung nach noch immer etwas mehr in Zwängen als Männer (Ausnahmen gibt es hier natürlich dennoch). Auch heute sind es oft noch die Frauen, die ihren Beruf für ihre Kinder dauerhaft zurückfahren, während die meisten Väter zwar mittlerweile Elternzeit nehmen, aber in der Regel gibt es hier kein Gleichgewicht (die meisten Mütter sind 12 von 14 möglichen Monaten zu Hause und der Vater 2 Monate; Quelle).

Ganz ehrlich: Wenn man als Frau seinen eigenen Weg gehen will, sich vielleicht sogar gegen Kinder und für Karriere entscheidet, sich bewusst nur auf schnelle Nummern einlässt und sich nimmt, was frau will, dann wirft es kein gutes Licht auf sie. Bestenfalls stempelt man sie als „schwierig“ oder zickig ab, schlimmstenfalls wird sie gemieden. Bei Männern heißt es bei gleichem Verhalten, er „stoße sich die Hörner ab“.

Alles Hormone und Sehnsucht nach Anerkennung?

Natürlich wollte ich wissen, warum Frauen denn aus wissenschaftlicher Sicht eher auf Machos stehen als auf die fürsorglichen Vätertypen. Eine mögliche Antwort: Evolutionär gesehen ist der lauteste Gorilla der beste Paarungspartner, und die meisten emotionalen, fürsorglichen Männer sind nicht diejenigen, die auf einer Party mit den meisten Frauen flirten.

Man könnte es also auf die Hormone schieben, aber das wäre sicherlich etwas einfach gedacht.

Ein weiterer Punkt, der genannt wird, ist die Sehnsucht nach Anerkennung. Hier kommen wir zu einem interessanten Punkt, der uns auch als Schriftsteller neugierig machen sollte, weil man dieses Hintergrundwissen gut in die Figurenentwicklung einfließen lassen kann.

Häufig stehen solche Frauen auf Machos, die sich in ihrem Leben nach Anerkennung und Wertschätzung sehnen.

Ein Paradoxon, denn gerade von den Machos gibt es in der Regel keine echte Anerkennung, aber: Sie spielen den Frauen zumindest am Anfang vor, dass sie etwas ganz Besonderes für ihn sind.

In vielen Romanen dieser Art ist es so, dass die Protagonistin die erste Frau ist, die wahre Gefühle in ihm auslöst. Bei ihr kann er sich zum ersten Mal „verlieben“ (viel von echter Liebe ist das aber nicht) oder verarbeitet irgendeine Verletzung aus der Vergangenheit durch ihre Zuneigung zu ihm. Das gibt der Frau das Gefühl, besonders zu sein, wichtig zu sein und etwas wert zu sein.

Leider ist das noch lange keine echte Liebe, weil, wie Nina es erwähnt, grundsätzliche Voraussetzungen für eine Beziehung auf Augenhöhe nicht erfüllt werden (echte Anerkennung, Respekt gegenüber der Grenzen des anderen, Rücksichtnahme, Treue/Loyalität, …).

Durch das tief verwurzelte Denken, „Ich habe keine Liebe verdient“ wird der unwürdige und respektlose Umgang mit der Protagonistin verziehen. (So meine These).

 

Wenn Liebe mit Anerkennung verwechselt wird

 

Was ist der Unterschied zwischen „Oh, ich brauche dich so sehr!“ und „Oh, ich liebe dich so sehr!“?

Jemanden zu brauchen, kann egoistisch sein. Wenn jemand mir sagt, dass er mich braucht, beklemmt mich das, weil ich nicht die Verantwortung für ihn übernehmen will (wir sprechen hier von zwei Erwachsenen, bei Eltern-Kind-Beziehungen ist das natürlich anders, weil es eine echte Abhängigkeit gibt).

Ein Mann, der einer Frau sagt, er brauche sie, fragt nicht danach, was für sie das Beste ist, sondern konzentriert sich auf sich selbst (gilt natürlich auch andersherum). Wenn man ehrlich wäre, müsste man sagen: „Ich brauche dich, weil du mir das Gefühl gibst, wichtig zu sein“ oder „… weil ich mich nur wertvoll finde, wenn du mich anhimmelst“.

Ich weiß aus meiner Arbeit, dass unheimlich vielen Frauen Selbstvertrauen fehlt. Ich hoffe sehr, dass sich das in der kommenden Generation ändern wird, habe aber meine Zweifel. Frauen, die sich selbst wenig zutrauen und nicht voller Liebe zu sich selbst sagen können: „Ich bin ein wirklich wertvoller, toller Mensch!“, sind sehr empfänglich für Macho-Gehabe und verlieren sich nur zu gern in dem Gedanken, dass ein Ritter auf dem weißen Pferd angeritten kommt, sie aus ihrem armen Leben befreit und von nun an dafür sorgt, dass es ihr gut geht.

Das hat allerdings wiederum nichts mit Liebe zu tun. Mein Mann (meine Frau) ist nicht dafür verantwortlich, dass ich ein schönes Leben habe, sondern ich selbst! (Natürlich in Absprache mit allen Beteiligten, denn die Grenzen des Gegenübers sollten immer gewahrt und respektiert werden.)

 

Abgabe der Verantwortung

Mir kam noch eine Idee, warum wir Frauen zu einem großen Teil gerne Romane lesen, in denen der Mann aktiv ist, Entscheidungen trifft und die Frau sich einfach nur zu fügen hat:

Die Emanzipation ist ja nicht spurlos an uns vorübergegangen. Es ist keine neue Information, dass sehr viele Frauen versuchen, alle Bälle in der Luft zu halten: Sie wollen Karriere machen und trotzdem „gut erzogene“ Kinder haben, den Haushalt schmeißen, top aussehen, sich gesund ernähren, vielleicht etwas Sport machen und natürlich in ihrer Freizeit ihren eigenen Interessen nachgehen (schreiben?), aber auch genug Qualitätszeit mit der Familie verbringen.

Es gibt genug Männer, die auf ähnlich vielen Hochzeiten tanzen, aber mir erscheint es subjektiv so, dass Frauen sich dabei sehr viel mehr unter Druck setzen, alles unbedingt erfolgreich machen zu müssen. Fehltritte und Rückschläge darf es nicht geben. Wenn der Haushalt unter der Berufstätigkeit leidet, macht sich frau oft Vorwürfe (ich bin da wohl eine Ausnahme :D)

Deshalb genießen es Frauen oft, einfach mal alle Verantwortung abgeben zu können. Sei es im Urlaub, wenn man jemand anderes auf die Kinder aufpasst, bei der Wahl des Restaurants oder eben auch beim Lesen. Sie identifizieren sich dann mit der Protagonistin, die sich um nichts kümmern muss und sehnen sich ein kleines bisschen danach, auch mal wieder in der Position sein zu können, einfach andere das Ruder übernehmen zu lassen.

 

Oder liegt es an der Zielgruppe?

Hier noch eine Idee, auf die mich mein Mann gebracht hat: Ich fragte ihn, warum wohl Romane mit starken Frauen als Protagonistinnen weniger erfolgreich seien als Romane mit schwachen Frauen und starken Männern.

Unsere Überlegung: Falls es so ist, dass die Leserinnen von „Pseudo-Liebesromanen“ eher zu den von Selbstzweifeln gepackten Frauen gehören und selbstbewusste Frauen diese Bücher meiden, könnte man die These aufstellen, dass selbstbewusste Frauen weniger Trivialliteratur lesen als Frauen mit weniger Selbstbewusstsein.

Möglicherweise ist das ein Wespennest, in das ich mich nun hineinbegebe, aber mich interessiert brennend, wie du darüber denkst!

Meine eigene Entwicklung als Beispiel

Ich komme auf die Idee, weil ich Rückschlüsse aus meiner eigenen Entwicklung ziehe. Vielleicht liege ich völlig daneben, aber vielleicht auch nicht: Als ich Anfang 20 war, glich mein Selbstbewusstsein einem Wackelpudding. Es brach zwar nicht völlig zusammen, wenn man mal dagegenschlug, aber es wackelte doch erheblich.

Das war auch die Zeit, in der ich gerne „Frauenromane“ gelesen habe, also Chicklit/seichte Unterhaltung. Mit und ohne Machos, wobei die Machos in den romantischen Komödien meistens eher eine Abreibung erhalten als dass sie glorifiziert werden. Aber ich war total verliebt in Edward, den Glitzervampir. Für mich waren die beiden der Inbegriff von Liebe (da war ich 17) und ich konnte überhaupt nicht nachvollziehen, warum Bella ihn nicht sofort an ihrem 18. Geburtstag heiraten wollte.
Wenn du Ninas Artikel liest, wirst du sehen, dass auch Edward seltsame Stalker-Mentalitäten hat, und ständig Bellas Grenzen überschreitet.
Ich habe das als junge Frau nicht so aufgenommen, sondern fand es „süß“, dass er sie nachts beobachtet hat. Diese Ansicht änderte sich erst mit den Jahren.

Je älter ich wurde und je mehr ich mich mit Psychologie, Selbstreflektion und Eigenliebe beschäftigte, desto stärker wurde mein Selbstbewusstsein. Zwar habe ich natürlich noch immer Phasen, in denen ich mich schwach fühle, aber ich behaupte mal, dass mich nichts so schnell aus der Bahn wirft.

Je mehr mein Selbstbewusstsein wächst, desto abscheulicher finde ich diese Romane, in denen Frauen nicht auf Augenhöhe behandelt werden.

Das heißt natürlich nicht, dass alle Frauen, die gerne „Frauenromane“ und Pseudo-Liebesromane lesen, kein Selbstbewusstsein haben. Es ist lediglich der Versuch einer Herleitung, warum wir Frauen einerseits seit Jahren für Gleichberechtigung streiten und andererseits auf einer Ebene, auf der völlig natürlich wäre, Gleichbereichtigung zu haben, uns selbst ins Aus schießen.

Warum ist das überhaupt wichtig?!

 

Okay, nun kann natürlich einer daherkommen und fragen: Was soll diese Diskussion? Trends hat es schon immer gegeben und wird es immer geben, und es waren auch viele Romane in den letzten Jahren erfolgreich, die starke Frauenfiguren hatten (Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“ zum Beispiel). Warum regt man sich jetzt also über eine Sparte der Liebesromane auf, die nicht repräsentativ für alle Leserinnen stehen kann?

Weil Literatur immer ein Spiegel der Gesellschaft ist. Ich beobachte die Branche noch nicht lange genug, dass ich beurteilen kann, ob es hier eine Trendwende in den letzten 25 oder 50 Jahren gegeben hat, also ob es ein neues Phänomen ist, dass eine eigentlich aufgeklärte Gesellschaft sich in Teilen weiterhin an eine altmodische, ungerechte Idee klammert.

Meine Befürchtungen: Falls meine These stimmt, dass Frauen, die sich geradezu verzehren nach Macho-Figuren und unterdrückten Protagonistinnen, nicht selbstbewusst sind, dann gibt es für uns sehr viel Arbeit, um die kommende Generation zu selbstbewussten und selbstbestimmten Menschen zu erziehen. Wenn die Ursache unter anderem darin liegt, dass viele Frauen Entspannung darin finden, sich virtuell (über das Lesen) unterdrücken zu lassen, dann muss etwas in unseren Köpfen geschehen!

 

Wie siehst du das?

Liest du selbst gerne solche Romane? Wenn ja, interessiert es mich sehr, warum! Liest du querbeet oder explizit in diese Richtung?

Was hältst du von meiner Selbstbewusstseinsthese? Alles Quatsch?

Diskutieren wir in den Kommentaren!

 

Annika Bühnemann hat eine Mission: kreative Frauen wie dich dabei zu unterstützen, endlich ihr eigenes Buch zu schreiben. Mehr noch: Sie hilft dir, durch Journaling zu der Person zu werden, die erreicht hat, was du dir wünschst. Annika ist multipassioniert, enthusiastisch und hochmotiviert, mit denjenigen zu arbeiten, die sich von ihr anstecken lassen. Auf dass du mit dem Kopf in den Wolken hängst und fest mit der Erde verwurzelt bleibst!

Comments

  • 9. Juni 2017

    Eine sehr spannende Diskussion. (-; Ich kann dir aus eigener Erfahrung zustimmen, dass das auch etwas mit Selbstwertgefühl zu tun hat. Sich gern unterzuordnen, hat wenig damit zu tun, in der eigenen Stärke zu sein, das geht einfach nicht zusammen. Es gab auch mal Zeiten, wo ich solche Geschichten gern gelesen bzw. gern in Filmen gesehen habe. Das geht heute nicht mehr. Man identifiziert sich ja als Leser dann mit der Rolle. Andererseits glaube ich, dass wir Frauen von Natur aus auch einfach gern einen „Beschützer“ haben, das wird sicher durch Emanzipation nicht zu ändern sein, sondern leigt einfach an der weiblichen Energie. Wir können unsere echte Weiblichkeit in der heutigen Gesellschaft kaum leben, aus den Umständen heraus die du ja auch beschreibst. Gewisse Anteile sehnen sich sicher danach, auch einfach mal durch einen Mann versorgt zu sein usw. vermute ich. Aber das schließt nicht einen wertschätzenden Umgang auf Augenhöhe aus.

  • 5. Juni 2017

    Vielleicht sind diese Romane ja nur ein Ausgleich. Ich sehe mir im Kino Filme an, in denen Gewalt passiert, „Herr der Ringe“ zum Beispiel. Bin ich deswegen ein gewalttätiger Mensch? Das alltäglich Leben wird immer gewaltärmer. In Film und Fernsehen tropft aber viel Blut. Ist das nun ein schlechtes Zeichen der Verderbtheit der Menschheit? Oder wird das Bedürfnis nach Gewalt auf nette Weise beim Popcorn befriedigt?
    Das Begehren nach fiesen Alphamännern und das unterordnende Zusammenleben mit diesem ist eine – von mehreren – evolutionär gewachsenen Partnerwahlstrategien. Die serielle Monogamie mit netten Familienpapas und die sexuelle Freizügigkeit sind andere evolutionär gewachsene Partnerwahlstrategien. Da wir nun in unserer Gesellschaft immer weniger unterdrückte, dafür aber immer mehr selbstbestimmte Frauen haben, wird diese erste Strategie – glücklicherweise – immer weniger angewendet. Wenn nun die für diese Art der Sexualität zuständigen Gehirnteile im stillen Kämmerlein oder im Kino gelegentlich mal ein bisschen gekitzelt werden, dann ist dies angenehm und nicht verwerflich.
    Zum Thema Liebesroman und Alphamännchen kann ich das Buch „Klick! Mich! An! Der grosse online-Sexreport“ empfehlen. In der ersten Hälfte werden die Pornos (Männerpornos) evolutionsbiologisch analysiert in der zweiten Hälfte die Liebesromane und erotischen Geschichten (Frauenpornos).
    https://www.randomhouse.de/ebook/Klick-Mich-An/Sai-Gaddam/Blanvalet-Hardcover/e393184.rhd

  • 5. Mai 2017
    Serina

    Liebe Annika,

    da hast du dir ein schwieriges und polarisierendes Thema gesucht, finde ich aber sehr gut. Auch deinen Artikel finde ich gut geschrieben. Von der ganzen Problematik, die an der Shades-Reihe hängt, mal abgesehen, ist das ja tatsächlich so ein Trend in letzter Zeit. Die Ursachen für solche Phänomene sind meistens breit gefächert, wie du ja schon richtig angeführt hast. Ich würde da gerne einen Punkt ergänzen:
    Die Kontrolle und die Verantwortung abzugeben, gibt es nicht nur bei Frauen. Dominas werden beispielsweise auch häufig aus diesem Grund besucht, gerade von Männern, die ganze Firmen leiten. Verstärkt seit 1900 (aber sicher auch schon davor!) gibt es ja keine einfachen Lösungen mehr und der (europäische) Mensch ist zunehmend vor die Entscheidung gestellt, dass er selbst wissen muss, was er mit seinem Leben anfängt, das kann für viele überfordernd sein und man sehnt sich ja (ich ab und zu gerne auch!) nach früheren Zeiten, wo alles irgendwie einfacher war. Auch die zunehmende „politische Korrektheit“ (und ich möchte betonen, dass ich da nicht gegen bin!) und die nach wie vor starke Moralisierung in der Gesellschaft verführt manche zu dem Gedanken, dass sie ein bestimmtes Bild von sich aufrecht halten müssen und das beim Fallenlassen eben diesem dann so „ungesunde“ Ausmaße annimmt.
    Ein letzter Punkt ist auch, dass ich beispielsweise mal gelesen habe, dass viele krasse Pornos schauen, aber gar nicht solchen Sex wollen, sondern einfach den Reiz und den Nervenkitzel und das Neue für die Fantasie suchen. Ich denke die Shades-Bücher fallen da in eine ähnliche Richtung, dass man auch das Neue, das „Verbotene“ sucht, auch wenn das leider dazu führt, dass ein extrem ungesundes Bild von zwischenmenschlichen Beziehungen entsteht :/

  • 5. Mai 2017
    Evy

    Wo fange ich nur an?

    1. Der Artikel ist durchdacht und differenziert. Es freut mich, dass er nicht zu polemisch ist.

    2. Ich habe mich nie in Anas Rolle gesehen, sondern die Geschichte als Ganzes betrachtet. Besonders bei den Rückblicken in Band 4 wird deutlich: Chris hat ein Problem. Und mir stellte sich die Frage, warum Ana das unterschätzt und merkt, dass sie das nicht leisten kann. Am Ende von Band 1 zweifelt sie, aber das wird vom SM überlagert. Ich sehe sie nicht nur in der Verantwortung für sich selbst, sondern auch für Chris. Diese Aspekt hast du angesprochen. Ich fand (und finde!) im Buch schön, wie leicht alles läuft. Das fand ich interessant.

    3. Ich kenne viele selbstbewusste Frauen, die Trivial-Literatur und wahrscheinlich auch Shades of Grey etc. Warum sollten sie nicht? Es ist manchmal schön, vom Alltag abzuschalten und nach 12 Stunden Arbeit etwas anderes zu lesen. Macht es einen Unterschied, ob wir uns in Fantasywelten träumen oder in eine Welt, in der Beziehung defintiv gut enden? Selbst eine gut funktionierende Beziehung führt manchmal zu kleinen Konflikten, die man lösen muss – und von denen darf man mal abschalten.

    4. Betrifft Perfektionismus nur Frauen (und das Bedürfnis, sich in solche Bücher zu flüchten)? Ich denke, auch Männer stehen unter Druck, aber sie nutzen andere Mittel.

    5. Ein Buch muss die Gesellschaft weder lenken noch widerspiegeln. Ein Buch wird geschrieben – manchmal für den Massengeschmack, manchmal aber nur, weil man sich nach etwas sehnt. Ich möchte in einem Buch nicht für alle sprechen wollen.

    6. Ich habe mit Büchern mit „emanzipierten“ Figuren meist Probleme. Weil sie nicht glaubwürdig sind. Eine Frau nimmt sich, was sie braucht – aber natürlich gibt es ein Happy End. Man darf auch als starke Frau mit Pauken, Trompeten und ein bisschen Liebenswürdigkeit scheitern – und liegenbleiben.

  • 5. Mai 2017
    Leipchen

    Hm… Begriffe wie Machogehabe und Dominanz, zumindest was 50 Shades… angeht, stelle ich nicht auf gleiche Stufe. Für mich persönlich hat das eine nicht zwingend etwas mit dem anderen zu tun. Oberflächlich betrachtet kann Dominanz von manchen vielleicht als Machogehabe aufgefasst werden. Aber ist es das auch für die Zielgruppe? Unterschwellig findet hier indirekt eine Art Abwertung statt, was mir persönlich widerstrebt.
    Wer gibt denn vor, welche Bedürfnisse ein anderer haben darf und warum? Wohl das Individuum „Leser“ selbst.
    Da zwingend gleich ein mangelndes Selbstwertgefühl hinein zu interpretieren, nein danke…
    Bei Dominanz zum Beispiel kann das Bedürfnis von Autorität und damit ein gefühltes Sicherheits- und Geborgenheitsgefühl dahinter stehen.
    Es gibt Menschen die fühlen sich wohl in einem fest zugewiesenen Rahmen mit festen Regeln agieren zu dürfen. Sie fühlen sich mit zu viel Wahl- und Freiheitsmöglichkeiten überfordert und regelrecht überrollt.

    Wir sprechen hier von fiktiver Literatur. Ja man wer träumt nicht gern, dafür schreiben wir doch? Um Träume für andere fühlbar werden zu lassen?
    Das zumindest ist mein Traum und mein Motiv, weshalb ich schreiben möchte.
    Aber auch um wachzurütteln, im Kontext Gefahren offenbaren.

    Sicher gibt es einige Leser denen es schwer fallen mag, in der Realität dann zu unterscheiden. Aber das reale Leben rüttelt meist an fiktiven Vorstellungen 🙂 und holt einen dann auf den Boden der Tatsachen zurück.

    Vielmehr sehe ich hier auch einfach nur Bedürfnisse nach Austritt aus dem Trivialen, das Träumen dürfen, das Kopfkino.
    Für viele ist es doch auch eine Art Vorspiel… sei es sexuell oder in der Liebesfindung, Persönlichkeitsfindung als solche. So entdeckt man beim Lesen doch auch irgendwie Motive und Ansätze, an die man noch gar nicht gedacht hat. Oder was man sich halt vorstellen kann und was man keinesfalls will…

  • 5. Mai 2017
    Leipchen

    Hm… Begriffe wie Machogehabe und Dominanz, zumindest was 50 Shades… angeht, stelle ich nicht auf gleiche Stufe. Für mich persönlich hat das eine nicht zwingend etwas mit dem anderen zu tun. Oberflächlich betrachtet kann Dominanz von manchen vielleicht als Machogehabe aufgefasst werden. Aber ist es das auch für die Zielgruppe? Unterschwellig findet hier indirekt eine Art Abwertung statt, was mir persönlich widerstrebt.
    Wer gibt denn vor, welche Bedürfnisse ein anderer haben darf und warum? Wohl das Individuum „Leser“ selbst.
    Da zwingend gleich ein mangelndes Selbstwertgefühl hinein zu interpretieren, nein danke…
    Bei Dominanz zum Beispiel kann das Bedürfnis von Autorität und damit ein Sicherheitsgefühl und Geborgenheitsgefühl dahinter stehen. Es gibt Menschen die fühlen sich wohl in einem fest zugewiesenem Rahmen agieren zu dürfen. Sie fühlen sich mit zu viel Wahl- und Freiheitmöglichkeiten überfordert und regelrecht überrollt.
    Wir sprechen hier von fiktiver Literatur. Ja man wer träumt nicht gern, dafür schreiben wir doch? Um Träume für andere fühlbar werden zu lassen? Das zumindest ist mein Traum und mein Motiv, weshalb ich schreiben möchte. Aber auch um wachzurütteln, im Kontext Gefahren offenbaren.

    Sicher gibt es einige Leser denen es schwer fallen mag, in der Realität dann zu unterscheiden. Aber das reale Leben rüttelt meist an fiktiven Vorstellungen 🙂 und holt einen dann auf den Boden der Tatsachen zurück.

    Vielmehr sehe ich hier auch einfach nur Bedürfnisse nach Austritt aus dem Trivialen, das Träumen dürfen, das Kopfkino.
    Für viele ist es doch auch eine Art Vorspiel… sei es sexuell oder in der Liebesfindung, Persönlichkeitsfindung als solche. So entdeckt man beim Lesen doch auch irgendwie Motive und Ansätze, an die man noch gar nicht gedacht hat. Oder was man sich halt vorstellen kann und was man keinesfalls will…

  • 5. Mai 2017
    Iva

    Hallo Annika, ich verfolge Deinen Blog schon seit einiger Zeit und heute möchte ich doch auch mal einen Kommentar hierlassen.
    Ich bin ganz bei Dir, mit Deinen Einschätzungen zu fehlendem Selbstbewusstsein und veraltetem Rollenverständnis. Mir kam aber gerade noch ein anderer Gedanke: Vielleicht sind es gerade die starken, selbstbewussten Frauen, die diese Pseudo-Liebesromane lesen (um es klar zu stellen, ich bin kein Fan von Shades of Welcher-Farbe-auch-immer und mag starke, taffe Protagonisten/innen, die wissen wo sie stehen und wer sie sind!). Möglicherweise sind solche Leserinnen aber abends müde von ihrem Superheldinnen-Dasein und ihrem Perfektionismuswahn als erfolgreiche Führungskraft, Mutter, Ehefrau, Putzfrau, Köchin und sehnen sich nach einem Ausgleich. Es gibt auch sehr viele männliche Top-Manager erfolgreicher Unternehmen, die nach Dienstschluss gerne mal zu einer Domina gehen, weil sie den Machtausgleich brauchen. Ob das gesund oder richtig ist, darüber steht mir kein Urteil zu. Ich persönlich kenne mehrere Beispiele, in denen der Mann einen hohen Führungsposten hat und sehr erfolgreich in seinem Job ist, aber zu Hause hat die Frau die Hosen an und er lässt sich hier gerne einfach von ihr „leiten“. Ich bin mir auch sehr sicher, dass die Pärchen (zumindest, die ich kenne) durchaus einer sehr liebevolle Beziehung haben. Auf jeden Fall eine sehr interessante Diskussion…

  • 5. Mai 2017

    Liebe Annika,
    Danke für diesen Artikel. Auch ich habe den Post von Nina Hasse gelesen und war entsetzt über das Frauenbild in Pseudo-Liebesromanen.
    Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einfachen Lösungen für unsere komplexe Alltagswelt. Je mehr Informationen und Anforderungen täglich auf mich einprasseln, desto mehr muss ich mich abgrenzen: gegen zu viele (überflüssige oder weniger relevante) Informationen, gegen übergestülpte Erwartungen … ich muss meine eigenen Prioritäten setzen – und das kostet Kraft und Mut. Alternativ könnte ich durch die Lektüre o.g. Romane davor flüchten. Und dann greife ich ganz bewusst zu dieser Art, weil ich genau weiß, was mich erwartet. Berechen- und vorhersehbar.
    Was mich als Autorin aber verwundert ist folgendes:
    In meinem letzten Seminar mit Horst Eckert habe ich gelernt, dass uns die Figur sympathisch ist, die aktiv wird, die handelt. So finden wir auch den Bösewicht sympathisch, wenn er aktiv ist. Aber das soll die Protagonistin doch auch sein! Aktiv! Und überraschend! Ich möchte eine starke Protagonistin sehen, die mir Mut macht, meinen Alltag ebenfalls aktiv zu gestalten. Aber ich gehöre wohl auch nicht zur Zielgruppe 😉
    LG, Barbara Steuten

  • 5. Mai 2017
    Wolfgang

    Ich bin kein Literaturkenner, mein Eindruck ist aber das sich im Moment wieder ein Wandel vollzieht. Die tausendste „Dystopie“ in der ein Held die Fürstentochter und die Welt rettet, unterwürfige Sexfantasien etc. Oft von Frauen geschrieben. Sich schwach zu fühlen ist ja ok, darüber zu reden auch, aber das ist mir alles zu retro und unterwürfig. Ich kann mir nur ein faschistisches Arschloch vorstellen das sich zu solchen Frauen hingezogen fühlt. Als Kerl darf ich das sagen 😉

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