Nicht nur bei seinem ersten Roman, auch in den Folgeromanen stellt sich immer wieder die Frage: Welche Perspektive nehme ich für diese Geschichte? Früher habe ich mir weniger Gedanken gemacht, weil ich einfach immer in der Ich-Perspektive geschrieben habe, aber diese Art der Erzählung passt nicht auf alle Romane. Wie wählt man also die richtige Perspektive?

(Dieser Artikel ist eigentlich eine Lektion aus meinem Onlinekurs „Mach dein Buch zu einem WOW“. Anmeldung nur noch heute!)

Der Autor als multiple Persönlichkeit

Als Autoren haben wir beim Schreiben mehrere Persönlichkeiten, die wir gleichzeitig abdecken müssen:

Der Autor
Das bist du, der das Buch schreibt. Du kümmerst dich um den besten Aufbau, spannende Szenen, einen guten Stil und die große Geschichte, die allem zugrunde liegt.

Der Erzähler
Manchmal deckt sich der Erzähler mit der Hauptfigur, manchmal auch nicht. Der Erzähler erzählt die Geschichte (ach, nein!) und führt durch die Irrungen und Wirrungen. An ihn klammert sich der Leser. Merke: Der Erzähler ist nicht der Autor! (Wie du vielleicht schon aus der Schule weißt, als du Interpretationen von Gedichten und Büchern ausarbeiten solltest …)

Die Figur, durch dessen Augen wir blicken
Das kann der Erzähler sein, muss es aber nicht. Es ist die Figur, die wir ein Stück des Weges begleiten, entweder durch die ganze Geschichte oder durch ein Kapitel. Durch ihre Augen wird dieser Teil der Geschichte erzählt. Das kann die Hauptfigur sein, muss es aber nicht.

Hauptfigur
Die Hauptfigur(en) des Romans ist oft auch die Figur, durch dessen Augen die Geschichte erzählt wird, aber das muss nicht so sein.

 

Übersicht über Erzählperspektiven

 

Bevor wir ans Eingemachte gehen, hier zunächst eine Übersicht über die Erzählperspektiven, die am häufigsten verwendet werden:

 

Ich-Erzähler

Die Figur oder ein Erzähler berichtet die Geschichte aus eigener Sicht, so, als würde sie sie tatsächlich gerade erleben.

Beispiel:

Ich hielt meine Hand an den Bauch gepresst und wankte. Die Welt flimmerte vor meinen Augen und durch die weißen, tanzenden Punkte sah ich ihn auf mich zukommen. Panik schnürte mir den Hals zu.
„Bitte“, krächzte ich, noch immer auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit. „Bitte lassen Sie mich in Ruhe.“


Vorteile der Ich-Perspektive

  • Man sitzt direkt im Kopf einer Figur und kann sich am ehesten in sie hineinfühlen (Empathie, Nachvollziehbarkeit)
  • Die Identifikation ist hier am größten
  • Man weiß immer nur so viel wie der Ich-Erzähler, was Spannung erzeugen kann
  • Es ist für die meisten Autoren am einfachsten zu schreiben (mich eingeschlossen! 😉 )


Nachteile der Ich-Perspektive

  • sehr limitierte Erzählweise: Da eine Person nur sagen kann, was sie erlebt und denkt, entgehen ihr zum Teil wichtige Informationen und dem Leser ebenso
  • Man will sich vielleicht nicht in jedem Roman mit einer Figur so sehr identifizieren (beispielsweise wenn ein Thriller aus der Ich-Perspektive des Psychopathen erzählt wird; das ist nicht jedermanns Sache.)
  • Es ist unüblich, die Perspektive zu wechseln, wenn man einen Ich-Roman hat (fehlende Glaubwürdigkeit)

 

Dritte Person (Personaler Erzähler)

Dies ist die am häufigsten verwendete Form des Erzählens in der heutigen Literatur (die großen Klassiker verwenden meistens eher den auktorialen Erzähler, siehe unten). Hierbei schauen wir als Leser einer Figur über die Schulter und auch manchmal in den Kopf, haben aber stets die Möglichkeit, das Blickfeld etwas zu erweitern. Die Harry-Potter-Bände sind in dieser Perspektive geschrieben (allerdings gibt es Perspektivwechsel zum besseren Verständnis der Backstory; außerdem beginnt die Serie auktorial).

Beispiel

Sie hielt ihre Hand an den Bauch gepresst und wankte. Die Welt flimmerte vor ihren Augen und durch die weißen, tanzenden Punkte sah sie ihn auf sich zukommen. Panik schnürte Ally den Hals zu.
„Bitte“, krächzte sie, noch immer auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit. „Bitte lassen Sie mich in Ruhe.“


Vorteile des personalen Erzählers

  • geringe Distanz zur Figur, dennoch nicht so einschränkend wie Ich-Erzähler
  • hohe Spannung durch leicht eingeschränktes Blickfeld
  • Man kann sich vollkommen auf eine Figur einschießen und sie in der Tiefe darstellen
    • De Erzählstimme kann den Charakter des gesamten Romans beeinflussen


Nachteil des personalen Erzählers

  • Man ist natürlich dennoch auf das beschränkt, was die erzählende Figur sieht/denkt/wahrnimmt
    • Die Figur muss immer im Geschehen sein, um das Geschehen zu erzählen

 

Auktorialer Erzähler

Wie bereits gesagt, wird der auktoriale Erzähler heutzutage nicht mehr so oft eingesetzt wie früher. Man vermeidet in der heutigen Spannungsliteratur diese Erzählperspektive oft, da sie an einen Bruch von „Show, don’t tell“ erinnert. Dennoch ist es eine gute Idee, diese Perspektive zu nutzen, wenn das Buch sehr viele verschiedene, wichtige Figuren hat und der Leser nicht den Überblick verlieren soll.

Beispiel:

Ally war schon immer ein dürres Mädchen gewesen, was ihr in der Grundschule bereits den Spitznamen „Bohnenstange“ eingebracht hatte. Tom, in den sie heimlich verliebt war, redete sie sogar ständig mit „Olivia“ an, dabei war sich sie sicher, dass er noch nie eine Folge Popeye gesehen hatte. Sie saß an ihrem Klassentisch, ließ den schwarzen Bleistift durch die Finger gleiten, und hing ihren Gedanken nach. Die Mädchen um sie herum kicherten und waren der Meinung, dass Ally eines Tages vermutlich bei Rot über die Ampel gehen und überfahren würde, so gedankenverloren, wie sie immer war.


Vorteil des auktorialen Erzählers

  • maximale Freiheit in der Wahl der Gedanken, Ereignisse, Zeit, etc. Alle Informationen können mit dem Leser geteilt werden, weil es keine Einschränkungen gibt
  • Möglichkeit, unabhängig von Figuren Zusammenhänge zu erzählen, sodass der Leser einen Wissensvorsprung vor den Figuren hat


Nachteile des auktorialen Erzählers

  • distanzierter als die anderen Perspektiven
  • höhere Gefahr, ins „Erzählen“ (statt ins Zeigen) zu geraten

 

Du-, Wir-, Ihr- und Sie-Erzähler

Die übrigen Perspektiven fasse ich hier zusammen, da sie fast nie genutzt werden. Dennoch ist es eine Überlegung wert, sie auszuprobieren und dein Buch so von anderen abzuheben!

Viele so genannte „Spielbücher“ sind zum Beispiel in der Du-Perspektive geschrieben („Du läuft den Korridor entlang, der sich nach links und rechts aufteilt. Welchen Weg nimmst du?“).

Es macht Spaß, sich in unüblichen Perspektiven auszuprobieren. Wenn du mit deinem Roman fertig bist (oder falls du mal zwischendurch etwas Zeit hast), empfehle ich dir sehr, mal eine drei oder fünf Seiten lange Kurzgeschichte in einer dieser unüblichen Perspektiven zu probieren.

 

Die Wahl der Perspektive – Schritt 1

Durch wessen Augen sehen wir?

 

Überlege dir (am besten noch vor dem ersten Tippen des Textes), durch welche Augen die Geschichte erzählt werden soll. Das ist in den meisten Fällen die Hauptfigur, muss es aber nicht sein!

Die Geschichten von Sherlock Holmes sind beispielsweise (fiktive) Erzählungen von Dr. Watson, dem Assistenten von Holmes. Es kann einem Roman ein Herausstellungsmerkmal verpassen, wenn du von der Regel abweichst und einen außenstehenden Erzähler nimmst; gleichzeitig solltest du aber die üblichen Gegebenheiten deines Genres beachten. Während du in Thrillern, Krimis und Liebesromanen sehr frei in der Wahl bist, ist es unüblich, in einem Fantasyroman etwas anderes als den personalen, auktorialen oder Ich-Erzähler zu benutzen. Aber du weißt ja: Regeln sind da, um gebrochen zu werden.

Wie wählt man die richtige Figur?

Überlege dir im Vorfeld verschiedene Varianten, wer die Geschichte erzählen könnte. Die Hauptfigur selbst (entweder als Ich-Erzähler oder mittels personalem Erzähler)? Ein Außenstehender? Ein alter Mann, der aus einem Buch vorliest? Eine Nebenfigur, die vom Abenteuer der Hauptfigur berichtet? Mache dir Stichpunkte zu den verschiedenen Ideen.

 

Mehrere Viewpoints

Vielleicht eignet sich dein Roman dazu, mehr als nur eine Figur zu Wort kommen zu lassen. Als Pi-mal-Daumen-Regel solltest du dir merken, dass du einen sehr guten Grund brauchst, um mehrere Figuren erzählen zu lassen. Frage dich also: Warum sollte Figur XY ein eigenes Kapitel bekommen? Ist das so wichtig, dass ich es partout nicht in das jetzige Konzept integrieren kann?

 

Schritt 2: Welche Erzählperspektive?

 

Wenn du weißt, welche Figur die Geschichte erzählen soll, kommt als nächster Schritt die Frage auf, in welcher Perspektive der Roman geschrieben wird.

Manchmal weißt du schon von Anfang an, welche Perspektive am besten passt und brauchst dir dazu auch kaum Gedanken zu machen. In anderen Fällen hilft nur probieren: Schreibe die Anfangsszene aus unterschiedlichen Perspektiven! Fühle beim Schreiben, was dir leicht von der Hand geht, was den Charakter deiner Geschichte widerspiegelt.

Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass es manchmal ziemlich anstrengend sein kann, die richtige Figur und Perspektive zu finden. Bei meinem Thriller brauchte ich 5 verschiedene Entwürfe, ehe ich mich an die richtige Figur herangepirscht hatte (ich habe in dieser Geschichte 6 Hauptfiguren und habe mit unterschiedlichen Varianten experimentiert).

Aber lasse dich nicht entmutigen: Erstens macht es Spaß, die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, und zweitens liegst du vermutlich mit deiner ersten Eingebung schon richtig. Spüre beim Schreiben in dich hinein, wie es sich anfühlt, in dieser Perspektive zu schreiben! Mit der Zeit lernst du, dass jede Geschichte dir von sich aus mitteilt, wie sie geschrieben werden will.

 

Schritt 3: Testen

 

Es bleibt dir nichts anderes übrig als einfach zu testen, welche Variante sich für deine Geschichte am besten anfühlt. Ich empfehle dir, dass du anfangs zwei, drei verschiedene Varianten ausprobierst, denn nichts ist nerviger als einen kompletten Roman später umzuschreiben, weil eine andere Perspektive doch besser ist (und ich weiß, wovon ich rede, denn genau das habe ich bei meinem Roman „Auf das Leben“ gemacht. Es ist ätzend und die Wahrscheinlichkeit, dass doch noch „Reste“ der alten Perspektive übrig bleiben, ist sehr hoch).

Wenn du vollkommen unsicher bist, suche dir jemanden, der sich deine Geschichte und die unterschiedlichen Anfänge objektiv ansieht, am besten jemanden, der selbst Autor oder Lektor ist (oder von dem du weißt, dass er sehr kritisch ist und sagen kann, was an dieser oder jener Variante gut bzw. schlecht ist). Du findest diese Leute entweder in den sozialen Medien, in deinem Bekanntenkreis oder durch eine Google-Suche (hier geht es zum Artikel übers Netzwerken)

 

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Wie wählst du die richtige Perspektive?

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