So wird dein Antagonist noch viel furchteinflößender

15. Juni 2018

Sind Antagonisten immer böse Menschen? Nein, natürlich nicht! Sie sind noch nicht einmal jedes Mal Menschen. Wie du dennoch deinen Antagonisten schön furchteinflößend machen kannst (oder ihm andere Attribute gibst), erfährst du in diesem Artikel.

Antagonisten sind nicht immer böse

 

Ich habe bereits in diesem Artikel darüber geschrieben, ob ein Antagonist (also der Gegenspieler des Helden) immer böse sein muss. Das muss er nicht. Ein Antagonist stellt erst einmal nur das größtmögliche Hindernis dar, das der Held überwinden muss – häufig durch einen Menschen verkörpert, aber auch die Natur, ein System oder ein abstraktes Gefühl kann unter Umständen zum Antagonisten werden.Ich habe in meinem Schreibkurs eine ganze Lektion diesem Thema gewidmet.

Aber gerade die Spannungsliteratur lebt von Antagonisten, die skrupellos und unberechenbar sind. Mit dem Prinzip von “Show, don’t tell” kann es dir gelingen, den Leser Gänsehaut spüren zu lassen.

 

Warum “Show, don’t tell” so wunderbar ist

 

“Zeigen, nicht erzählen” bedeutet, dass du nicht nur behauptest, dass etwas so ist, sondern dass du es in Hand einer Szene zeigst. Aber warum funktioniert dieses Stilmittel so gut in Romanen?

“Show, don’t tell” ist authentisch, weil es nicht behauptet, sondern beweist.

Statt nur zu behaupten, dass der Gegenspieler des Helden ein skrupelloser, gefühlskalter und gefährlicher Typ ist, beweist du es mit einer entsprechenden Szene und das ist dann glaubhaft. So verleihst du deiner Figur Dreidimensionalität und Lebendigkeit, sie wird greifbar und dein Leser wird in das Geschehen hineingezogen. Ein guter Roman besteht zum Großteil aus “Show” und an den richtigen Stellen aus “Tell”, um die notwendigen Informationen zu liefern.

Aber genug zur Theorie. Wie kannst du deinen Antagonisten glaubhaft böse oder furchteinflößend darstellen? Ich möchte als Beispiel auf ein Buch von Ethan Cross zurückgreifen (und versuche dabei, nicht zu spoilern).

 

Der “Gladiator” in “Ich bin der Hass“* von Ethan Cross

 

Kurz zum Kontext der Szene, die ich als Beispiel nutzen will: Die beiden Hauptfiguren müssen das Versteck des Antagonisten ausfindig machen und ihn ausschalten. Wir als Leser bekommen durch wechselnde Perspektiven auch Einblicke in Geschehnisse, die die Helden nicht kennen. In der Beispielszene sind wir FBI-Agent Jerrell Fuller, ein Gefangener des Antagonisten, durch dessen Augen wir blicken.

Wir sind in einer Art geheimen Arena, der Diamantkammer. Dort werden illegale Kämpfe ausgetragen, die live ins Darknet übertragen werden. Es gibt also Menschen, die Geld dafür bezahlen, um sich anzusehen, wie sich zwei Leute bis auf den Tod bekämpfen.

Der Autor nutzt nun eine komplette Szene, um dem Leser zu zeigen, wie überlegen der Antagonist den Helden sein wird. Es geht nichts über einen Antagonisten, der dem Helden mehrere Schritte voraus ist und unbesiegbar erscheint.

Die Szene beginnt, indem Agent Fuller aus seinem Verließ in die so genannte Diamantkammer gebracht wird. Er sieht, dass dort der Gladiator ist. Dieser trägt eine Totenkopfmaske, wie immer. Der Gladiator bringt ihm einen kleinen Holztisch mit Essen und Trinken und einer Waschschüssel, nimmt ihm die Fesseln ab und setzt sich auf eine Yogamatte in die Lotusstellung. Dann erklärt er, dass sich Agent Fuller auf den Kampf vorbereiten soll: Er kann essen und trinken und sich waschen. Dann soll er den ersten Angriff machen und der Kampf auf Leben und Tod beginnt. Außerhalb der Arena sind übrigens bösartige Hunde, die Agent Fuller töten, wenn er die Arena verlässt. Sie sind zudem darauf trainiert, den Verlierer des Kampfes aufzufressen, auch wenn es der Gladiator sein sollte.

Agent Fuller macht sich also hundert Gedanken, wie er sich aus seiner Situation retten kann, während der Gladiator nur dasitzt und meditiert. Irgendwann greift der Agent an. Mehr will ich dazu jetzt nicht sagen.

 

Natürlich klingt es nicht besonders spannend, wenn man es nacherzählt, aber lass mich kurz zeigen, was den Gladiator spannend macht:

Er reicht seinem Gegner Essen und Trinken.

Der Gegner ist von der vorigen Gefangenschaft möglicherweise geschwächt. Indem der Gladiator ihm Speis und Trank zur Verfügung stellt, hilft er, die Chancen seines Gegners zu erhöhen. Wenn der Gegner seinem Feind hilft, besser zu werden, muss er sehr von seinem Sieg überzeugt sein.

Er setzt sich hin und meditiert mit geschlossenen Augen.

Der Gladiator zeigt sich total verletzlich. Er tut alles, um die Chancen des Gegners zu erhöhen. Seine innere Unerschüttertheit gepaart mit absoluter Ruhe, obwohl er vor einem lebensbedrohlichen Kampf steht, macht seinen Gegner nervös. Oder anders gesagt: “Mann, der hat Nerven, hier so rumzusitzen!” – Und das erzeugt Spannung. Der Leser fragt sich automatisch, wie er so ruhig bleiben kann.

Er überlässt Agent Fuller den ersten Angriff

Es bleibt nicht bei der verletzlichen Geste, sondern der Gladiator legt noch einen drauf: Sein Gegner darf den ersten Zug machen und sich so einen Vorteil ihm gegenüber sichern. Er muss also – aus Lesersicht – völlig verrückt sein, oder aber so von seinem Sieg überzeugt, dass es nichts gibt, was ihn daran zweifeln lässt.

 

Kreiere eine Szene, die die Skrupellosigkeit zeigt

 

Noch etwas spannender wird es, wenn du die zitierte Szene im Ganzen liest, weil der Kampf sehr interessant ist (der Autor kann gut Kampfszenen schreiben!), aber ich habe es weggelassen, um nicht zu spoilern. In dieser Kampfszene wird noch einmal deutlich, wie gefährlich der Gladiator für seine Feinde (unsere Helden) ist. Der Autor zeigt also allein durch die Handlung der Figur, wie stark dieser Gegner ist.

Du kannst dir dieses Vorgehen auch für deinen Roman überlegen.

Wer ist der Antagonist? Wenn es ein Mensch ist, was sind seine furchteinflößenden Merkmale?
Wie kannst du diese Merkmale noch etwas überspitzen und damit eine Szene erschaffen, die genau dies zeigt?

 

Weitere Top-Antagonisten

 

Spannende Antagonisten bleiben dem Leser im Kopf. Sie sind skrupellos und gehen über Leichen ohne schlechtes Gewissen. Sie müssen nicht zwangläufig selbst gewalttätig werden, sehen aber Gewalt in der Regel als notwendig an.

Hier ein paar Antagonisten, die im Kopf geblieben sind – wenn du die Filme und Bücher kennst, fällt dir normalerweise sofort eine Schlüsselszene ein, die diese Figur in ihrer Abscheulichkeit zeigt:

Der Joker aus Batman

Hannibal Lecter

Darth Vader

Captain Hook (von Peter Pan)

Scar (König der Löwen)

Lord Voldemort

 

Welcher Antagonist ist dir im Kopf geblieben und welche Szene verbindest du mit ihm?

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Wie immer ein toller Tip! Danke Annika. Ich werde etwas in dieser Art gleich in meiner Szene, in der mein Antagonist erstmals auftaucht, einbauen! Liebe Grüsse

Liebe Annika!
Deine Artikel regen mich immer wieder an, über die Konzeption meiner Bücher nachzudenken. Das finde ich toll. Auch hier wieder.
Danke schön!

Sehr interessanter Artikel. Ich werde bei einigen der Storys, an denen ich aktuell arbeite, darauf zurückgreifen.

Ein Antagonist ist mir besonders in Erinnerung geblieben und ich finde, dass dieser alle anderen übertrifft, die ich kenne: Malefor, auch bekannt als der Dunkle Meister aus “The Legend of Spyro: Dawn of the Dragon”. Die Schlüsselszene, in der er sein wahres Ich zeigt, dürfte die sein, in der er als eine Art magisches Hologramm in der Drachenstadt auftaucht und allen sagt, dass er den Zerstörer entfesselt hat, der ihre Welt vernichten wird.
Wobei es in der englischen Originalfassung wesentlich besser rüberkommt, als in der deutschen Synchronfassung des Spiels …

Schön geschriebener Artikel!

Als Fünfjähriger hat mich schon eine Antagonistenhandlung in der Serie “Urmel aus dem Eis” beeindruckt, wie der König von Pumpolonien auf das Urmel schießt. Zwar trifft er nicht, aber das Urmel rennt in eine tiefe Höhle und sieht dort eine Riesenkrabbe.

Eine weitere Schlüsselszene eines Hauptantagonisten, auch noch aus meiner Kindheit: Wie Santer Winnetous Vater und Schwester erschießt.

Liebe Grüße Norbert

Den Joker fand ich auch sehr skrupellos. Als ich den Film gesehen hatte, war ich noch ziemlich jung und total geschockt von dieser Kombination aus Brutalität und Clownsmaske. Danke für deine Tipps!

Sehr spannende Einsicht, mir fällt das Show immer etwas schwerer als das Tell zumindest immer am Anfang der Romane, bei Antagonisten eher weniger. Allerdings muss ich ein klein wenig nörgeln, denn ob Darth Vader “der” Antagonist ist will ich bezweifeln er ist vielleicht einer, aber night der eine. Ebenso bei Hannibal Lecter, gerade im ersten Teil ist er definitiv eine der Hauptpersonen und kein Antagonist. Ich glaube ich würde mich über einen Artikel zu genau diesem Thema freuen, über das “Verstecken” von Antagonisten und das Spiel mit dem evtl. Antagonisten, der dann doch wieder keiner ist, aber vielleicht doch…. Das finde ich immer spannend, aber mir möchte es nicht recht gelingen es umzusetzen! Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag!

[…] Annika Bühnemann: So wird dein Antagonist noch viel furchteinflößender […]

Hallo Annika,

ich bin gerade erst dazu gekommen, den Artikel zu lesen, dabei fiel mir auf, das ich die, von Dir beschriebene Szene, aus anderen Gründen als Beweis für die Bosheit des Gladiators ansehe.

Jemanden vor einem Kampf etwas zu essen zu geben, ist nicht nett. Essen macht müde, träge und Treffer in der Magengegend sind doppelt schlimm. Für mich weist das auf die Niedertracht des Gladiators hin.

Während einer Meditation sitzt man nicht einfach herum 😉 Es kann sogar ein Moment gesteigerter Aufmerksamkeit sein. Ich fasse die Szene so auf, das der Gladiator sich durch die Meditation wie eine Sprungfeder aufzieht, die losschnellt, sobald Fuller angreift.

Viele Grüße
Martin

Sehr hilfreich. Danke

GEDANKEN ÄUSSERN


Moin, ich bin Annika. Ich helfe dir, deinen besten Roman zu schreiben und ihn dann so zu veröffentlichen, wie du es dir vorstellst, ob mit oder ohne Verlag.

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