Häufig lese ich Beiträge, denke mir meinen Teil und fahre mit meinem Leben fort. Heute habe ich mal das Bedürfnis, einen Kommentar zu schreiben, der sich in erster Linie an Autoren richtet.

Heute Morgen habe ich gesehen, dass mein lieber Kollege Axel Hollmann einen Artikel des Literaturcafés geteilt hat, in dem der Literaturcafé-Textkritiker Malte Bremer die Shortlist des Kindle Storyteller Awards unter die Lupe nimmt.

Das ist an sich nicht weiter erwähnenswert, aber auf Facebook und auch in den Kommentaren des Literaturcafés geht es hoch her. Self Publisher fühlen sich diffamiert, angegriffen und feuern mit Anschuldigungen zurück, die von „der sehnt sich doch nur nach Anerkennung“ über „alles Neid!“ bis hin zu „peinlich!“ alle möglichen Beurteilungen in sich hatten.

Wie war das mit den drei Ebenen?

Erinnerst du dich noch meinen letzten Artikel über Mindfuck? Dort bin ich eingangs auf das Transaktionsmodell eingegangen, das, grob gesagt, die Theorie vertritt, jedem Menschen wohnten drei Ebenen inne: die kindliche, die elterliche und die erwachsene.

Ableitend aus dem Buch „Mindfuck“ mit den Erfahrungen von Dr. Petra Bock hat sich dann der Rat ergeben, dass man ein viel sorgenfreieres, glücklicheres Leben hat, wenn man die kindliche und elterliche Ebene verlässt und sich so oft es geht in der Erwachsenen-Ebene aufhält.

Keine Frage: Herr Bremer hat seinen Text nicht auf Grundlage der Erwachsenen-Ebene geschrieben, sondern aus „Eltern-Sicht“. Ich meine, der gute Mann wird in zwei Jahren 70 Jahre alt, er kommt aus einer völlig anderen Generation als ich und ich kann ihm nichtmal verübeln, dass er so rumstänkert. Vielleicht ist das ein Charakterzug, der Grundvoraussetzung für Literaturkritiker ist 😉 Aber müssen wir Leser (oder Self Publisher) deshalb die Kind-Ebene einnehmen?

Ich denke nicht.

Lasst uns doch auf der Erwachsenen-Ebene bleiben und das ganze im Vollbesitz unseres Bewusstseins betrachten, ohne Rücksicht darauf, welche Ebene uns (unbewusst!) aufgezwungen werden soll. Statt trotzig zu werden („der soll es mal besser machen!“, „der hat selbst X Rechtschreibfehler drin!“, „ich wette, er kann selbst nicht schreiben“, …), akzeptieren wir erstmal, dass der gute Mann sich in einer anderen Ebene befindet als wir, es vielleicht gar nicht so gemein meint wie es rüberkommt und schauen wir uns doch mal an, was er hinter der Gemeinheit zu sagen hat.

So klingt der Artikel auf Erwachsenen-Ebene

Herr Bremer nimmt die fünf Finalisten des Amazon-Awards anhand des „Blicks ins Buch“ auseinander. Dabei fallen ihm einige Dinge auf:

Zunächst bemerkt er, dass dieses Buch, wie viele SP-Romane und Romane von Schreibanfängern, aber natürlich auch einige Verlagsromane, mit einem Prolog beginnt. Ich stimme mit Stephan Waldscheidt überein, dass ein Prolog kritisch zu sehen ist – obwohl ich selbst in zwei meiner Romane Prologe verwendet habe. Die Frage ist also immer: MUSS ein Prolog sein und wenn ja, warum? Was macht es notwendig, dass man nicht gleich in die Geschichte starten kann? Dazu passt auch der Satz von Herrn Bremer:

… anschließend werden dem Leser die Lebensumstände einer Karla aufgezwungen … als ob ein Leser überfordert wäre damit, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen aus den Handlungen und Verhaltensweisen dieser Karla.

Dieses Phänomen lese ich selbst oft. Ihr kennt ja vielleicht die Begriffe „Infodump“ und „Show, don’t tell“. Gerade Liebesromane (damit meine ich Verlagsbücher und SP-Bücher) neigen dazu, sehr viele Gedanken und Gefühle (Körperreaktionen) zu beschreiben, dem Leser wird sehr wenig Freiraum zur eigenen Spekulation gelassen. Das ist in diesem Genre so, das ist von meiner Seite aus nichtmal eine Kritik! Im Gegenteil, ich glaube sogar, es muss so sein, da sich sehr viele Leser/innen gar nicht die Mühe machen wollen, sich mit dem Text auseinanderzusetzen, um ihn zu interpretieren, wie man es z.B. in der Schule macht.

Kurz gesagt: Herr Bremer mag recht haben, dass ein Prolog im Normalfall nicht unbedingt notwendig ist und der Stil muss ihm ja auch nicht gefallen. Ob es trivial ist, ist eigentlich nicht die Frage, schließlich geht es beim Award nicht um den Literaturpreis, sondern vielmehr um den Unterhaltungsfaktor.

Die technischen Feinheiten, die er bemängelt, können entweder Handwerksfehler sein (erfahre hier, was die häufigsten Fehler beim Setzen von E-Books sind), oder es sind Softwarefehler.

Interessant finde ich persönlich aber durchaus seine Lektoratsanmerkungen. Liebe Autoren (von Verlagen oder Selbstverleger ist egal): Nehmt euch diese Tipps zu Herzen! Ehrlich gesagt finde ich sie sehr hilfreich, wenn man den überheblichen Tonfall wegfallen lässt:

  • Pleonasmen vermeiden (sein Beispiel: „Rote Glut“, bekannter: weißer Schimmel, dunkle Nacht, nasse Tränen, …)
  • Kreative Vergleiche überlegen statt der abgegriffenen Allerweltsbilder
  • Die Aktiv/Passiv-Falle umgehen (im Beispiel: „Ich warf meinen Rucksack“ statt „ich lasse meinen Rucksack geräuschvoll fallen“)
  • Wörter und Satzbau auf Kitsch überprüfen und ändern, falls gewünscht
  • Adjektive durch starke Substantive oder Verben ersetzen, wenn möglich (Andreas Eschbach erklärt gut, was damit gemeint ist)

 

Bemängelt werden vor allem Basics

Fazit, nachdem ich die Kritik von Herrn Bremer gelesen habe: Er hat sich zwar sehr im Ton vergriffen, aber wenn man diese ganzen „weichen Faktoren“ mal weglässt, dann muss ich sagen, dass er viele gute Anmerkungen hat. Das Handwerkliche lasse ich mal außen vor, da ich nicht beurteilen kann, ob hier die Autoren geschludert haben oder ob es an der Software liegt. Mit seiner Kritik an der Sprache hat er aber durchaus recht, was zugleich bedeutet, dass meine eigenen Texte seiner Kritik ebenfalls nicht standhalten würden.
Natürlich wäre ich auch betroffen, wenn meine eigenen Bücher öffentlich so zerfetzt werden, aber das spornt mich gleichzeitig an, beim nächsten Buch noch besser auf meine Sprache zu achten.

Übrigens stimme ich ihm nicht in allen Punkten zu. Ein Liebesroman ist beispielsweise oft deshalb so beliebt, WEIL er etwas kitschig und rosarot ist. Die Leser/innen WOLLEN, dass ein „Flügelschlag eines Schmetterlings alle Anstrengungen zunichte“ machen kann, dass ein Brief die ganze Welt verändern kann und so weiter.

 

Was lernen wir daraus?

 

Hier meine Learnings des heutigen Tages, nachdem ich mich mit Herrn Bremer, seiner Kritik und den Reaktionen beschäftigt habe:

  1. Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus
  2. Auf der Erwachsenen-Ebene kann man sogar aus beleidigenden/angreifenden Texten noch etwas Positives ziehen
  3. Ich habe Lust, mich wieder mehr mit Textarbeit und Satzbau auseinanderzusetzen und die obigen Tipps zu beherzigen (keine Doppelungen, etc.)
  4. Die bemängelten „Fehler“ sind sowohl bei Verlags- als auch bei SP-Autoren zu finden
  5. Die Sicht aus der Erwachsenen-Ebene macht viel mehr Spaß und verdirbt die Laune nicht
  6. Viele neue Impulse für Schreibtippsartikel auf diesem Blog, falls Interesse besteht

 

Also, meine Lieben: Ärgert euch nicht, weil jemand meint, euch angreifen zu müssen. Steht über den Dingen, filtert das Konstruktive an dieser Kritik heraus und arbeitet damit. Wir alle wollen doch, dass unsere Texte besser werden, und ich bin dankbar, mal wieder auf diese Basics hingewiesen zu werden.

Alles andere raubt euch die gute Laune und das wollt ihr doch bestimmt nicht 🙂

sekt_wein_vomschreibenleben

Genießt den schönen Spätsommerabend (oder -tag), trinkt einen Wein oder ein Glas Bier auf euch und nehmt euch, genau wie ich, vor, in Zukunft noch mehr an euren Texten zu arbeiten. Das gilt für Verlagsautoren wie für SP-Autoren und ich spreche mich selbst dabei zuerst an.

Prost!